Symphonische Uraufführung zum 200. der Humboldt-Uni

Zum Jubiläum ein Kosmos

Matthias Nöther
4 Min

Es wäre schon seltsam, wenn die Festlichkeiten zum 200. Jubiläum der Humboldt-Universität nicht von einem außergewöhnlichen Konzert ihrer großen Musikensembles gekrönt würden. Musik hat an dieser Universität eine Tradition, die so alt ist wie die Institution selbst. Schon in den Gründerjahren um 1810 bestimmte sie das Musikleben der Stadt mit: Nicht zuletzt in Gottesdiensten, auf Beerdigungen und Hochzeiten waren es musikbegeisterte Studenten, die sangen. Ein Hochschulorchester indes, ein Collegium Musicum, wurde erst zwei Jahrzehnte später gegründet.Im Jahr 2010 heißt der Universitätsmusikdirektor seit 16 Jahren Constantin Alex. Er leistet eine hervorragende künstlerische Arbeit, die Studenten schätzen ihn. So ist es möglich, dass er mittlerweile sogar zwei relativ große, unabhängige Studentenorchester leitet. In ihrer tückischen Verwechselbarkeit scheinen das Symphonische Orchester der Humboldt-Universität und Humboldts Studentische Philharmonie fast wie ein Mikrokosmos der verwirrenden Berliner Profiorchester-Szene. 140 Mitglieder zählt dazu der Philharmonische Chor der Humboldt-Universität, daneben wird ein kleinerer "Chor der Humboldt-Universität" von dem Dirigenten Carsten Schultze geleitet. Es gibt sogar noch einen Kammerchor und eine Bigband. Dem großen Studentenchor gilt, das merkt selbst der Zuschauer beim Anblick von Constantin Alex' Dirigaten, die besondere Liebe des passionierten Kirchenmusikers. Zu Recht: Es dürfte die erste musikalische Anlaufstelle auch für solche Erstsemester sein, die zu Schulzeiten noch nicht so viel mit Musik zu tun hatten wie ihre Kommilitonen in den Orchestern - eine gute Gelegenheit für den Universitätsmusikdirektor, eine ganze Generation von mündigen Konzertbesuchern heranzubilden.Constantin Alex' Programme tragen meist die Tendenz zum Unalltäglichen in sich: Immer wieder kommt es zu Ausgrabungen vergessener großer Chor- und Orchesterstücke, auch zu Uraufführungen. Nun ist das Dreifach-Jubiläum der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Charité sowie der Universität selbst naturgemäß die Unalltäglichkeit an sich. Und ins Blickfeld von Honoratioren kommt ein Orchester am ehesten zu solchen Anlässen. So merkte man dem Festkonzert in der Philharmonie die Mühen an, dem hohen Anlass Tribut zu zollen, die Messlatte bog sich nur so unter Superlativen: Neben Beethoven musste ein Auftragswerk her, das analog zu Alexander von Humboldts fünfbändigem Werk "Kosmos" "die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens (...) wissen", darstellen sollte.Es musste schon ein sehr abgeklärter Komponist sein, der da nicht nervös wird. Walter Steffens, geboren 1934, hat es denn auch in seiner Kosmos-Symphonie tatsächlich geschafft, sich nicht vom wissenschaftlichen Totalitätsgedanken des 19. Jahrhunderts besoffen machen zu lassen. Er hat eine auftrumpfende Großartigkeit vermieden - soweit dies noch möglich war, nachdem hier zwei Chöre und zwei Orchester der Universität zu einem monumentalen Klangapparat zusammengeführt wurden.Die Musik auf die universalistischen Goethe-Gedichte "Vermächtnis", "Eins und alles" sowie den "Faust"-Prolog orientiert sich für die massiven Tutti-Teile eher an Strawinskis neoklassizistischer Unfeierlichkeit. Zwar werden über minimalistisch wiederholten Streicherfiguren spannungsgeladene Linien der Holzbläser hörbar, doch Steffens dehnt diese Linien zeitlich so sehr, dass sie oft in Beliebigkeit zerfallen. Beeindruckend ist die Textverständlichkeit des Riesenchores, der sich in den oft massiven Einsätzen, von Steffens gekonnt blockhaft inszeniert, klanglich keinen Offenbarungseid leisten muss.Gnadenlos offen liegen dagegen die ersten drei Sätze von Beethovens Neunter Symphonie. Sie sind kein organischer Bestandteil jenes Massenstücks mit Schillers Schlusschor, und sie sind auch keine Musik, die ein Laienorchester eben mal wieder aufwärmt. Der Segen der Masse, der Steffens' Festmusik rettet, bekommt Beethoven nicht gut. Ein differenziertes Piano scheint den Streichern im ersten Satz kaum denkbar, die teilweise verdoppelten Blechbläser bratzen zu oft in gut entwickelte Steigerungen hinein. Erst in der Ruhe des dritten Satzes findet das Orchester zu der Konzentration und zu einer Entwicklung der Linien, die man aus den gewöhnlichen Semester-Abschlusskonzerten unter Constantin Alex' Leitung gewöhnt ist. Zum Glück macht das Finale mit "Freude, schöner Götterfunken" solche Ungereimtheiten vergessen. Dafür war die Neunte schon immer gut.------------------------------Die Messlatte bog sich unter den Superlativen.

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