Krieg in der Ukraine, Dürren und Ernteausfälle in Äthiopien, Kenia und Somalia, die anhaltenden Krisen in Syrien, Libyen und im Südsudan – in diesem Jahr sind 274 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Diese Zahl veröffentlichen derzeit die Hilfsorganisationen, denn am Freitag ist der Welttag der humanitären Hilfe und damit die Chance, ein bisschen Aufmerksamkeit zu ergattern.
„Die Solidarität der internationalen Weltgemeinschaft ist angesichts wachsender Krisen jetzt besonders gefordert. Notlagen, die sich durch den Klimawandel oder Konflikte absehbar verschärfen werden, können nur durch eine solidarische Gemeinschaft bewältigt werden“, sagte etwa Manuela Roßbach von „Aktion Deutschland hilft“.
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Die Bundesrepublik muss sich dabei nicht verstecken, sie steht, gemessen am Geld, das für die Hilfe eingesetzt wird, weltweit an zweiter Stelle, direkt nach den USA. Dennoch ist die Bundesregierung gerade dabei, viel Anerkennung in der Welt zu verspielen, warnt Ralf Südhoff von Centre for Humanitarian Action (CHA). Er geht davon aus, dass in diesem Jahr sogar mehr als 300 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen.
Das CHA ist ein Thinktank mit Sitz in Berlin, der 2019 seine Arbeit aufgenommen hat, um unabhängige Analysen, kritische Diskussionen und öffentliche Vermittlung von Fragen der humanitären Hilfe voranzutreiben. Finanziert wird die Organisation von zehn Trägerorganisationen, zu denen unter anderem Oxfam gehört. Auch das Auswärtige Amt (AA) finanziert Forschungsaufträge, ist aber nur einer von vielen Geldgebern.
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Daher hält Südhoff auch nicht mit seiner Kritik an der humanitären Hilfe, die Deutschland leistet, hinterm Berg. Er fordert, dass die Ampel-Koalition nun den Fokus von der Krisenpolitik auf die längerfristig ausgelegte humanitäre Hilfe verlagert.
Deutschland hat keine besonders lange Tradition in der klassischen Nothilfe für andere Länder. Große Summen werden in diesem Bereich erst seit gut zehn Jahren investiert. Dafür stieg der Betrag rasant – von etwa 100 Millionen Euro im Jahr 2010 auf über 2 Milliarden im Jahr 2020. Das Problem: Es gibt zu wenig Personal, um das Geld angemessen zu verwalten. „Es gibt einen klaren Personalmangel in den zuständigen Referaten des Auswärtigen Amtes“, sagt Südhoff. „Mehr als ein Drittel des gesamten Budgets wird von einem Prozent der Mitarbeitenden verwaltet.“ Es sei jetzt aber an der Zeit, auch bei der humanitären Hilfe anzuerkennen, dass man vor einer Zeitenwende stehe. „Diese Einsicht sehe ich bei der Regierung bis jetzt noch nicht.“
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Das aber, so das CHA, schadet Deutschlands Ruf in der Welt. Dies legt zumindest eine Studie des Thinktanks nahe, deren erste Ergebnisse Südhoff in dieser Woche vorstellte. Dafür hat man Angestellte in den Organisationen befragt, die für humanitäre Hilfe weltweit unterwegs sind. Die Befragung ist nicht repräsentativ, doch die Meinung der Experten ist interessant.
Die Deutschen, so sagen sie, seien anerkannt und durchaus beliebt als Geldgeber – doch sie gelten als wenig interessiert daran, was mit den Summen wirklich passiert – und das vor allem, weil sie bei wichtigen Terminen vor Ort nicht präsent sind. Das wiederum hat mit dem Personalmangel in den deutschen Botschaften zu tun, die für derartige Aufgaben in der Regel nicht geschult sind. Zudem rotieren die Angestellten regelmäßig, was das Problem noch verschärft.
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Südhoff legte dazu Vergleichszahlen vor. Alle anderen Länder, die ein ähnliches Budget aufweisen wie Deutschland haben für die Verwaltung erheblich mehr Personal zur Verfügung. Am besten sieht es in der Europäischen Union aus, dort kümmern sich 600 Mitarbeiter um den Etat von 1,8 Milliarden Euro. Deutschland hat für seine 2,1 Milliarden Euro gerade mal 76,5 Mitarbeiterstellen, um weltweit die Hilfe zu koordinieren. Großbritannien verwaltet weniger Hilfsgeld mit einem doppelt so hohen Personaleinsatz.
Die Bundesregierung widmet ihren Etat angesichts der Personalknappheit daher meist Großorganisationen wie der Uno. Ganz anders Schweden. Das Land ist mit 400 Millionen Euro ein kleiner Geldgeber, aber laut Südhoff, sehr beliebt, weil hier viele Mitarbeiter das Geschehen aktiv begleiten.
Zynisch gesprochen könnte sich der Schlüssel von Personal und Geld in Deutschland womöglich von allein verbessern. Der Haushaltsentwurf für das nächste Jahr sieht nämlich auch beim AA deutliche Einsparungen vor. Südhoff befürchtet: „Das wird auch die humanitäre Hilfe betreffen.“
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