Das angeschlagene Touristik- und Handelsunternehmen Arcandor braucht bis 12. Juni eine Staatsbürgschaft über 650 Millionen Euro, sonst droht die Pleite. Der Chef der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske, will Gleichbehandlung: Wenn Opel gerettet wird, muss auch der Mutterkonzern von Karstadt gerettet werden, sagt er.Herr Bsirske, die Bundes- und vier Länderregierungen kümmern sich um Opel. Würden Sie sich diesen geballten Einsatz auch für die Rettung der Arbeitsplätze bei Arcandor wünschen?Unbedingt ja! Von der Größenordnung ist Arcandor mit 56 000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland absolut vergleichbar mit Opel. Die Karstadt-Häuser sind in vielen Innenstädten die Eckpfeiler des Einzelhandels. Wenn sie nicht mehr da sind, veröden ganze Stadtzentren. Es geht hier um mehr als nur um eine Konzernentwicklung.Sie fordern Staatsbürgschaften für Arcandor. Muss der Staat jedem Konzern helfen, der durch Managementfehler und Überkapazitäten in der Branche in Schwierigkeiten steckt?Wenn Aussicht besteht, dass staatliche Unterstützung zu einer tragfähigen Lösung führt, ist die Hilfe gerechtfertigt. Gerade in dieser Krise müssen wir die Arbeitsplätze sichern und den Binnenmarkt stützen.Was würde eine Insolvenz von Arcandor bedeuten?Einen Stellenabbau von vielen tausend Arbeitsplätzen. Nicht viel anders würde es aussehen, wenn Arcandor von Metro übernommen werden sollte. Und das alles in einer Situation, in der wir ohnehin mit deutlich steigenden Arbeitslosenzahlen rechnen müssen.Im Unternehmensfonds Deutschland ist festgelegt, wer Staatshilfe beanspruchen darf. Unter anderem gilt die Regel, dass man vor Mitte 2008 nicht in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sein darf. Das trifft auf Arcandor nicht zu.Ich sehe das anders. Im vergangenen Jahr gab es bereits ein fertiges Finanzkonzept, das zu 99 Prozent durch war. Dann kam die Hausbank Royal Bank of Scotland wegen der Finanzmarktkrise in Schwierigkeiten und konnte nur durch staatliche Hilfe gerettet werden. Vor allem wegen dieser Beinahe-Pleite konnte das Finanzkonzept von Arcandor nicht umgesetzt werden. Arcandor ist also durch die Finanzkrise in diese existenzbedrohende Lage gekommen. Deshalb ist die Situation auch mit der von Opel vergleichbar.Mit Opel und Arcandor stehen große Konzerne im öffentlichen Licht: Was ist mit dem Mittelstand, den kleineren Firmen?Wir sind dafür, dass die Lasten der Finanzkrise gerechter verteilt werden. Wir fordern einen Beteiligungsfonds in Höhe von 100 Milliarden Euro für den Erhalt von Unternehmen mit Substanz, besonders für die aus dem Mittelstand. Der Fonds sollte aus einer Abgabe in Höhe von zwei Prozent auf Vermögen oberhalb 750 000 Euro finanziert werden. Die Rückzahlung kann dann zum EZB-Zinssatz über etwa 20 Jahre erfolgen. Mit den eingenommenen Milliarden könnten in Not geratene Firmen gestützt werden. Das wäre ein Modell wie der Lastenausgleich in den Jahren nach dem Kriegsende.Welches Kriterium ist für die Gewährung von Hilfen entscheidend?Die Zahl der Arbeitsplätze hat in jedem Fall großes Gewicht, ebenso die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Beides scheint mir bei Karstadt gegeben zu sein. Bei der Regierung hat offenbar ein Suchprozess eingesetzt, nach welchen Kriterien staatliche Hilfe gewährt werden soll. Diesen Prozess wollen wir, auch im Bundestagswahlkampf, gern begleiten.Bekommt die Bundesregierung ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie Opel erhält, Arcandor nicht?Auf jeden Fall.Das Gespräch führte Matthias Loke.------------------------------Foto: Frank Bsirske, Verdi-Chef
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