Ohne Polizeibegleitung darf das Paar die letzten 50 Meter bis zur Einfahrt nicht zurücklegen. Das Paar tuschelt, macht Fotos, ist bestens unterhalten von dem kleinen Abenteuer, das es gerade erlebt. Das Gefühl, so nah an jenem Ort zu sein, auf den an diesem Tag ganz Deutschland, ja, sogar ein beträchtlicher Teil der Weltöffentlichkeit schaut, belebt ganz offenbar.
Idylle im Süden der Stadt
Das Paar kommt an diesem Mittwoch dem Tatort näher als die vielen Journalisten und Schaulustigen, die sich den Tag über hier herumtreiben. Sein Weg führt unmittelbar an den Hecken vorbei, wo die Bomben versteckt waren, die am Dienstagabend explodierten, als der Bus mit dem Spielern von Borussia Dortmund vorbeikam. Jetzt ist alles abgesperrt, die Straße gesäumt von Dutzenden Polizeiwagen, überall sind mit Maschinenpistolen ausgestattete Beamte unterwegs. Zwei Kontrollpunkte müssen überwunden werden bis zu dieser Stelle, wo nur noch Anwohner, Hotelmitarbeiter und Gäste weiter dürfen. Neben den vielen Ermittlern natürlich.
Es ist eine merkwürdige Atmosphäre, die hier herrscht. So schrecklich der Anschlag auch gewesen sein muss, so schlimm die Verletzungen des Verteidigers Marc Bartra auch sein mögen und so tief der Schreck sitzt, am Tag danach ist die Laune gut in diesem Idyll mit den blühenden Obstbäumen und den sauber gestutzten Rasenflächen.
Nach dem Anschlag alles noch schwieriger
An den Straßenlaternen entlang der Wittbräucker Straße hängen Plakate. „Sicherer. Mehr Polizei. Weniger Einbrüche“ verspricht die CDU im Landtagswahlkampf von Nordrhein-Westfalen. Solche Themen waren den Menschen in diesem wohlhabenden Teil der Stadt viel näher als die abstrakte Gefahr des Terrorismus. Selbst die AfD plakatiert hier eher Forderungen nach einem besseren Bildungssystem als Warnungen vor den angeblichen Gefahren der islamischen Religion. Nun ist das Themenspektrum durcheinandergeraten, in dieser Stadt, die seit Jahren als Hochburg des Rechtsextremismus gilt.
Immer wieder bedrohen hier Rechtsradikale Kommunalpolitiker, Journalisten und auch Ermittler; das ist der Grund, warum die Polizei es für möglich hält, dass das Bekennerschreiben, in dem sich Antifaschisten zur den Anschlägen bekennen sollen, eine Fälschung ist. Verbreitet von Rechten, die ihren Gegnern schaden wollen. Dortmund mit seinen vielen Problembezirken ist eine schwierige Stadt, die mit diesem Anschlag noch etwas schwieriger geworden ist.
Das Borussen-Team um Mannschaftskapitän Marcel Schmelzer hat andere Probleme. Denn die Details, die in den 24 Stunden nach dem Anschlag bekannt werden, zeigen immer klarer, dass der Angriff viel schlimmer hätte verlaufen können. Viel mehr Spieler hätten verletzt werden können, die Glassplitter, die Marc Bartra, den Verteidiger aus Spanien, am Arm trafen, hätten sein Gesicht, seine Augen verletzen können. Die Bomben waren mit Eisenstiften bestückt, von denen einer eine Nackenstütze im Bus durchschlagen hat.
Angst und Unklarheit regieren die Gefühlswelt
Die Angst ist angekommen im deutschen Fußballalltag. Und die Sicherheitsbehörden sind aktiv. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen an sich gezogen; er geht nach den Worten von Sprecherin Frauke Köhler von einem terroristischen Hintergrund aus. Das Bundeskriminalamt führt diese Ermittlungen auf Bitten aus Karlsruhe.
Klar ist, dass Unbekannte drei in einer Hecke deponierte Sprengsätze zündeten, als der Dortmunder Mannschaftsbus daran vorbeifuhr. Marc Bartra wurde am Arm verletzt und im Krankenhaus operiert. Seine Mitspieler warfen sich nach den Worten des Schweizer Torhüters Roman Bürki wegen der Detonationen auf den Boden. Ein Polizist erlitt einen Schock. Als die Sprecherin Köhler vor der Presse über den Stand der Ermittlungen berichtet, betont sie, man könne von Glück reden, dass nichts Schlimmeres passiert sei. Die Sprengsätze hätten eine Sprengwirkung von mehr als 100 Metern gehabt.
Unklar ist, auf wessen Konto die Tat geht. Zwar nimmt die Polizei am Mittwoch einen Islamisten als Tatverdächtigen vorläufig fest. Bei ihm und einem ebenfalls aus dem islamistischen Spektrum stammenden weiteren Verdächtigen seien die Wohnungen durchsucht worden, sagt Köhler. Nach Informationen von Kölner Stadt-Anzeiger und Express handelt es sich bei den Männern um einen 25-jährigen Iraker aus Wuppertal sowie einen 28-jährigen Deutschen aus Fröndenberg im Kreis Unna. Beiden wird eine Nähe zur terroristischen Vereinigung Islamischer Staat vorgeworfen. Den Behörden liegen zudem Hinweise vor, dass sich mindestens eine der beiden Personen im Tatzeitraum in der Nähe des Anschlagsortes aufgehalten haben könnte.
Untypisches Bekennerschreiben
Am Tatort werden drei Bekennerschreiben mit demselben Text gefunden. Darin wird der Abzug von Tornado-Kampfflugzeugen der Bundeswehr aus Syrien und die Schließung des US-Luftwaffenstützpunktes Ramstein gefordert und auf das Attentat auf den Berliner Breitscheidplatz mit zwölf Todesopfern Bezug genommen.
Wörtlich heißt es in fehlerhaftem Deutsch: „Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen, 12 ungläubige würden von unseren Gesegneten Brüder in Deutschland getötet. Aber anscheinend scherst du dich Merkel nicht um deinen kleinen dreckigen Untertanen. Deine Tornados fliegen immer noch über dem Boden des Kalifats, um Muslime zu Ermorden. Jedoch wir bleiben standhaft durch die Gnade Allahs.“ Und weiter: „Ab sofort stehen alle ungläubigen Schauspieler, Sänger, Sportler und Sämtliche prominente in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen auf Todesliste des Islamischen Staates.“
Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums weist aber darauf hin, dass Islamisten Bekennerschreiben normalerweise nicht am Tatort platzierten. „Das fällt auf und weicht ab“, erklärt er – ohne Islamisten deshalb als Täter auszuschließen. Aus Sicherheitskreisen verlautet überdies, es fehlten auf dem Schreiben Symbole des IS. Islamwissenschaftler prüfen das Papier nun.
Zugleich taucht in der Nacht zum Mittwoch im Internet auf der Seite „linksunten.indymedia.org“ ein weiteres Bekennerschreiben auf. Darin wird ein linksextremistischer Beweggrund des Anschlags behauptet und im Antifa-Duktus erklärt, dass der Bus mit eigens für den Angriff angefertigten Sprengsätzen als „Symbol für die Politik des BVB“ attackiert worden sei. Der Fußballverein habe sich nicht genügend gegen Rassisten, Nazis und Rechtspopulisten eingesetzt. Frauke Köhler, die Sprecherin des Generalbundesanwalts, sagt indes, nach einer ersten Bewertung bestünden erhebliche Zweifel an der Echtheit. „Wir halten das Schreiben für einen Nazifake“, teilen die Betreiber von „indymedia“ mit. Sie hätten es gelöscht.
„Vor dem Terror nicht einknicken“
Mit dem Trauma des Anschlags müssen am Mittwoch die Mannschaft und Trainer Thomas Tuchel umgehen. Er hoffe, dass die Spieler „einigermaßen wettbewerbsfähig“ sein werden, sagt Borussias Geschäftsführer Hans-Jürgen Watzke noch am Dienstagabend und spricht von der Herkulesaufgabe, die Mannschaft „in einen spielfähigen Zustand“ zu versetzen. Am Tag nach dem Anschlag ist er schon morgens am Trainingsgelände im Brackel – auch hier ist die Polizeipräsenz enorm – und spricht direkt zu den Spielern. „Ich habe gerade in der Kabine an die Mannschaft appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken“, teilt er danach mit. Spätestens jetzt sind die Spieler nicht nur Opfer, sondern auch als Helden im Kampf gegen das Böse gefordert.
Die Spieler werden psychologisch betreut, und die Klubführung arbeitet den ganzen Tag darauf hin, das Nachholspiel zu einem großen Fest der Solidarität werden zu lassen. „Die BVB-Familie war immer dann besonders stark, wenn sie schwierige Situationen meistern musste. Dies ist vielleicht die schwierigste Situation, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten. Und ich bin sicher, dass wir uns als BVB so stark und geschlossen wie nie zuvor zeigen werden“, teilt Watzke mit.
Sichtlich müde sitzen zwei Franzosen in einem Schnellrestaurant vor dem Dortmunder Hauptbahnhof. Ein paar Stunden sind es noch bis zum Anpfiff des Spiels, das eigentlich schon am Abend zuvor hätte stattfinden sollen. Eigentlich hätten sie schon wieder in Lyon, ihrer Heimatstadt, sein sollen.
Seit drei Stunden sitzen Marc und Alain in dem Restaurant. In der Stadt unternehmen können sie nichts, dafür reicht die Reisekasse nicht mehr. So wie Marc und Alain geht es mehreren Tausend Fans aus Frankreich. Die Eintrittskarten für das Spiel gelten auch für den Nachholtermin, die meisten Monaco-Anhänger sind im Dortmunder Umland geblieben.
Solidarität unter Fußballfans
Allerdings hatten nicht alle das Glück, ein Hotelzimmer zu finden so wie Marc und Alain. Das ist auch vielen Dortmundern am Dienstagabend schnell klar geworden – sie halfen aus. Unter dem Stichwort „Bed for awayfans“ – „Ein Bett für Gästefans“ – boten BVB-Fans den Monegassen über soziale Netzwerke Übernachtungsmöglichkeiten an. Der Anschlag auf den Bus des BVB hat die Fans vereint.
Ein Selfie für #bedforawayfans: Stefan Kilmer (M.) lud am Dienstagabend wie andere Dortmunder auch Monaco-Fans in seine Wohnung.
© dpa
Zahlreiche Gäste nehmen das Übernachtungsangebot dankbar an. Fotos von Fußballfans zweier Vereine an gedeckten Tischen machen in sozialen Netzwerken die Runde. Das berühmteste Bild postet Stefan Kilmer, mehr als 14.000 Mal wird das Selfie via Twitter geteilt. Noch am Dienstagabend vor dem Schlafengehen kommt das französische Fernsehen bei Kilmer und seinen Gästen vorbei. Der Dortmunder beherbergt vier Franzosen aus dem Pariser Umland, in der Nacht kommen sie in seinem Wohnzimmer unter. Kilmer absolviert am Mittwoch dann einen medialen Marathon. Nach dem Frühstück besuchen TV-Teams, Radiosender und Zeitungsjournalisten die Gruppe. Helfen macht populär. Am Nachmittag zeigt Kilmer seinen Gästen noch das DFB-Fußballmuseum am Hauptbahnhof.
Zum Anpfiff am Abend haben sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und DFB-Präsident Reinhard Grindel angekündigt. Alle wissen, dass das Westfalenstadion ein Tempel der großen Gefühle ist. Die Nation, der Ruhrpott, die Stadt und ihr schwarz-gelbes Herz werden zu einer großen Messe der Solidarität zusammenfinden. Was nichts daran ändert, dass sich der Fußball in Deutschland mit diesem Tag geändert hat.
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