Klaus hat es geahnt. Besser die Ruhe bewahren. Nur nicht den angestammten Stadtbezirk wechseln. In Ruhe sein Bier am Ort trinken. Stammtisch bleibt Stamm genug. Ein zweites, drittes Bier andenken. Das vierte, fünfte Bier bestellen. Sich weitere Dramen unterm Nussbaum ansehen. Wie als wäre im Leben alles live und voll reality.Dieser zwölfjährige Junge zum Beispiel, der sich neben uns gepflanzt hat und partout nicht mehr mit den Eltern durch Berlin stolpern will. Hat die Arme bockig vor der Brust verschränkt. Der Vater ist genervt. Der Vater will Sehenswürdigen abhaken. Aber der Vater kommt gegen Mutter und Kind nicht an. Die Mutter gebietet dem Vater Einhalt. Es geht im Leben grad' wie im schönsten Urlaub zu. Und was eine richtige Mutter ist, die setzt sich verständnisvoll neben das bockige Kind. Redet dem Kind zu. Sitzt ihm zu Füßen. Den Popo auf blankem Bordstein. Erklärt dem Kind die Schönheit und Einmaligkeit Berlins. Das Nikolaiviertel, wo wir allesamt sitzen. Der Klaus. Der Peter. Der Vater. Die Mutter. Das bockige Kind. Und was ein richtiges Kind ist, das zeigt Emotion, wenn einfühlsam die Mutter zu ihm spricht. Sprich, dieser Sohn hier beginnt zu weinen und weint ungehalten.Das ist uns dann doch der Schuss zu viel an Erregung. Wir zahlen. Wir gehen. Wir wechseln den Stadtbezirk. Rüber in unseren Lieblingsbiergarten. Friedrichshain. Grünberger Ecke Gubener. Kann man ruhig schreiben: Die Jägerklause. Parties. Events. Bar und Bundesliga. Nicht viel anders als im Nikolaiviertel. Irgendwie auf seine Weise genauso touristisch wie sonst was in Berlin. Aber mehr so unter sich vom Ambiente her. Tätowierter Wirt. Tätowiertes Personal. Tätowierte Gäste. Ich möchte wetten, die zwei Hunde unter ihrem Fell, auch tätowiert.Es wird rohes Fleisch gegrillt wie als würde hier immer gegrillt. Das Fleisch duftet und sieht zudem auch noch zum Anbeißen aus. Alles ganz einfach hier, denkt man. Alles so mit Herz und viel System vom Macher erdacht. Man bestellt. Man bezahlt. Man bekommt einen Zettel mit einer Nummer gereicht. Bunte kleine Zettelchen. Grün. Violett. Rot. Kleine eckige Warteoblaten. Und man wartet und wartet und wartet wie wir auf die zwei Bratwürste, sprich: Klaus + Peter warten auf zwei einfache Bratwürste, warten auf Bratwurst Nummer Sonstwieklaus und Bratwurstnummer Meine. Sprich: Wir warten auf den Braten, so lange, dass ich zu reimen beginne. Einfach um nicht zu verkümmern. Einfach um mich schriftstellerisch bei Laune zu halten. In diesem Garten, so viel darf ich verraten, dauert das Braten einer Wurst weit über den normalen Durst. Da staut sich kein Wasser mehr freiwillig dir im Munde. Da pennen inzwischen die wachsamsten Hunde. Der Nase auf ihren Pfoten, haben sie Wurstgeruch verboten. Machen sich nicht weiter heiß. Träumen sich auf die Lofoten und "Seehund auf Eis".Ich meine, das sollen uns erstmal die anderen Gäste nachmachen. Eine geschlagene halbe Stunde dumm in die tätowierte Runde gucken und auf den erlösenden Tarzanschrei des Nummernwirtes hoffen, der da einfach nicht kommt. Und fragt man wie ich ausgesucht höflich nach, wird man wie ich vom Grillmeister abgebellt: Weg hier von meinem Grill! Was er denn nur für ein affiger Grillmeister ist, hänsele ich. Total überfordert mit den paar Würsten. Rennst deine Kilometer ab mehr nicht, zwischen Grill und Grill hin und her. Und quatschst in Ruhe mit deinen gesonderten Gästen und deiner Freundin obendrauf. Sag nix. Ich hab es genau beobachtet. Ich habe einen Zeugen. Der da. Klaus.Danach setze ich mich wieder. Danach warten wir wieder. Danach fragen wir noch einmal nach exakt 38 Minuten nach. Und bekommen es mit dieser weiblichen Kampfmaschine zu tun. Tätowiert und in Tarnhose. Die brüllt uns bissig an: Lasst meinen Bruder in Ruhe. Der macht Qualität. Die braucht ihre Weile. Okay, sagt Klaus. Das ist hier also kein Biergarten, das ist hier eine Therapieeinrichtung? Man soll euch also alle pfleglich behandeln? Okay. Dann gehen wir. Und ich erhebe mich. Und ich gehe mit Klaus zum Garten hinaus. Ich ich singe leise, leise: Adieu schöner Biergarten unser du, adieu. Schau wie erst der Klaus geht, und schau genau hin, wie ich dann auf Nimmerwiederwurstwarten dem Klaus hinterdrein geh und verschwunden bin.
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