Das hindert Südafrikas Räuber allerdings nicht daran, die an der Mauer angebrachten Hausnummern mitgehen zu lassen – vor allem, wenn diese aus Metall gefertigt worden sind, was noch interessanter ist als Strickstoff. Nicht weniger gefährdet sind Mülltonnen, die immer wieder dienstags zur Abholung auf die Straße gerollt werden, oder Wasserzähler, die, einmal abmontiert, einen tagelang nicht zu reparierenden Geysir sprudeln lassen.
Sogar eiserne Gullydeckel werden entwendet, weshalb Johannesburgs Autofahrer im Slalomfahren Meister sind. Kaum weniger aufregend ist, dass in der Sechs-Millionen-Metropole ständig Ampeln ausfallen: Findige Zweitverwerter haben herausgefunden, dass die ferngesteuerten Lichtzeichenanlagen mit Telefonkarten funktionieren, die auch in Mobiltelefonen eingesetzt werden können. Der Hochgeschwindigkeitszug Gautrain ist ebenfalls oft außer Betrieb, weil die dafür nötigen Kabel geklaut worden sind. Und in Harare, der Hauptstadt des Nachbarstaates Simbabwe, findet sich kein Ortsfremder mehr zurecht, seitdem sämtliche metallischen Straßenschilder abhandengekommen sind.
Alarm im Hohlraum
Wen überrascht vor diesem Hintergrund die Neuigkeit, dass Südafrika von einer Welle an Grabstein-Diebstählen heimgesucht wird. In den insgesamt 36 Begräbnisstätten der „afrikanischen Metropole der Weltklasse“, wie sie sich in der Eigenwerbung nennt, kämen Monat für Monat bis zu zwanzig Gedenkstelen abhanden, meldet die Johannesburger Friedhofsverwaltung.
Angesichts der Hilflosigkeit der Bestohlenen löst der Trend besondere Empörung aus: „Es geht ja nicht nur ums Geld“, sagt Lebohang Khitsane, Chef eines örtlichen Grabsteinunternehmens: „Es geht um das Andenken an die Verstorbenen, das auf diese Weise geschändet wird.“ Im Verdacht stehen allerdings ausgerechnet Khitsanes Kollegen, die die Steine offenbar gerne einer weiteren Verwendung zukommen lassen: In jüngster Zeit wurden mehrere Steinmetze vor Gericht geladen und zwei Beerdigungsfirmen auf den Index gesetzt.
Wo Gefahr ist, scheint aber auch am Kap der Guten Hoffnung das Rettende zu wachsen. Ein Unternehmen, das sich „Memorial Alert“, also Denkmal-Alarm, nennt, hat einen Chip entwickelt, der in den Stein eingebettet wird und jede Bewegung einem Kontrollzentrum melden soll. Dieses lässt den Hinterbliebenen dann eine Mail zukommen: Und über das Navigationssystem GPS kann die neue Position der flüchtigen Stele ermittelt werden. Ganz ähnlich funktionieren die Routen-Kontrollsysteme in Automobilen, mit deren Hilfe in Südafrika schon so manches gestohlene Fahrzeug ausfindig gemacht wurde.
Ein Wundermittel ist der Chip allerdings nicht. Da es die Diebe darin zur Meisterschaft gebracht haben, die Halbleiterplättchen in Windeseile in Automobilen ausfindig zu machen – und dafür mitunter das ganze Fahrzeug demontieren – wird ihnen auch das Instrument im Stein kaum entgehen. Vor allem dann, wenn es sich bei den Tätern um dieselben Steinmetze handelt, die den Hohlraum zuvor in den Granit gemeißelt haben.
Bei der jüngsten Erfindung handele es sich lediglich um eine neue Runde im Katz-und-Maus-Spiel zwischen Räubern und geschäftstüchtigen Entwicklern immer neuer Antidiebstahls-Apparate, heißt es deshalb in Südafrika. Das Wettrüsten wird erst zu Ende sein, wenn niemand mehr löchrige Socken als stehlenswert betrachten muss.
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