Syrien-Konflikt

Der Krieg hinter der Mauer

Hunderttausende syrische Flüchtlinge leben inzwischen im Südosten der Türkei. Die neue Bedrohung für sie ist der nahende Winter.

Frederik Bombosch
7 Min
Syrische Flüchtlingskinder vor der Schule im Camp nahe der Stadt Kilis. Viele haben große Schwierigkeiten, sich während des Unterrichts zu konzentrieren.

Syrische Flüchtlingskinder vor der Schule im Camp nahe der Stadt Kilis. Viele haben große Schwierigkeiten, sich während des Unterrichts zu konzentrieren.

© Reuters/Adem Altan Lizenz

Der andere Weg zweigt unmittelbar vor dem Übergang nach rechts ab. Hier herrscht reger Betrieb. Bewaffnete Uniformierte kontrollieren die wenigen Fahrzeuge und die vielen Fußgänger. Hinter dem Kontrollposten liegt das Flüchtlingscamp von Kilis.

Es ist das Syrien der Diaspora, Zufluchtsort von 15.000 Menschen, die keine Heimat mehr haben. Eine Kleinstadt mit einem Krankenhaus, zwei Moscheen, zwei Schulen und drei Supermärkten. Es gibt Straßenschilder und Spielplätze, aber kein einziges richtiges Haus, nur einige Baracken und mehr als 2000 weiß lackierte, ordentlich aufgereihte Container. Jeder von ihnen ist 21 Quadratmeter groß, hat zwei Schlafzimmer, eine Kochnische, ein Badezimmer und Platz für sechs Menschen.

Aussicht auf den Krieg

Das Lager ist von einem Zaun umgeben, Richtung Osten von einer Mauer. Hinter der Mauer herrscht Krieg. Es gibt eine Aussichtsplattform, wie früher an der Mauer in West-Berlin. Man muss nicht hinaufklettern, um zu wissen, was in Syrien vor sich geht. Immer wieder hört man Schüsse und Explosionen. Vor Kurzem wurde ein kleines Mädchen von einem Querschläger verletzt. Der Krieg ist den Flüchtlingen gefolgt, jetzt leben sie Wand an Wand mit der Bedrohung.

Rami Salim gehörte zu den ersten, die ihr Land verließen. Er sitzt auf dem Boden im Container seines Freundes Ahmed Bistani. Sie stammen aus demselben Dorf. Jetzt, nach ihrer Flucht, wohnen sie wieder ganz nah beieinander, aber sonst ist alles anders. Ahmed und seine Familie haben den kargen Raum mit einfachsten Mitteln wohnlicher gemacht. An der Wand hängt eine weiße Plastikuhr in Herzform. In der Ecke steht ein alter Röhrenfernseher, darüber lehnen einige Bücher auf einem Eckbord.

Knapp zweieinhalb Jahre ist es her, dass Rami festgenommen wurde. 17 Tage lang war er im Gefängnis, erzählt er, wurde geschlagen. Sein Dorf galt dem Regime als Widerstandsnest. Rami ging zurück nach Hause, wollte wieder arbeiten. Als dann das Militär kam, floh er.

Jetzt ist er 32 und immer noch Single, das betont er mehrmals. Dabei ist er ein schmucker Kerl in seinem schwarzen Jackett und den Designerjeans. „Cowboyhosen“, sagt er und lächelt schief. Ein Camp ist eben kein Ort zum Verlieben. Trotzdem, Rami hat Glück, er hat etwas zu tun. In Syrien war er Feuerwehrmann, heute ist er Lehrer an einer der Schulen im Camp, unterrichtet Englisch, obwohl seine Sprachkenntnisse mangelhaft sind. Er bekommt auch ein bisschen Geld für seine Arbeit, aus Katar, sagt er. Hin und wieder läuft er in die fünf Kilometer entfernte Stadt und kauft sich Kleider oder was er sonst so braucht.

Sein Freund Ahmed hat weniger Glück. In Syrien war er Bauer, jetzt sind seine Tage leer. „Ich gehe zur Moschee, bete, dann gehe ich wieder nach Hause, mehr kann ich nicht tun“, sagt er. So wie seine Tage vergehen die der meisten Flüchtlinge im Camp. „Muslime sind geduldig“, sagt Rami, aber es ist eben nicht nur die Langeweile, es quälen auch die Sorgen um Freunde und Verwandte.

Gastfreundschaft als Staatsräson

Mehr als die Hälfte der Bewohner sagen, sie bräuchten psychologische Hilfe, aber längst nicht alle bekommen sie. Das hat Folgen. Die Kinder könnten sich in der Schule nur schwer konzentrieren, erzählt Rami. Und wenn es irgendwo einen Knall gebe, dann zuckten alle Umstehenden zusammen. Der Gefechtslärm sei wie Folter. Wenigstens befinden die Flüchtlinge sich auf der sicheren Seite der Mauer, und sie haben ein Dach über dem Kopf.

Schon zu Beginn der Syrien-Krise hat die Türkei ihre Grenzen für Flüchtlinge geöffnet. Jeder darf kommen. Wer sich registrieren lässt, wird kostenlos medizinisch versorgt und bekommt nach Möglichkeit eine Unterkunft. Nachbarschaftshilfe ist Staatsräson in der Türkei. Doch allmählich überfordert die Lage selbst dieses große Land, dem es doch so viel besser geht als Jordanien und dem Libanon, die neben der Türkei die Hauptlast der Flüchtlingskrise tragen.

600.000 Syrer haben in der Türkei Zuflucht gesucht, und das sind nur die offiziellen Zahlen. Nach Schätzungen des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR könnten es bis Ende des Jahres mehr als eine Million werden. Die Zahl der Flüchtlinge wachse schneller als die der Aufnahmeplätze. Das heißt: Wer nicht genug Geld hat, um eine Wohnung zu bezahlen, muss auf der Straße leben.

In der 1,6-Millionen-Einwohner-Stadt Gaziantep, gut fünfzig Kilometer nördlich von Kilis, sind bereits 85.000 Syrer eingetroffen. Eine mittelgroße in der ganz großen Stadt, es gibt mittlerweile sogar eine Schule, in der nur syrische Kinder nach syrischen Lehrplänen unterrichtet werden. Zum Vergleich: In ganz Deutschland wurden bis September 19 176 Asylbewerber aus Syrien registriert, das gilt hierzulande als Flüchtlingswelle.

Gaziantep geht es gut, die Industrie feiert jedes Jahr neue Exportrekorde, binnen zwanzig Jahren hat sich die Einwohnerzahl mehr als verzehnfacht. Da sollten einige zehntausend Fremde nicht allzu sehr ins Gewicht fallen, könnte man meinen. Doch so ist es nicht. Bürgermeister Asim Güzelbey, Mitglied der Regierungspartei AKP, kommt ohne Umschweife zum Thema. Er empfängt in seinem Büro im Rathaus, dessen Ausstattung nicht nur die Würde des Amtes, sondern auch den Reichtum der Stadt widerspiegelt: ausladende Sessel, schwarze Glastische, dunkle Holzvertäfelung, Lederbeschläge an den Türen.

Güzelbey gilt als Vater des Erfolgs von Gaziantep, der 62-jährige Mediziner mit dem runden Gesicht und der randlosen Brille hat sich in seiner neunjährigen Amtszeit redlich bemüht, nicht nur die Interessen der Großunternehmen zu bedienen, sondern die Stadt zu verschönern und das Zusammenleben der Alteingesessenen und der vielen Zuwanderer vom Land zu verbessern. Im Moment aber ist er ein wenig ratlos. „Viele Syrer, die hierher kamen, waren wohlhabend“, sagt er.

Auch sein Amtskollege aus Aleppo ist geflohen, jetzt lebt er im Umland von Gaziantep. Sie haben sich vor dem Krieg oft getroffen, er ist Stadtplaner von Beruf. Viele Ärzte, Ingenieure und Architekten sind unter den Flüchtlingen, eine Weile konnten sie von ihren Ersparnissen leben. Aber jetzt campieren etliche schon in den Parks. Güzelbey denkt laut nach: „Am einfachsten wäre es, wenn wir allen eine Arbeitsgenehmigung geben könnten. Die Industrie braucht dringend Arbeitskräfte.“ Aber wenn man das täte, dann kämen ja noch mehr Flüchtlinge aus ärmeren Gegenden der Türkei.

Das Ausland muss helfen

Ob es Probleme gibt zwischen den Bewohnern und den Flüchtlingen? Nein, sagt der Bürgermeister. Nein, sagen auch alle anderen, die man fragt. Dabei gäbe es genügend Gründe für Spannungen, beispielsweise sind die Mieten stark angestiegen.

Die Türken seien sehr gastfreundlich, sagt die lokale Vertreterin des UNHCR. Sie erzählt von einer Flüchtlingsfamilie im 200 Kilometer entfernten Antakya. Diese wohnte dort in einem früheren Kiosk auf dem Mittelstreifen einer Straße. Der Besitzer habe sie in die Baracke gelassen, Anwohner hätten ihnen Möbel und Kleider gebracht. Aber ein richtiges Haus sei so ein Kiosk nicht, und wenn der Winter komme, dann werde das Überleben schwer. Die Städte im Südosten der Türkei bräuchten dringend Hilfe aus dem Ausland.

Der Winter bereitet auch Bürgermeister Güzelbey Kopfzerbrechen. Es kann kalt werden in Anatolien, sehr kalt. Güzelbey weiß noch nicht, wie die Stadt den Flüchtlingen dann helfen soll; jenen, die Wohnungen haben, aber ihre Gasrechnungen nicht mehr bezahlen können, und jenen, die gar nichts haben. Die beste Lösung, sagt er, wäre Frieden. Aber das ist nur ein Wunsch.

Diese Recherche wurde durch ein Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung ermöglicht.

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