GLASGOW, im März. Ein wenig aufgeregt sind sie heute bei Glasgow Records, schlicht nervös. Der jüngste Star des jungen Plattenlabels gibt sein erstes Fernsehinterview, und das im eigenen Haus. Der Star heißt "T-Babe" und hat sich hübsch gemacht für das BBC-Team von der "Newsround"-Redaktion. Die blondierten, kurzen Haare sind mit Haargel struppig verklebt, der Mund ist kussfest geschminkt, die üppige Oberweite sitzt in einer Wenigkeit von Lycra-Bikini.Das Lampenfieber vor dem allerersten Kamera-Auftritt hat die 18-jährige Pop-Künstlerin in Arroganz umorganisiert. Stolz und ein wenig steif sitzt sie auf der Couch, die Beine übereinander geschlagen, die Lackstiefelspitzen wippen. Und redet sich also unbescheiden durch ihre Nervosität. "Wer sagt denn, dass ich mich mit anderen Popstars treffen will?" beantwortet T-Babe etwa die Frage nach ihrem Traumpartner in der Musikindustrie und wedelt dazu mit dem Arm. In ihrem merkwürdigen schottisch-amerikanischen Akzent klingt das schon schnippisch genug. Und dann rutscht es ihr auch noch besonders unpassend heraus.Es ist nämlich so, dass Matthew Price, der junge BBC-Reporter, ihr in diesem Moment gar keine Frage gestellt hat. Er unterhält sich gerade mit seinem Kameramann. Außerdem hat Price der Blondine, die in diesem Sommer die Hitparaden und Konzertbühnen stürmen dürfte, soeben "Shut up!" zugeraunzt, "Halt s Maul". Das macht T-Babe offenbar überhaupt nichts aus. Sie redet weiter. Sie kann nicht anders. Die unbeteiligte Arroganz ist ganz einfach T-Babes Programm. Im wörtlichen Sinn.In der blauen Sitzgruppe von Glasgow Records sitzt Matthew Price nicht neben einer jungen Frau, sondern neben einem Computer-Bildschirm. Darauf wird ein Trickfilm abgespielt, in dem besagte T-Babe auf einer grauen Couch sitzt und auf die Fragen von Price antworten wird, wenn Matthew die zuvor abgesprochenen Fragen in die Pausen zwischen den vorprogrammierten Antworten spricht.T-Babe gibt es nicht in Fleisch und Blut. Sie ist nur ein Trick, ein Effekt. Wer der Figur am Bildschirm etwas näher kommen will, könnte sie allenfalls mit dem Wort "Atavar" bezeichnen und damit meinen, dass T-Babe ihre kurvige Figur mit den Maßen 96-60-90 nicht nur räumlich relativ gut bewegen kann, sondern eine eigene, "fast menschliche" Persönlichkeit mitbringt. Mit Ecken und Kanten, Wünschen und Träumen, Angewohnheiten und Ärgernissen, Eigenschaften, die man in den Computer eingeben kann.T-Babe lebt im Cyberspace des World Wide Web, sie hat eine Existenz im Netz der Computer, eine Geschichte und einen Charakter und Launen. Für alle sicht- und hörbar. T-Babe kann singen und tanzen, was für einen Popstar hilfreich ist, spricht eine Hand voll Sprachen und weiß, wer Kierkegaard war. Aber so perfekt sie auch zusammenprogrammiert ist, einem Interviewer zuhören und spontane Antworten geben, das kann T-Babe nicht. Noch nicht zumindest.Tessa Hartmann findet, dass ihr das durchaus Ähnlichkeit mit echten Popstars verleiht. "Ich habe kürzlich ein Interview mit Britney Spears gesehen", sagt sie, "das auch vollkommen computergeneriert aussah. Frau Hartmann und ihr Gatte Sascha haben T-Babe erfunden. Sie sitzt ganz wirklich auf dem blauen Sofa von Glasgow Records, blondiert und in Lederjäckchen, Stöckelschuhen und kunstleopardener Hose. Was die Äußerlichkeiten anbelangt, ist nachvollziehbar, an welchen Idealen sich Sascha Hartmann orientierte, als er vor gut zweieinhalb Jahren die ersten Skizzen von T-Babe entwarf. "Es hätte mich auch gewundert, wenn sie mir gar nicht ähnlich gesehen hätte", sagt Tessa Hartmann. Allerdings findet sie sich in ihrem virtuellen Popstar nicht so sehr körperlich wieder, sondern vielmehr "in psychologischer Weise", "in ihrem Charakter und ihren Einstellungen". Seit die Hartmanns sich in die Idee verbissen haben, Saschas Schlagerkompositionen nicht von einem realen Popsternchen, sondern von einer virtuellen Puppe vortragen zu lassen, haben sie viel gelernt. Zum Beispiel, dass Körperbau nur einer der nebensächlicheren Aspekte für eine Cyber-künstlerin ist. "Das Wichtigste ist die Psychologie", sagt Sascha Hartmann und hebt dafür seine Augenbrauen.Sascha Hartmann ist in München geboren, in Lugano aufgewachsen, hat in Zürich Neuropsychologie studiert und dann eine Musikproduktion in Kilsyth aufgebaut, einem winzigen Nest zwanzig Autominuten nördlich von Glasgow, "wo immer schlechtes Wetter ist, so dass man viel arbeiten kann". Das mag ausreichen, um sich für die verborgenen Dimensionen menschlicher Existenz interessieren zu müssen. Das Aussehen seiner Kreatur wäre eine eher technische Entscheidung gewesen, sagt er, wenngleich man sich auch damit viel Mühe gegeben hätte. "Die Beine sind nicht irreal lang, das haben wir genau ausgerechnet", sagt er zum Beispiel, "und der Brustumfang ist unser Zugeständnis an die Anforderungen des Marktes". Mit einer virtuellen Künstlerin muss sich das Publikum identifizieren können, und da reicht eine einfache Lebensgeschichte nicht aus. "Die Sache darf keine Ecken haben, sie muss rund sein, sonst funktioniert das nicht."Rund gemacht wurde T-Babe in klassischer Marktforschungs-Manier; das hat Tessa Hartmann mal studiert. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, Leute eingeladen, Kinder hier gehabt und sie gefragt, wie sie bestimmte Akzente finden und Stimmlagen", erzählt die Mutter zweier kleiner Kinder, die T-Babe zwischendurch auch schon mal "unser Baby" nennt. Dass T-Babe auf ihrer Website von sich erzählt, dass sie Unterwäsche von George*s mag und Parfum von Gaultier, dass sie gerne einkaufen geht und Fußball nicht leiden kann, dafür aber Pierce Brosnan und Bruce Willis, das alles ist kein Zufall. T-Babe ist der statistische Durchschnitt ihrer Generation. Laut Tessa Hartmann. "Sie ist eine 18-Jährige, das dürfen wir nicht vergessen." Eine virtuelle 18-Jährige allerdings, aber sind die Spice Girls weniger virtuell? Die vier beziehungsweise fünf Mädchen, die es zur kommerziell erfolgreichsten Popgruppe der britischen Musikgeschichte geschafft haben, sind wie T-Babe aus der Retorte entstanden allein ihre Körper haben sie "fertig" mitgebracht in die Entwicklungsstudios der Musikindustrie. Körper nach Marktbedingungen"Die Persönlichkeit eines Stars auf der Bühne ist nicht unbedingt die gleiche Persönlichkeit, die der Star bei sich zu Hause annimmt", analysiert Tessa Hartmann. Auch wenn sich langfristig die Hauspersönlichkeit manchmal der Bühnenpersönlichkeit unterwerfe. Aber das sei ein anderes Thema. Und so real wie eine Figur in einer Seifenoper sei T-Babe schon lange. Dass auch ihr Körper nur eine nach Marktbedingungen gebildete Illusion ist, findet Tessa "genau genommen sogar ehrlicher". Bei T-Babe ist schließlich alles so, wie es zu sehen und zu lesen ist. Nichts wirkt künstlich, wenn alles künstlich ist.Es ist noch gar nicht lange her, da lagen die Dinge im Cyberspace durchaus anders. Max Headroom sang in den Achtzigern grafisch weitgehend anspruchslos seine Hits. Kyoto Date, eine japanische Entwicklung, eroberte vor vier Jahren den japanischen Plattenmarkt, bis das Interesse an der fast menschlich gestalteten Dame plötzlich erkaltete. Virtuelle Popstars liefen nicht, weil sie nicht liefern konnten, was "echte" Popstars können. Was den Kreationen fehlte, war Persönlichkeit oder alternativ die pneumatischen Ausmaße der Computerspiel-Heroine Lara Croft. Der Erfolg von ihr war es, der die Industrie überzeugte, dass man mit Pseudo-Menschen durchaus Geld machen kann.Die Atavar-Technologie, die den Trickfiguren scheinbar dreidimensionale Bewegungsabläufe verschafft, gilt inzwischen als ausgemachtes Zukunftsfeld. Atavars werden uns im Internet die Nachrichten lesen: Die britische Agentur Press Association macht mit "Ananova" im April den Anfang. Sie werden unsere Filme bevölkern. Pamela Anderson hat sich zu genau diesem Zweck gerade eine Cyberversion ihres Ichs zugelegt. Und Flüge buchen, Telefonate vermitteln und Termine verwalten werden sie auch.Gesellschaft der PassivitätT-Babe wird nicht allein bleiben. Das bereitet Sascha Hartmann ein bisschen Sorgen. Nicht, weil er seine eigenen Investitionen wegschwimmen sähe; deren Schicksal entscheidet sich zügiger. Am 21. April kommt T-Babes erste Platte heraus. Einige Sachkundige haben nach dem Probehören des Erstlings "Peter Pumpkineater" schon vom "Sommerhit des Jahres" gesprochen hat. Sascha Hartmann geht es um das "wirkliche Leben" in dieser wachsend von Computern und T-Babe-gleichen Atavaren bevölkerten, immer virtuelleren Welt. "Wir leben in einer Gesellschaft der vollen Passivität", sagt er, "und zwar wachsend." Das wirkliche Sein ginge den Menschen verloren im Kontakt mit dieser Wunderwelt, fürchtet er. Hoffentlich erreiche er mit T-Babe noch ein paar "Halbpassive". Sie habe immerhin Fehler, sie sei nicht perfekt.Allein, so einfach zu erkennen sind die Fehler nicht bei T-Babe, wenn man von den manchmal etwas staksigen Bewegungen absieht, die der Software zuzuschreiben sind. T-Babe muss erst mal Geld verdienen, bevor sich Glasgow Records die nötige Aufrüstung leisten kann, die in ihren Gelenken für Fluss sorgen wird. Das Profil der 18-Jährigen bedarf eher der Abrüstung, so sehr ist sie zu gut, um wahr zu sein mit ihren multikulturellen Freundinnen, ihrer politischen Korrektheit und der pädagogisch wertvollen Beichte, manchmal Alkohol zu trinken, "aber nie zu viel".Sie üben eben noch, die Vorreiter der atavarischen Revolution. Sie üben wie junge Popstars das Singen und Tanzen, sie probieren Haarschnitte und Modestile, Handbewegungen und Grimassen. Sie üben Interviews. Matthew Price von der BBC hat es endlich geschafft, seine Fragen so in die Filmpausen zu stellen, dass T-Babes Antworten fast natürlich wirken. Er hat sich auch endlich gemerkt, dass er sich nicht zu weit vorlehnen darf, weil er sonst einen Schatten auf den Bildschirm wirft, auf dem T-Babe zu sehen sein muss. Es ist offenbar nicht so einfach, einen virtuellen Popstar zu interviewen. Wenn man es noch nicht gewöhnt ist."Es hätte mich gewundert, wenn T-Babe mir gar nicht ähnlich gesehen hätte. " Tessa Hartmann
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