Noch knapp zwei Kilometer bis zur Klinik. Wiesen, Weiden, so weit das Auge reicht, ab und zu ein Gehöft. Plattes Münsterland. Die Protestschilder am Rand des vielbefahrenen Kappenberger Damms werden zahlreicher, der Ton aggressiver. „Willkommen im Forensik-Rückfallgebiet“, ist zu lesen. Oder „Ein Albtraum – Sexualtäter im Schulbus.“ Die Schilder hängen hier seit fast zwei Jahren. Einheimische nehmen sie kaum noch wahr, aber niemand käme auf die Idee, sie abzuhängen. Schließlich hat sich an der Situation aus Sicht der aufgebrachten Anwohner nichts geändert.
Es ist nicht mehr weit bis zur geschlossenen Forensik Amelsbüren, wo psychisch kranke Straftäter untergebracht sind. Im November 2017 hat das Oberlandesgericht Hamm einen mühsam ausgehandelten Kompromiss zwischen dem Sicherheitsbedürfnis der Öffentlichkeit und den verbrieften Rechten der Inhaftierten – zu deren Gunsten. Unbegleitete Freigänge dürfen nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Die Empörung brach sich schnell Bahn. Über Nacht waren sie da, die eilig gepinselten Transparente.
Theoretisch bis zum Tod
Der schriftliche Aufschrei der Klinik-Nachbarschaft ist der Gruppe von Jura-Studentinnen und -Studenten nicht entgangen. Sie wartet jetzt vor der Eingangsschleuse zur Christophorus-Klinik Amelsbüren. Die meisten stehen kurz vor ihrem Master-Abschluss, und der Besuch ist Pflichtprogramm im Fach Kriminalwissenschaften.
Der 5,50 Meter hohe Zaun, der das Klinikgelände umschließt, glitzert in der fahlen Sonne. Oben ist er mit rasiermesserscharfem Nato-Draht gesichert. Fluchtversuche sind aussichtslos; wer probiert, über den Zaun zu klettern, würde sich in den Drahtverhauen verheddern. Seit Eröffnung der Klinik 2011 hat es noch keiner gewagt.
Die Arbeitstherapie im Maßregelvollzug ist freiwillig – und beliebt.
© Alexianer Münster GmbH
Der Kriminologe Klaus Boers hat zwei ganze Tage seines Blockseminars „Grundfragen und aktuelle Probleme des Straf- und Maßregelvollzugs“ von der Universität Münster in die geschlossene Psychiatrie verlegt. Seine Studenten – angehende Richter, Staatsanwälte und Verteidiger – sollen die harte Realität von Menschen kennenlernen, die, anders als Häftlinge, nicht wissen, wie lange der Freiheitsentzug für sie dauert.
„Theoretisch bis zum Tod“, wird später der Klinikdirektor Dieter Seifert erläutern. Die Seminarteilnehmer haben gelernt, dass die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nach Paragraf 63 Strafgesetzbuch „unbefristet“ und „unabhängig von der Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Behandlung“ erfolgt.
Von Exhibitionismus bis zur Vergewaltigung
Maßregelvollzug ist vom Strafvollzug und der Sicherungsverwahrung zu unterscheiden. Im Maßregelvollzug werden Straftäter behandelt, die aufgrund einer psychischen Krankheit oder Suchterkrankung nicht oder nur teilweise für ihre Tat verantwortlich gemacht werden können. Die Patienten leider unter Psychosen, Persönlichkeitsstörungen oder sind suchtkrank. Manche sind aufgrund einer intellektuellen Minderbegabung nicht in der Lage, das Unrecht ihrer Tat zu erkennen. Die Bandbreite begangener Delikte der Patienten reicht von Beschaffungsdiebstahl bis zu Tötungsdelikten. Sexualstraftaten machen etwa ein Viertel aller Einweisungsdelikte aus, wobei das Spektrum von Exhibitionismus bis zur Vergewaltigung reicht.
Für manche der Studenten sind die ersten Stunden hinter dem Klinik-Zaun ein Schock. „Aber ein heilsamer“, findet Professor Boers, derzeit Dekan der Juristischen Fakultät in Münster. Er kenne Dutzende von auch langgedienten Richtern und Staatsanwälten, die keine Vorstellung davon hätten, wie es den in Deutschland etwa 8.000 Patienten geht, die per Gerichtsanordnung in forensische Anstalten eingewiesen worden sind.
Auch wenn Kritiker des Maßregelvollzugs nicht müde werden, von einer „Schlangengrube“ zu sprechen, in der man einem Ärzte-Regime willkürlich ausgeliefert sei: In Amelsbüren ist man bemüht, sich sehr deutlich von einem Gefängnis zu unterscheiden. Die Insassen sind keine Häftlinge, sondern Patienten, es gibt keine Zellen, sondern (nur von außen zu öffnende) Zimmer. „Wir verzichten auch ganz bewusst auf schwarze Sheriffs“, sagt Dieter Seifert, der Klinikleiter. Aber wie alle Mitarbeiter, die mit den Bewohnern in Kontakt kommen, trägt auch der Psychiater sein Notrufgerät stets am Mann, um im Fall des Falles Kollegen zu Hilfe rufen zu können.
Klinikleiter Seifert kennt seine Schützlinge
54 straffällig gewordene „intelligenzgeminderte“ Männer werden in Amelsbüren behandelt. Früher wurden solche Täter als „schwachsinnig“ und ihre Persönlichkeit als „abartig“ bezeichnet. „Für jeden Patienten wird ein individuelles, seinen intellektuellen Fähigkeiten angepasstes Behandlungsprogramm erstellt“, heißt es auf der Website der Klinik.
Auf dem Weg zur Arbeitstherapie treffen wir auf eine Gruppe, die einen Küchenwagen über den großen begrünten Hof schiebt. „Hallo Chefarzt, wie war der Urlaub?“ grüßt einer der Männer herüber. Seifert kennt die Geschichte jedes einzelnen seiner Schützlinge. Ob die Patienten voneinander wissen, weshalb sie verurteilt worden sind, fragt eine Studentin. Seifert schüttelt den Kopf. „Das wird nach Möglichkeit vermieden.“
Die Christophorus Klinik für Forensische Psychiatrie in Amelsbüren.
© Alexianer Münster GmbH
Auf den Namensschildern an den Zimmertüren steht bloß „Herr B.“ oder „Herr E.“ Herr E. simuliert gerade auf dem Computer ohne Internetzugang ein Fußballspiel: Erzgebirge Aue gegen Bielefeld. „Bielefeld gewinnt“, sagt er. Die Wohngruppe 2 hat ein richtiges Wohnzimmer mit beigefarbener Couch und passenden Sesseln. Die Sitzgruppe wird von Kameras überwacht wie alle Gemeinschaftseinrichtungen. Und doch: Hier soll soziale Kompetenz trainiert werden. Für irgendwann später. Eine Waschmaschine läuft im Schongang: Baumwolle, 35 Grad. „Alles viel ordentlicher als in unserer WG“, bemerkt Lisa aus der Seminargruppe.
Weiter zur Arbeitstherapie, sie ist freiwillig und vielleicht gerade deswegen beliebt. Ein Mittvierziger sortiert Gummiringe für Einmachgläser, ein jüngerer Patient, der sich kaum artikulieren kann, bemalt Becher. Wie die Männer eingesetzt werden, richtet sich nach ihren kognitiven und feinmotorischen Fähigkeiten, erklärt der Therapeut, ein kahlköpfiger Hüne im schwarzen T-Shirt. Neben ihm liegt ein Skalpell, das er bei filigranen Holzarbeiten einsetzt. Bevor die Frage gestellt werden kann, beruhigt er: Ja, gefährliche Werkzeuge werden selbstverständlich unter Verschluss gelagert.
Nur ein Drittel unterhält Kontakte nach außen
Träger der Christophorus-Klinik sind die katholischen Alexianerbrüder, die Therapiestationen heißen „Agnes“ und „Katharina von Siena“, die Rehabilitationsstation „Edith Stein“. Zur Lebenswirklichkeit in Amelsbüren gehört auch, dass es einen von zwei Seiten begehbaren Krisen-Interventionsraum gibt: die „Gummizelle“, in der zum Beispiel randalierende Patienten bei Bedarf auf einer Matratze fixiert und medikamentös ruhiggestellt werden können. Auch zu ihrem eigenen Schutz, wird versichert.
Kurz darauf in einem Konferenzraum mit Blick auf den Hof. Die Studenten haben ihre Präsentationen auf Sticks mitgebracht, Laptops und Smartphones mussten an der Pforte eingeschlossen werden. Im dritten Referat an diesem Tag geht es um das schwierige Thema „Einsatz von Psychopharmaka als Bestandteil eines Gesamtbehandlungskonzepts“.
Noch bevor es losgeht, klopft ein leicht verwirrt wirkender Patient ans Fenster, nachdem er den Klinikchef entdeckt hat. Seifert öffnet das Fenster kurz und teilt dem Fragenden sachlich mit, dass es mit der Suche nach einem Wohnplatz nach der Entlassung gut aussieht. Kaum ein Amelsbüren-Insasse kehrt, wenn sich nach im Schnitt acht Jahren das große grüne Tor für ihn öffnet, in seine Familie zurück. Nur ein Drittel der Patienten unterhält Kontakte nach außen.
„Die will niemand haben“
Gerade bei schizophrenen Psychosen, mit mehr als 60 Prozent die Hauptdiagnose bei schuldunfähigen Tätern, referiert Clara, die im 10. Fachsemester Jura studiert, eröffneten Psychopharmaka immense therapeutische Möglichkeiten. Studien belegten zudem, dass diese Medikamentengruppe auch das Rückfallrisiko senkt. Die zweitgrößte Gruppe sind Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung. Jetzt schaltet sich der Kriminologe Boers ein. „Die will niemand haben, und deswegen landen diese Leute oft im Knast“, sagt er. Und Chefarzt Seifert wird noch deutlicher: „Man begutachtet sich diese schwierige Klientel gern weg.“
Zeit für zehn Minuten Pause. Zeit für einen Blick in die Anstaltskapelle. Einmal im Jahr veranstaltet die Klinik, so abstrus es angesichts des extrem hohen Sicherheitsstandards klingen mag, einen Tag der Offenen Tür. Beim letzten Mal hätten die Kommentare der Besucher zwischen „Gulag“ und „Luxus-Knast“ geschwankt, berichtet Seifert. Und einige hätten ihre Wut über angeblich zu großzügige Lockerungen an der bronzenen Altarplatte ausgelassen. Er zeigt Kratzer und andere Spuren roher Gewalt. Ständig müssen er und seine Mitarbeiter Risiken und Therapieziele gegeneinander abwägen. Keiner der Gäste des Besuchertags konnte ahnen, dass am Grill ausgerechnet ein verurteilter Brandstifter stand.
Fortschritt und Gefahr
Wie setzt die Klinik die für sie schwierige Gerichtsentscheidung zur großzügigeren Freigang-Regelung um? „Wir beurteilen weiterhin individuell Therapiefortschritte und Gefährlichkeit bei jedem unserer 54 Patienten“, sagt Seifert. Ohnehin sei nur eine sehr kleine Gruppe betroffen, die kurz vor ihrer Entlassung steht. Auch bei „begleiteten Ausführungen“ durch Klinik-Mitarbeiter kann es zu Situationen kommen, die geschicktes Reagieren verlangen.
So wie kürzlich beim Einkaufs-Training im Supermarkt, mit dem ein Stück Normalität zurückgewonnen werden soll. In naiver Vertrauensseligkeit brüstete sich ein wegen einschlägiger Delikte verurteilter Patient beim Bezahlen mit seinen Therapieerfolgen: „Ich mache nichts mehr mit Kindern.“ Die Frau an der Kasse lächelte und wünschte noch einen schönen Tag.
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