Die von Russland einseitig ausgerufene Waffenruhe rund um die Feiern zum „Tag des Sieges“ ist bereits in der ersten Nacht von neuen Angriffen überschattet worden. Ukrainische Drohnen und Raketen griffen nach russischen Angaben mehrere Ziele auf russischem Gebiet an, darunter auch Regionen nahe Moskau. Wenige Stunden später wurde in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Luftalarm ausgelöst.
AFP-Reporter berichteten, die Sirenen in Kiew hätten mehrere Minuten lang geheult. Nach Behördenangaben bestand die Gefahr eines Raketenangriffs. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, die Feuerpause nicht einzuhalten. Russland habe „nicht einmal einen symbolischen Versuch unternommen“, die Waffenruhe an der Front zu beachten, schrieb Selenskyj auf X. Die Ukraine werde deshalb „entsprechend reagieren“.
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Großer Waldbrand in Tschernobyl-Sperrzone
In der Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl ist nach einem Drohnenabsturz ein großer Waldbrand ausgebrochen. Das Feuer erfasste nach Angaben der ukrainsichen Behörden am Freitag rund 1100 Hektar. Starker Wind erschwere die Löscharbeiten. Die Strahlungswerte lägen jedoch „innerhalb der normalen Grenzen“.
Zur Herkunft der Drohne machten die ukrainischen Behörden zunächst keine Angaben. Sie war demnach am Donnerstag nahe des ehemaligen Atomkraftwerks abgestürzt, in dem sich 1986 die schwerste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte ereignet hatte. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz können bei Waldbränden in der Region radioaktive Partikel aufgewirbelt und mit dem Rauch verbreitet werden. Die Belastung sei jedoch nicht mit der Katastrophe von 1986 vergleichbar.
Ukraine meldet weitere russische Angriffe
Nach Angaben aus Kiew kamen innerhalb eines Tages mindestens sechs Menschen ums Leben, weitere 58 wurden verletzt. Die ukrainische Luftwaffe erklärte, Russland habe in der Nacht 67 Drohnen gestartet, darunter auch Shahed-Kampfdrohnen. 56 davon seien abgeschossen worden. Einschläge wurden demnach an acht Orten registriert.
Besonders betroffen war die Region Donezk im Osten des Landes. Gouverneur Wadym Filaschkin erklärte, bei russischen Angriffen seien dort vier Menschen getötet worden, darunter in Dobropillja, Kramatorsk und Majaky. Auch aus den Regionen Sumy, Saporischschja, Cherson, Charkiw und Dnipropetrowsk wurden Tote, Verletzte und Schäden an ziviler Infrastruktur gemeldet. In Charkiw wurden nach Angaben der Behörden unter anderem drei Kinder verletzt, darunter zwei siebenjährige Mädchen. In der Region Saporischschja habe Russland innerhalb eines Tages mehr als 900 Angriffe auf dutzende Orte durchgeführt, erklärte Gouverneur Iwan Fedorow.
Russland wiederum meldete nach Angaben des Verteidigungsministeriums seit Beginn der „Feuerpause“ insgesamt 264 abgefangene ukrainische Drohnen. Die Waffenruhe war von Russland einseitig für den 8. und 9. Mai ausgerufen worden. Anlass sind die Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“, mit denen Moskau an den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg erinnert. In den vergangenen Jahren nutzte der Kreml die Parade zunehmend auch zur Rechtfertigung des Kriegs gegen die Ukraine.
Wie im Vorfeld bekannt wurde, hat Russland die diesjährigen Feierlichkeiten verkleinert. Anders als üblich sollen diesmal keine Panzer und andere schwere Militärtechnik präsentiert werden. Hintergrund seien unter anderem die gewachsenen ukrainischen Fähigkeiten für weitreichende Angriffe tief im russischen Hinterland.
Russland meldet Angriffe auf Region Rostow
Von den ukrainischen Angriffen war nach russischen Angaben besonders die südrussische Region Rostow betroffen. Gouverneur Juri Sljussar schrieb bei Telegram, in Rostow am Don, Taganrog und Bataisk seien nach Drohnenangriffen Brände und Schäden registriert worden. Demnach wurden Wohnhäuser, ein Verwaltungsgebäude und ein Lastwagen beschädigt. Tote oder Verletzte habe es nicht gegeben.
Ukrainische Telegram-Kanäle veröffentlichten zahlreiche Videos mit schweren Bränden in Rostow am Don. Nach unbestätigten Berichten soll dort auch ein Standort der russischen Rüstungsindustrie getroffen worden sein. Der Kyiv Independent berichtete unter Berufung auf russische Telegram-Kanäle zudem von Explosionen im Industriegebiet der Stadt. Demnach seien ein Werk des Farbenherstellers Empils sowie ein Standort des Forschungs- und Technologieunternehmens Radar Scientific and Technical Center betroffen gewesen. Das Unternehmen entwickelt laut dem Bericht Radarsysteme für das russische Verteidigungsministerium. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.
Große Raffinerie in Jaroslawl offenbar erneut Ziel
Russland meldete zudem Angriffe bis tief ins Hinterland. Betroffen war demnach auch die rund 230 Kilometer nordöstlich von Moskau gelegene Stadt Jaroslawl. Das russische Portal Astra berichtete, Ziel sei erneut die große Ölraffinerie Slawneft-JANOS gewesen. Die Anlage gehört nach Angaben des Kyiv Independent zu den fünf größten Raffinerien Russlands und verarbeitet jährlich mehr als 15 Millionen Tonnen Öl. In sozialen Netzwerken kursierten Videos mit meterhohen Flammen über dem Raffineriegelände. Gouverneur Michail Jewrajew bestätigte einen Angriff, machte zunächst jedoch keine Angaben zu Schäden.
Auch die russische Hauptstadt meldete in der Nacht mehrere Angriffe. Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, die Luftabwehr habe insgesamt 26 ukrainische Drohnen abgefangen, die auf Moskau zugeflogen seien. Vorübergehend galten Flugbeschränkungen an den Flughäfen Wnukowo und Domodedowo. Angaben zu Schäden gab es zunächst nicht.
Selenskyj kündigte „spiegelbildliche“ Reaktion an
Kiew hatte zuvor eine eigene Feuerpause vorgeschlagen, die bereits am 6. Mai beginnen sollte. Nach Angaben von Selenskyj ignorierte Russland diese jedoch weitgehend. Der ukrainische Präsident erklärte später, Russland habe die vorgeschlagene Feuerpause innerhalb weniger Stunden mehr als 1800 Mal verletzt. Selenskyj kündigte daraufhin „spiegelbildliche“ Reaktionen an.
Der Kreml warnte zuletzt vor möglichen Angriffen während der Feierlichkeiten. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, erklärte, ausländischen Vertretungen in Russland sei geraten worden, Personal aus Kiew abzuziehen, weil mit einem „unvermeidlichen Vergeltungsschlag“ gerechnet werde.
Selenskyj hofft auf Ukraine-Besuch der US-Vermittler in den kommenden Wochen
Selenskyj hofft dennoch auf einen baldigen Neustart der Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs. Vertreter von US-Präsident Donald Trump könnten nach seinen Angaben in den kommenden Wochen in die Ukraine reisen. „Wir stimmen derzeit den Zeitplan für die notwendigen Besuche ab“, erklärte Selenskyj am Freitag.
Der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umerow war bereits nach Miami gereist, um dort erstmals seit Ende März wieder mit US-Vertretern über mögliche Verhandlungen zu beraten. Nach Angaben aus Kiew waren Treffen mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff und dessen Schwiegersohn Jared Kushner geplant. Die Gespräche über ein Ende des russischen Angriffskriegs liegen derzeit weitgehend auf Eis, auch weil sich die USA aktuell stark auf den Konflikt mit dem Iran konzentrieren.
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