Street Art von Banksy

Schnitzeljagd in Big Apple

Der Graffiti-Künstler Banksy war als Residenz-Künstler in New York zu Gast. Bewohner und Touristen begaben sich auf Schnitzeljagd, um als Erste den neuesten Banksy zu entdecken - was bizarre Szenen hervorrief.

Sebastian Moll
7 Min
Banksys Trödelladen-Bild eines Nazis vor einem Bergpanorama hat mehr als 600.000 Dollar eingebracht.

Banksys Trödelladen-Bild eines Nazis vor einem Bergpanorama hat mehr als 600.000 Dollar eingebracht.

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Jerry Saltz war fest entschlossen, sich von dem Rummel um Banksy fern zu halten, als Anfang Oktober die ersten Werke des britischen Kult-Graffiti-Sprühers an New Yorker Außenwänden auftauchten. „Ich halte seine Sachen für eher mittelmäßig“, schrieb der Kunstkritiker des New York Magazine in seinem Blog, „er macht Pseudopunk-Agitprop, Anarchie-Lite, formelhafte politische Cartoons. Banksy hat keine Ideen, wenn man eines seiner Stücke gesehen hat, hat man alle gesehen.“

Nach knapp der Hälfte von Banksys einmonatiger „Residenz“ in New York, die am vergangenen Freitag mit einem riesigen Ballon über Queens zu Ende ging, hielt Saltz seine Banksy-Abstinenz dann aber doch nicht mehr durch. Der Kritiker selbst stellte sich auf die 79te Straße vor den neuesten Banksy und hielt ein öffentliches Seminar für Passanten über politische Kunst, Graffiti und die Verwandtschaft von Banksys Stücken mit den Arbeiten von Kara Walker.

Danach zeigte Saltz sich geläutert. „Ich habe jetzt verstanden, worum es bei dem Rummel um Banksy geht. Es geht darum, Teil der Reaktion auf Banksy zu sein. Es ist ein kommunales Ereignis, eine Gelegenheit für New Yorker, zusammen zu kommen.“ Saltz bedauerte zwar, dass die Picassos im MoMa nicht ähnlich leidenschaftliche Diskussionen hervorrufen wie Banksy, begrüßte aber die Tatsache, dass Kunst New York noch immer auf die Beine bringt.

Blumen von Banksy: Eine Tänzerin posiert vorm New Yorker Hustler Club.

Blumen von Banksy: Eine Tänzerin posiert vorm New Yorker Hustler Club.

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Auch in der Nähe des Yankees-Stadions in der Bronx prangt der britische Graffiti-Künstler: Banksy

Auch in der Nähe des Yankees-Stadions in der Bronx prangt der britische Graffiti-Künstler: Banksy's website betitelt das Werk als "Bronx Zoo".

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Ein Banksy-Graffito in der 24th Street, nahe der Sixth Avenue in New York.

Ein Banksy-Graffito in der 24th Street, nahe der Sixth Avenue in New York.

© AP/dpa Lizenz

Der Künstler liebt die visuelle Manipulation von Dingen im öffentlichen Raum, etwa Wasser-Hydranten....

Der Künstler liebt die visuelle Manipulation von Dingen im öffentlichen Raum, etwa Wasser-Hydranten....

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...und die Passanten lieben es, damit zu posieren.

...und die Passanten lieben es, damit zu posieren.

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Banksy-Anhänger haben sogar ihren Hund mit entsprechenden Fanartikeln dekoriert.

Banksy-Anhänger haben sogar ihren Hund mit entsprechenden Fanartikeln dekoriert.

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Dieses Werk ist in Brooklyn zu finden. Die Gebäudebesitzer, Familie Tabachnick, haben sogar Secirity-Personal engagiert, um es zu schützen, weil so viele Banksy-Graffiti bereits von anderen Sprayern übermalt worden sind.

Dieses Werk ist in Brooklyn zu finden. Die Gebäudebesitzer, Familie Tabachnick, haben sogar Secirity-Personal engagiert, um es zu schützen, weil so viele Banksy-Graffiti bereits von anderen Sprayern übermalt worden sind.

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So jung und schon ein Banksy-Model: Der siebenmonatige Benjamin Butler wird von seiner Mutter neben einem Banksy-Graffito auf Coney Island fotografiert.

So jung und schon ein Banksy-Model: Der siebenmonatige Benjamin Butler wird von seiner Mutter neben einem Banksy-Graffito auf Coney Island fotografiert.

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Auch in der Bronx sind die Banksy-Werke bei Familien beliebt.

Auch in der Bronx sind die Banksy-Werke bei Familien beliebt.

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Banksy sprüht nicht nur, er schafft auch Skulpturen - wie diese Steinformation im New Yorker Stadtteil Queens.

Banksy sprüht nicht nur, er schafft auch Skulpturen - wie diese Steinformation im New Yorker Stadtteil Queens.

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Keine Halloween-Party, sondern die Kunstinstallation "Grim Reaper Bumper Car" an der Lower East Side - geschaffen von Banksy.

Keine Halloween-Party, sondern die Kunstinstallation "Grim Reaper Bumper Car" an der Lower East Side - geschaffen von Banksy.

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Eine Leiter lehnt an einer Wand, wo Banksy einen Ballon mit der Aufschrift "Banksy" aufgehängt hatte - sein letztes Werk in Big Apple.

Eine Leiter lehnt an einer Wand, wo Banksy einen Ballon mit der Aufschrift "Banksy" aufgehängt hatte - sein letztes Werk in Big Apple.

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Saltz’ Erkenntnis war mit Sicherheit die treffendste Beschreibung der New Yorker Banksy-Aktion, die nach den Worten des Künstlers „überhaupt keinen Sinn“ haben sollte. Bei den Banksys, die den gesamten Oktober über jede Nacht an einer anderen Stelle der Stadt auftauchten, ging es nicht so sehr um die Banksys selbst als um die Reaktion darauf. Die Rezeption war Teil des Gesamtwerks. Und am Ende der vier Wochen hatte New York genauso viel über sich selbst gelernt wie über Banksy.

Dabei war das, was Banksy mit gewohnter strategischer Schärfe über New York zutage gefördert hatte, nicht immer schmeichelhaft. Ganz oben auf der Liste dessen, was Banksys Entblößungstaktik sichtbar machte, muss sicherlich die Spektakelsucht New Yorks stehen, die in der unermüdlichen Schnitzeljagd nach den Banksys augenscheinlich wurde.

Man hatte den Eindruck, als würde halb New York nichts anderes tun, als auf den neuesten Instagram-Post von Banksy zu warten, um sich dann sofort auf die Suche nach dem aktuellen Grafitto zu machen. Dabeisein war alles, möglichst als Erster, so wie bei der neuesten Band, der neuesten Trend-Boutique oder dem neuesten In-Gebäck.

Bizarre Szenen in East New York

Natürlich griff Banksy auch tief in einen seiner Lieblingsdiskurse ein – den Zusammenhang von Kunst und Kommerz und die Frage, welche Rolle Graffiti dabei spielen kann. Und auch in dieser Hinsicht war der Umgang der New Yorker mit den Banksys überaus aufschlussreich.

Da war etwa der Banksy, der in East New York auftauchte, einer der schlimmsten Gegenden der Stadt, in die sich sonst weder Künstler von Weltrang noch deren Anhänger verirren. Sein Graffito von einem Bieber, der ein Straßenschild annagt, verursachte hier bizarre Szenen.

Banksy-Touristen rückten mit Kameras an, angetrunkene Viertel-Bewohner deckten das Bild mit Pappe ab und verlangten 20 Dollar pro Foto. Es war eine Begegnung, die es ohne Banksy nie gegeben hätte und die auf theatralische Art die sozialen Spannungen der Stadt bloßlegte.

Ein eher selbstironischer Kommentar auf Kunst und Kommerz gelang Banksy mit seinem Stand am Central Park, an dem er einen älteren Herren „Spray-Kunst“ verkaufen ließ. Findige Sammler hätten hier Original-Banksys zu 60 Dollar das Stück erwerben können. Doch weil nicht beworben wurde, dass es sich um Banksys handelt, schlug niemand zu. Gerade einmal vier Bilder wurden an einem Tag gekauft; die Käufer hatten keine Ahnung, was sie da mitnahmen.

Das Argument über Etiketten und Wertschöpfung auf dem Kunstmarkt wurde noch unterstrichen, als ein paar Tage später New Yorker Künstler offen „falsche Banksys“ verkauften. Obwohl sie unverhohlen als Fälschungen ausgezeichnet waren, gingen sie weg wie warme Semmeln. Banksy hatte zweifellos seinen Spaß.

So viel Gefallen fand Banksy an diesem Spiel mit dem Tauschwert seiner Marke, dass er in der letzten Woche seiner Residenz der Sache noch einen Dreh hinzufügte. Banksy kaufte in einem Trödelladen einen Landschaftsschinken und setzte einen uniformierten Nazi hinein. Dann signierte er das Bild, taufte es „die Banalität der Banalität des Bösen“ – wohl eine Anspielung auf den Kunstbetrieb – und brachte das Bild zurück. Der Laden versteigerte es für mehr als 600.000 Dollar zugunsten obdachloser Aids-Kranker.

Bloomberg: „Graffiti ein Zeichen des Verfalls“

Bei so viel subversivem Verve hat es Banksy sicher als Ritterschlag empfunden, dass ihn der Bürgermeister Bloomberg bei einer Pressekonferenz zum Outlaw erklärte, weil „Graffiti ein Zeichen des Verfalls ist und privates Eigentum beschädigt.“ Vergangene Woche konfiszierten Bloombergs Cops seinen Ballon in Queens als „Beweismaterial“. Für Banksy ein untrügliches Zertifikat seiner künstlerischen Integrität: In einem Email-Austausch mit der Stadtzeitung Village Voice hatte er kurz zuvor geschrieben, dass „Graffiti seine Unschuld verliert, sobald es nicht mehr illegal ist“.

Doch das Geplänkel mit den Behörden ging nicht bei jedem als Authentifizierung des Star-Künstlers durch. So schrieb das Kulturmagazin Slate, dass Bloomberg einem völlig veralteten Paradigma verhaftet sei. Statt ihn zu ächten hätte Bloomberg den Markenkünstler Banksy fördern und schützen müssen, so wie er vorher schon die Projekte von Christo und Ólafur Eliasson als Touristenmagnete unterstützt hat.

Ob Banksy da mitgespielt hätte, darf freilich bezweifelt werden. Er ringt darum, sich trotz seines kommerziellen Erfolgs treu zu bleiben. In New York ist das gelungen – auch weil Banksy die Frage aufwirft, ob es als Markenkünstler überhaupt noch möglich ist, frisch und relevant zu bleiben. Es ist eine gute Frage. New York war gern bereit, sie aufzugreifen.

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