Südafrikansicher Sprinter

Oscar Pistorius verlässt das Gefängnis – zumindest vorerst

Der südafrikanische Ex-Sportstar Oscar Pistorius kommt am Dienstag aus dem Gefängnis. Frei ist er dennoch nicht. Er muss zu seinem Onkel in den Hausarrest. Möglicherweise bleibt er dort jedoch nur zwei Wochen.

Johannes Dieterich
4 Min
Oscar Pistorius: Könnte sich auch eine Karriere als Golfer vorstellen.

Oscar Pistorius: Könnte sich auch eine Karriere als Golfer vorstellen.

© reuters/SIPHIWE SIBEKO Lizenz

Sektkorken werden keine knallen, wenn Oscar Pistorius am Dienstag aus dem Hochsicherheitsgefängnis freikommt und in der Luxusvilla seines Onkels in Pretoria eintrifft. Dafür sorgen bereits die Bewährungsauflagen, die dem 28-jährigen Ausnahmesportler den Genuss von Alkohol verbieten. Davon abgesehen hat der „Blade Runner“ auch sonst nicht viel zu feiern: Schließlich ist es durchaus möglich, dass Pistorius bereits in zwei Wochen wieder hinter Gittern verschwindet. Am 3. November wird in Bloemfontein über die von der Staatsanwaltschaft beantragte Berufung verhandelt.

Rechtsexperten sehen eine große Chance, dass der beinamputierte Sprinter dann nicht nur wegen Totschlags, sondern wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp verurteilt wird. Darauf stehen in Südafrika mindestens 15 Jahre Haft – und zwar ohne die Möglichkeit, diese teilweise in Hausarrest umzuwandeln. Pistorius hatte in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine vier Jahre ältere Freundin Reeva in der Toilette seines Hauses in Pretoria mit vier Schüssen aus seiner Pistole getötet. Er habe sie für einen Einbrecher gehalten, beharrte der Angeklagte vor Gericht. Während die Staatsanwaltschaft davon ausging, dass es sich um einen Mord nach einem Streit handelte.

Pistorius sieht sich als Opfer

Nicht ganz zu Unrecht sieht sich Pistorius schon jetzt als Opfer seiner Prominenz und des weltweiten Interesses, das sein Live im Fernsehen übertragenes Verfahren ausgelöst hatte. Wäre alles nach gängiger Praxis verlaufen, wäre der Olympionike bereits vor zwei Monaten bei Onkel Arnold im noblen Stadtteil Waterkloof eingezogen: Denn das südafrikanische Strafrecht sieht vor, dass die Gefängnisstrafe eines sich gut führenden Totschlägers schon nach einem Sechstel der Zeit – in diesem Fall also nach zehn Monaten – in Hausarrest verwandelt werden kann.

Keiner zweifelt daran, dass sich der ohne Schienbeine auf die Welt gekommene Sportler in der Haft gut führte: Auch wenn er im Gefängnis gelegentlich mit seinem Zellennachbarn Radovan Krejcir Fußball spielte, der sich schwerster Vorwürfe zu verantworten hat und schließlich nach mehrfachen Ausbruchsversuchen in eine unterirdisch gelegene Zelle einer anderen Haftanstalt verlegt worden ist. Es gebe keine Hinweise, dass Pistorius in die Machenschaften des tschechischen Gangsterbosses eingeweiht war, teilte die Gefängnisleitung mit.

Dennoch zog Südafrikas Justizminister Michael Masutha einen Strich durch Pistorius’ frühe Entlassung. Der Bewährungsausschuss habe zu früh über die Umwandlung der Haftstrafe in Hausarrest entschieden, befand der Minister: Jedoch wird genau das in jährlich 15000 Fällen genau so gehandhabt. Minister Masutha stand offenbar unter dem Druck der Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses: Die hatte befunden, dass zehn Monate Haft für den Tod eines Menschen viel zu wenig sei. Rechtsexperten sehen längst die Unabhängigkeit der südafrikanischen Gerichtsbarkeit in Gefahr: Die Politik „schleiche“ sich nicht in das Rechtswesen ein, befand der emeritierte Richter Johann Kriegler: „Sie galoppiert donnernd hinein.“

Zwar wird Pistorius sein Haupt zumindest in den kommenden zwei Wochen auf ein Federkissen betten können. Doch mit Erholung ist der Hausarrest trotzdem nicht zu verwechseln. Außer dem Alkoholverbot wird der Freigänger entweder mit einem elektronischen Bewegungsmelder oder mit ständigen Gängen aufs nächste Polizeirevier rechnen müssen. Fest steht auch schon, dass Pistorius seine Therapie fortsetzen und soziale Arbeit verrichten muss

Allerlei Geschmacklosigkeiten

Er selbst, ließ er wissen, würde gerne mit behinderten Kindern arbeiten. Wie es mit seiner sportlichen Karriere weitergeht, steht in den Sternen: Zu internationalen Wettkämpfen wird er jedenfalls erst wieder nach Ablauf der fünfjährigen Gefängnisstrafe zugelassen. Für den dann 32-jährigen Sprinter könnte das zu spät sein. Ein Mitglied seiner Familie deutete an, Oscar werde sich womöglich dem Golf zuwenden: Mit einem Handicap von 18 sei eine professionelle Golferkarriere nicht ausgeschlossen, hieß es.

Gefasst machen muss sich die gefallene Ikone schließlich aber auch auf manche Geschmacklosigkeit. Ein britisches Versandhaus bietet bereits für Halloween ein „Blader Guner“-Kostüm an, einschließlich Prothesen-Socken und einer Plastikpistole. Und in Südafrika haben zwei Scherzbolde die einstige Wohnung des Promis gemietet, in der sie nun rauschende Feste feiern wollen. „Das ist das Haus eines Entertainers“, sagte einer der Mieter vor der Toilette, in der Reeva Steenkamp im Kugelhagel starb, in eine laufende Kamera: „Heiße Mädchen können sich selber einladen.“

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