Der Kaffee kommt aus einem Roboterarm. Bezahlt wird am Bildschirm. Ein Mitarbeiter ist weit und breit nicht zu sehen. Was vielerorts noch wie ein Zukunftsszenario klingt, gehört in Südkorea inzwischen immer häufiger zum Alltag.
Im ganzen Land entstehen unbemannte Cafés, Ramen-Restaurants, Blumenläden, Tierbedarfsgeschäfte und sogar Modeboutiquen. Betreiber setzen auf Selbstbedienung und Robotik, um steigende Personalkosten und den zunehmenden Arbeitskräftemangel auszugleichen. Reuters berichtet, dass Ende 2024 bereits rund 9000 solcher Geschäfte existierten. Nach Einschätzung des Zahlungsdienstleisters Samsung Card dürfte sich ihre Zahl zwischen 2020 und 2025 sogar vervierfacht haben.
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Roboter statt Barista
Zu den Vorreitern gehört das Unternehmen Lounge X in Seoul. Dort bereitet ein Roboterarm namens „Baris“ Kaffee und Matcha-Latte zu. Bestellt wird an einem Terminal, bezahlt digital. Menschen kommen meist nur noch einmal täglich vorbei, um Kaffeebohnen und Backwaren nachzufüllen oder den Laden zu reinigen. „Die Zahl der Baristas Anfang zwanzig geht drastisch zurück“, sagte Firmenchef Kim Dongjin der Nachrichtenagentur Reuters. Deshalb sei es immer schwieriger geworden, qualifiziertes Personal zu finden.
Wirtschaftlich lohnt sich das Konzept. Zwar erzielen klassische Cafés laut Kim oft höhere Umsätze. Durch die deutlich niedrigeren Personalkosten steigt die Gewinnmarge eines unbemannten Cafés jedoch auf mehr als 40 Prozent. Bei vergleichbaren Cafés mit Personal liege sie meist nur zwischen 10 und 15 Prozent.
Roboterarme bereiten in einem Café Kaffee für Kunden zu.
© Richard B. Levine/imago
Kunden bedienen sich selbst
Auch andere Konzepte setzen sich durch. In unbemannten Ramen-Restaurants wählen Kunden ihre Instantnudeln selbst aus, füllen heißes Wasser nach und ergänzen Zutaten nach Wunsch. Betreiber überwachen die Geschäfte aus der Ferne.
Dass dieses Modell funktioniert, liegt nach Einschätzung vieler Geschäftsinhaber auch an der vergleichsweise niedrigen Kleinkriminalität in Südkorea. Die meisten Kunden hielten sich an die Regeln, berichteten Betreiber Reuters. Zwar komme es vereinzelt zu Diebstählen oder technischen Problemen, insgesamt funktioniere das System jedoch zuverlässig.
Eine alternde Gesellschaft verändert den Alltag
Der eigentliche Grund für den Wandel liegt jedoch tiefer. Südkorea gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt und altert schneller als fast jede andere Industrienation. Die Regierung erwartet, dass die Bevölkerung von derzeit 51,8 Millionen Menschen bis zum Jahr 2072 auf 36,2 Millionen schrumpfen wird. Mit der sinkenden Zahl junger Erwerbstätiger verschärft sich der Personalmangel insbesondere in Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistungsberufen.
Bereits heute gilt Südkorea nach Einschätzung der OECD als eines der am schnellsten alternden Mitgliedsländer. Experten sehen darin eine Entwicklung, die viele andere Industriestaaten in den kommenden Jahrzehnten ebenfalls beschäftigen dürfte.
Ein Modell auch für Europa?
Deutschland fehlen nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft bereits heute mehr als 600.000 Fachkräfte. Das Statistische Bundesamt erwartet zudem, dass die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis Mitte der 2030er Jahre – je nach Entwicklung der Zuwanderung – um mehrere Millionen zurückgehen könnte. Unternehmen investieren deshalb zunehmend in Automatisierung und Künstliche Intelligenz.
Südkorea zeigt bereits heute, wohin diese Entwicklung führen kann. Während in Europa Selbstbedienungskassen und digitale Bestellsysteme den Alltag verändern, übernehmen dort Roboter bereits Aufgaben von Baristas oder Verkäufern und zahlreiche Geschäfte kommen rund um die Uhr ganz ohne Personal aus. Ob dieses Modell auch in Europa Schule macht, ist offen. Angesichts des demografischen Wandels gilt Südkorea jedoch vielen Ökonomen als wichtiger Vorreiter.
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