Strato

Das Internet zieht um

Nur so viel ist bekannt: Das Rechenzentrum des Internet-Dienstleisters Strato liegt in Berlin. Alles andere ist geheim. Der Grund: Strato unterhält 55.000 Server mit Daten von etwa zwei Millionen Kunden.

Matthias Loke
4 Min
Serverraum eines Strato-Rechenzentrums: Hier lagern Daten von Millionen Kunden.

Serverraum eines Strato-Rechenzentrums: Hier lagern Daten von Millionen Kunden.

© obs/STRATO AG Lizenz

Solche Zahlen verkündet man doch gern. Um mehr als 80 Prozent sei allein im dritten Quartal des Jahres die Zahl der Neukunden der Strato AG im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen, sagt Vorstandschef Christian Böing. In Deutschland lag der Zuwachs bei etwa 50 Prozent, richtig gebrummt hat das Geschäft in Spanien und in den Niederlanden: Dort gab es Steigerungen um das Sechsfache beziehungsweise um das Dreifache. Pressesprecherin Christina Witt nennt als Grund dafür, Strato habe sich in diesen Ländern „aggressiver positioniert und fokussierter geworben“. Strato mit Sitz in Berlin ist einer der größten europäischen Internet-Dienstleister und bietet sowohl Geschäfts- wie auch Privatkunden Domains, Email- und Homepage-Service, Online-Speicher, Webshops und Server an. „Ein sehr schönes Ergebnis“ nennt Böing den Zustrom: „Die Kunden mögen uns“.

17.000 neue Server

Das mag in der Tat erfreulich für das Geschäft der hundertprozentigen Telekom-Tochter sein, wird doch in dieser Branche der sogenannten Hosting-Unternehmen die Gewinn-Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen auf 30 und mehr Prozent des Umsatzes geschätzt.

Doch der Zuwachs bringt auch Probleme für Strato mit sich: Die Kapazitäten müssen ausgebaut werden. Wie Böing bei einem Rundgang durch das abgeschirmte Berliner Rechenzentrum erläutert, sei das gar nicht einmal eine Platzfrage. Die Räume seien groß genug, um weitere Server aufzunehmen. Derzeit beherbergt das Rechenzentrum, dessen Ort aus Sicherheitsgründen der Geheimhaltung unterliegt, 55.000 Server mit Daten von etwa zwei Millionen Kunden. Für die Zukunft und die „steigende Nachfrage nach Internet-Lösungen und Speicherplätzen“ will Strato aber beizeiten gerüstet sein. Deswegen sollen in den kommenden Jahren bis zu 17.000 neue Server aufgestellt werden.

Das braucht Zeit – und ein ausgeklügeltes Planungssystem. Denn es wird kein neues Rechenzentrum auf der grünen Wiese gebaut, sondern das bestehende inmitten Berlins aus- und umgebaut. Bei laufendem Betrieb, wie Technikvorstand Christian Müller anmerkt: „Das hat vorher noch keiner so gemacht“. Faktisch ziehe ein Teil des deutschen Internets um, ohne dass es Nutzer und Kunden merken. Zum Vergleich für die Komplexität wählt Müller ein einfaches Beispiel: „Wir machen alles im laufenden Betrieb. Das ist so, als würden Sie zu Hause eine neue Küche einbauen, während Sie ein Sechs-Gänge-Menü für eine Großfamilie vorbereiten“.

Platz für neue Server ist also vorhanden, aber der Groß-Umbau wird aus einem anderen Grund notwendig: Die Strom- und Kühlleistungen müssen für die Erweiterungen des Rechenzentrums erheblich ausgebaut werden. Um ebenfalls 30 Prozent. Das heißt, die komplette Stromversorgung wird erneuert – mitsamt einem Satz von insgesamt 3500 Batterien, die im Notfall 20 Minuten Stromausfall überbrücken können. Spätestens dann müssen die Dieselgeneratoren für den Notbetrieb angesprungen sein. Die Aggregate könnten einen ganzen Stadtteil mit Strom versorgen.

Umbau dauert vier Jahre

Den ersten Datenraum bei Strato haben die Techniker bereits fast fertig. Bauzeit ein Jahr. Vier stehen noch aus. Deren Umbau wird noch vier Jahre in Anspruch nehmen: „Das ist eine Frage der Sorgfalt“, sagt Vorstand Müller. Fehler könne man sich nicht erlauben. „Einmal falsch angelegt, dann sind alle Daten verdampft“.

Vom Umzug der Server merken die Kunden und Nutzer in der Regel nicht viel. Wenn die neuen Anschlüsse vorbereitet sind, werden die Serverschränke relativ profan mit einem Hubwagen an den neuen Platz gefahren und neu verkabelt. Strato versichert, dass der Umzug eines Schrankes nur eine Stunde dauert, danach könne der Kunde seinen Server wie gewohnt nutzen. Der Online-Speicher HiDrive zieht dagegen virtuell um, die Daten werden kopiert. Das allein dauert drei Monate bei einer Datenmenge von 2,4 Petabyte, was vergleichbar ist mit 1,2 Milliarden Fotos zu zwei Megabyte.

Aber was ist mit der Datensicherheit bei Strato in diesen Zeiten, in denen Geheimdienste wie die amerikanische NSA ungeniert Datennetze anzapfen? Technik-Vorstand Müller winkt sofort ab: „Bei uns kommt niemand rein“. Das Sicherheitssystem werde extrem rigide gemanagt. Gegen Hacker-Angriffe auf die Daten im Rechenzentrum sei man gut gerüstet. Sprecherin Witt ergänzt allerdings: „Ab dem Punkt, wo die Daten aus unserer Kontrolle ins Internet gehen, bleiben sie durch Fremdzugriffe gefährdet.“

Strato rüstet sich mit dem Ausbau des Rechenzentrums für ein stark wachsendes Geschäft. Aber spätestens, wenn der laufende Umbau komplett abgeschlossen ist, werde man „wieder nachdenken müssen, was dann kommen soll“, sagt Müller. Drei, vier Jahre Vorlauf brauchten die Planungen schon. Vielleicht muss dann doch wieder die grüne Wiese herhalten.

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