Streng, schön und schweigend: "A torinói ló (Das Turiner Pferd)" von Béla Tarr: Ein Königreich für ein Pferd

Alle paar Jahre läuft ein neuer Film von Béla Tarr auf einem der großen Festivals der Welt. Manche fürchten sich vor diesen Vorführungen, nicht wenige aber sehen ihnen auch mit Spannung entgegen. Die Filme des ungarischen Regisseurs sind nämlich eine enorme Herausforderung für den Zuschauer. Béla Tarr braucht schon mal siebeneinhalb Stunden, um eine Geschichte zu erzählen: in "Satanstango", der auf einem Roman von Lßszló Krasznahorkai beruht und 1994 im Forum der Berlinale gezeigt wurde. Tarr hatte seinem Film genau die Zeit gegeben, die er benötigte, um Krasznahorkais Roman zu lesen.Das war der Durchbruch. Tarr wurde berühmt; Regisseure wie Gus Van Sant berufen sich seither auf ihn. "Werckmeister Harmónißk" (2000) lief dann wieder im Berlinale-Forum - als neuerliches Zeugnis einer originären Dramaturgie und Bildsprache. Béla Tarrs Filme sind in Schwarzweiß gedreht, es gibt in ihnen sehr, sehr lange Einstellungen und vergleichsweise wenig von dem, was man Handlung nennt. Was im Glücksfall dazu führen kann, dass der Zuschauer Raum und Zeit vergisst. Und anders wahrnimmt: Tatsächlich sind diese Filme eine Bewusstseinsfrage.Man war also gespannt auf Tarrs neuen Film - zumal er von einer Schlüsselsituation der Philosophiegeschichte inspiriert war: Am 3. Januar 1889 verließ Friedrich Nietzsche seine Unterkunft in Turin, vielleicht um spazieren zu gehen, vielleicht auch um die Post aufzugeben. Als er sieht, wie ein Kutscher auf seinen unwilligen Gaul einprügelt, erleidet er einen Zusammenbruch, er umarmt und küsst das Pferd. Danach wird Nietzsche heimgebracht, zwei Tage liegt er stumm; seine letzten zehn Lebensjahre verbringt er in geistiger Umnachtung. "Über das Pferd wissen wir nichts", heißt es im Vorspann zu Tarrs neuem Film. Das will der Regisseur ändern, und er will noch mehr. Im Mittelpunkt von "A torinói ló (Das Turiner Pferd)" stehen der Kutscher und seine Tochter. Der Sturm umtost ihre armselige Hütte auf dem Lande.Béla Tarr zelebriert nun, gegliedert in fünf Tage, immer gleiche Abläufe: Das Pferd wird auf- und abgezäumt, gefüttert und getränkt. Der Vater wird von der Tochter entkleidet, dann legt er sich zu Bett. Die junge Frau bereitet das immer gleiche karge Mahl zu, das schweigend verzehrt wird. Der Blick aus dem Fenster ist hoffnungslos, vielleicht auch gottergeben. Was Mensch und Tier erlangen wollen - Schutz, Nahrung -, müssen sie der Natur mühselig abtrotzen, während der Sturm sie beugt. Immer wieder beginnt das von vorn."A torinói ló" ist ein hochverdichteter, abstrakter Film, mit atemberaubend schönen, sehr streng kadrierten Bildern. Man kann darin eine philosophische Reflexion, vielleicht sogar über den Nihilismus sehen. Oder eine über die geschundene Kreatur an sich. Sicher ist nur: "A Torinói ló" ist ein Monolith. Sich ihm nähern - das kann man nicht.-----------------------A torinói ló 16.2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-palast sowie 17 Uhr, Urania; 20.2.: 15 Uhr Berlinale-Palast------------------------------Foto: Mühsam stemmt sich die Tochter des Kutschers gegen den Sturm.DER PFERDEFLÜSTERER - WÄR' DOCH NUR EINER IN DER NÄHE GEWESEN, ALS JENES UNGLÜCKLICHE ROSS ZUSAMMENBRACH, DESSEN TOD DER MENSCHHEIT DIE FATALE GEISTIGEUMNACHTUNG VON FRIEDRICH NIETZSCHE ...

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Alle paar Jahre läuft ein neuer Film von Béla Tarr auf einem der großen Festivals der Welt. Manche fürchten sich vor diesen Vorführungen, nicht wenige aber sehen ihnen auch mit Spannung entgegen. Die Filme des ungarischen Regisseurs sind nämlich eine enorme Herausforderung für den Zuschauer. Béla Tarr braucht schon mal siebeneinhalb Stunden, um eine Geschichte zu erzählen: in "Satanstango", der auf einem Roman von Lßszló Krasznahorkai beruht und 1994 im Forum der Berlinale gezeigt wurde. Tarr hatte seinem Film genau die Zeit gegeben, die er benötigte, um Krasznahorkais Roman zu lesen.Das war der Durchbruch. Tarr wurde berühmt; Regisseure wie Gus Van Sant berufen sich seither auf ihn. "Werckmeister Harmónißk" (2000) lief dann wieder im Berlinale-Forum - als neuerliches Zeugnis einer originären Dramaturgie und Bildsprache. Béla Tarrs Filme sind in Schwarzweiß gedreht, es gibt in ihnen sehr, sehr lange Einstellungen und vergleichsweise wenig von dem, was man Handlung nennt. Was im Glücksfall dazu führen kann, dass der Zuschauer Raum und Zeit vergisst. Und anders wahrnimmt: Tatsächlich sind diese Filme eine Bewusstseinsfrage.Man war also gespannt auf Tarrs neuen Film - zumal er von einer Schlüsselsituation der Philosophiegeschichte inspiriert war: Am 3. Januar 1889 verließ Friedrich Nietzsche seine Unterkunft in Turin, vielleicht um spazieren zu gehen, vielleicht auch um die Post aufzugeben. Als er sieht, wie ein Kutscher auf seinen unwilligen Gaul einprügelt, erleidet er einen Zusammenbruch, er umarmt und küsst das Pferd. Danach wird Nietzsche heimgebracht, zwei Tage liegt er stumm; seine letzten zehn Lebensjahre verbringt er in geistiger Umnachtung. "Über das Pferd wissen wir nichts", heißt es im Vorspann zu Tarrs neuem Film. Das will der Regisseur ändern, und er will noch mehr. Im Mittelpunkt von "A torinói ló (Das Turiner Pferd)" stehen der Kutscher und seine Tochter. Der Sturm umtost ihre armselige Hütte auf dem Lande.Béla Tarr zelebriert nun, gegliedert in fünf Tage, immer gleiche Abläufe: Das Pferd wird auf- und abgezäumt, gefüttert und getränkt. Der Vater wird von der Tochter entkleidet, dann legt er sich zu Bett. Die junge Frau bereitet das immer gleiche karge Mahl zu, das schweigend verzehrt wird. Der Blick aus dem Fenster ist hoffnungslos, vielleicht auch gottergeben. Was Mensch und Tier erlangen wollen - Schutz, Nahrung -, müssen sie der Natur mühselig abtrotzen, während der Sturm sie beugt. Immer wieder beginnt das von vorn."A torinói ló" ist ein hochverdichteter, abstrakter Film, mit atemberaubend schönen, sehr streng kadrierten Bildern. Man kann darin eine philosophische Reflexion, vielleicht sogar über den Nihilismus sehen. Oder eine über die geschundene Kreatur an sich. Sicher ist nur: "A Torinói ló" ist ein Monolith. Sich ihm nähern - das kann man nicht.-----------------------A torinói ló 16.2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-palast sowie 17 Uhr, Urania; 20.2.: 15 Uhr Berlinale-Palast------------------------------Foto: Mühsam stemmt sich die Tochter des Kutschers gegen den Sturm.DER PFERDEFLÜSTERER - WÄR' DOCH NUR EINER IN DER NÄHE GEWESEN, ALS JENES UNGLÜCKLICHE ROSS ZUSAMMENBRACH, DESSEN TOD DER MENSCHHEIT DIE FATALE GEISTIGEUMNACHTUNG VON FRIEDRICH NIETZSCHE EINBROCKTE.

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