Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz über den Umzug nach Berlin und die Zukunft ihres Verlages

Weihnachten in der neuen Stadt

Harald Jähner
5 Min

Elf Mal werden wir noch wach, dann nimmt der Suhrkamp Verlag offiziell seine Arbeit in Berlin auf: nämlich am Montag, dem 4. Januar 2010. Noch herrscht Umzugsstress. Im ehemaligen Finanzamt in der Pappelallee werden Kisten ausgepackt und Regale eingeräumt. Dort im Prenzlauer Berg bleibt Suhrkamp für zwei bis drei Jahre, bis es dann endgültig ins würdigere Domizil geht: ins Nicolaihaus. Nach Verlagsangaben sind zwei Drittel der 160 Suhrkamp-Angestellten von Frankfurt nach Berlin umgezogen und bleiben auf diese Weise weiter beschäftigt.Kürzlich gab es die letzte Weihnachtsfeier der Belegschaft in Frankfurt, zusammen mit vielen älteren Kollegen, die schon früher den Verlag verlassen hatten. Fröhlich war das nicht; es war eine Abschiedsfeier, die vielen schwer fiel. Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz gibt am 26. Januar einen exklusiven Empfang in den neuen Räumen, Klaus Wowereit wird zur Eröffnung sprechen. In den letzten Wirren des Umzugs sprachen wir mit der Verlegerin über die Trennung von Frankfurt und über die Hoffnungen, die sie mit Berlin verbindet.Frau Berkéwicz, Unternehmen verlegen üblicherweise ihren Firmensitz, um sich von Mitarbeitern zu trennen. Umzüge sind Verschlankungsprojekte. Wen oder was wollten Sie loswerden?Neugewinnen wollen wir, nicht abstoßen. Schon in den letzten Jahren von Siegfried Unseld war es nicht mehr leicht, qualifizierte Leute aus Städten wie Berlin, Hamburg, München etc. dazu zu bewegen, in Frankfurt zu arbeiten. Das ist, so zeigt es sich jetzt, bei unseren diversen Neueinstellungen in Berlin deutlich anders.Ein Luftwechsel tut immer gut, sagt man. Aber ist es für einen Verlag heutzutage nicht völlig egal, wo er arbeitet? Hat das Internet die Entfernungen innerhalb Deutschlands nicht derart schrumpfen lassen, dass Sie Ihre Bücher überall publizieren können?Wenn Leute, die geistige Arbeit machen, jeden Abend nach Hause gehen, weil der Geist in ihrer Umgebung aufgegeben hat, weil die Leute um sie herum eine Quecksilbermine ausbeuten, obwohl sie wissen, dass sie dabei draufgehen, kann das auf Dauer nicht gut für Arbeit der Leute sein.Wir brauchen gemeinsames Erleben, am selben Ort, zur selben Zeit. Den Kairos oder die Katharsis kann man nicht vor dem Bildschirm erleben. Je beweglicher man auf dem Markt der materiellen und der virtuellen Güter sein muss, desto wichtiger wird die innerbetriebliche Koordination, der Zusammenhalt, das Vertrauen. Fragen Sie einmal die wirklichen Nomaden, die lange vor dem Internet ihren Beruf "mobil gelebt" haben - Schauspieler, Handlungsreisende, Zirkusmenschen -, ob der Ort je wirklich egal war, an dem man sein Lager aufgeschlagen hat. Ich glaube, es ist eher so: Je ortloser das Geschäft, desto wichtiger der Ort, an dem sich diejenigen kennen- und einander vertrauen lernen können, die dann die bewegliche Arbeit machen.Was reizt Sie persönlich besonders an Berlin?Gershom Scholem hat die Berliner einen resilienten Menschenschlag genannt. Das gefällt mir.Mir auch, aber ich versteh's nicht. Was bedeutet "resilient"?Widerborstig, widerständig. So was.Was erwarten Sie für Ihren Verlag von der Zukunft in Berlin?Einen neuen Rahmen für die Geschichte, neue Arbeitsverhältnisse, die zu neuen Literaturformen führen und, wenn wir viel Glück haben, auch umgekehrt.Die Straßen der Hauptstadt sind breiter, dort kann man nebeneinander gehen, dort kann man vielleicht sogar ein Stück weit aufrecht gehen und geradeaus, mal sehn.Welche materiellen Vorteile bietet der Umzug?Keine. Es sind ideelle Vorteile.Der Ortswechsel setzt sicher Synergien frei für eine Neukonzeption des Verlags. Mit dem Wort von der Suhrkamp-Kultur beschrieb man für viele Jahre die tonangebende Schicht der Bundesrepublik. Haben Sie den Ehrgeiz, Prägekraft zurückzuerobern?Um den Einfluss unserer Bücher auf das Kulturleben und die Debatten ist mir nicht bange; es geht eher darum, das Kulturleben und die Debatten selbst zu erweitern, nicht den Einfluss, den wir darauf haben.An welchen Begriffen sollte sich nach Ihrem Willen eine Neukonzeption des Verlags orientieren?Dieses Begriffe-Raten ist ein überalterter Fetisch - natürlich werden wir weiter auf Eigensinn, Kritik, Originalität, Wahrheit, Dichtung und noch mal Dichtung bauen; aber die wichtigen Werte der nahen Zukunft sind weniger Hauptwörter als vielmehr Verben: Anfangen, Aufpassen, Widersprechen, Ändern, Weitergeben.Neben den einzelnen Büchern zeigen der Verlag der Weltreligionen, die Edition Unseld und die Filmedition Suhrkamp, wie das aussieht. Und so wird es weitergehen.Neben Graphic Novels wird es dann auch eine Wiederentdeckung der Freiheiten des Theaters geben, an der wir uns so bemerkbar beteiligen, wie es dem Verlag Brechts ansteht, es wird neue Formen dessen geben, was die fantastische Bibliothek geleistet hat, wir werden Klassiker der Aufklärung gegen die Zerstreuungs- und Nivellierungsbedröhnung aufstellen, und Genres, die ihre Klassiker erst hervorbringen, es wird Suhrkamp-Sachbücher geben, deren Inhalte sich aus der bisherigen Geistigkeit unserer Verlage fortsch reiben, wir werden im sechzigsten Jahr des Verlagsbestehens eine Öffentlichkeit herstellen für die Verlagschronik von Siegfried Unseld, in deren Licht dann einiges, was über Ideal und Wirklichkeit dieses Unternehmens, dieser Intuition gefaselt, gemutmaßt, gefürchtet, gehofft und gelogen worden ist, in sehr anderem, sehr klarem Licht dastehen wird.Das Bedürfnis nach schnellem Betrug geht auch eines Tages vorbei. Es gilt, die Werte über solche Zeiten wie die unseren hinüberzuretten und Erkenntnisse, die zu neuen Werten führen, aus ihr zu gewinnen, oder? Wie hat Christa Wolf es uns damals erklärt? "Wir sagten nicht zu euch: Heuchelt! Wir sagten: Seid unzufrieden. Verändert, was euch nicht gefällt, es gibt nichts, was euch nichts angeht ."Das Gespräch führte Harald Jähner.------------------------------"Die Straßen der Hauptstadt sind breiter, dort kann man nebeneinander gehen." Ulla BerkéwiczFoto: Ulla Berkéwicz vor einem Bild ihres 2002 verstorbenen Mannes, des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld.

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