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Tagesspiegel muss Sonntagsausgabe einstellen

Der Relaunch der Print-Ausgabe hat für den Tagesspiegel nicht funktioniert. Nun folgt die Einstellung der Sonntagszeitung.

Tomasz Kurianowicz Moritz Eichhorn Michael Maier
6 Min
Der Verleger Dieter von Holtzbrinck: Wie lange wird er am Tagesspiegel noch festhalten?

Der Verleger Dieter von Holtzbrinck: Wie lange wird er am Tagesspiegel noch festhalten?

© Hoffmann/imago

Im West-Berliner Zeitungsmarkt verschwindet eine Traditionsmarke. Der Tagesspiegel muss seine Sonntagszeitung einstellen. Wie die Zeitung auf ihrer Verlagswebseite mitteilt, werde die Sonntagszustellung, die in Berlin „gemeinsam mit anderen Zeitungsverlagen“ erfolgt, „ihre Belieferung aufgrund steigender Logistikkosten im Frühling 2024 einstellen“. Das Blatt weiter: „Dadurch gibt es auch bei uns Veränderungen, da der Tagesspiegel die Sonntagszustellung allein nicht aufrechterhalten kann.“

Ab dem 7. April ist der Tagesspiegel am Sonntag Geschichte. Der Tagesspiegel war im Herbst 1945 als „erste deutsche von den US-Amerikanern lizenzierte Zeitung erschienen“, wie der Historiker Christoph Marx schreibt. Ende 1946 hatte der Tagesspiegel 186.000 Abonnenten. Im ersten Quartal 2023 hat sich diese Zahl fast halbiert, der Tagesspiegel gibt die sogenannte harte Auflage für den Zeitraum mit 95.418 Exemplaren an.

Enorme Kosten für neue Abonnenten 

Auch diese Zahl muss in Relation gesetzt werden: Laut Statista belief sich die verkaufte Auflage der E-Paper-Ausgabe im vierten Quartal 2023 auf rund 54.300 Exemplare, das heißt, mehr als die Hälfte der „harten Auflage“ wurde nicht mehr auf Zeitungspapier gedruckt. In der Branche werden E-Paper-Verkäufe allerdings grundsätzlich mit Zurückhaltung beurteilt: Die Vertriebswege sind oft intransparent. Mitunter werden E-Paper-Abos über dubiose Websites oder Großkundendeals verkauft. Wie der Tagesspiegel sein E-Paper unter die Leute bringt, ist nicht bekannt. Auf eine Anfrage der Berliner Zeitung, ob alle E-Paper-Abonnenten echte, persönlich und individuell adressierte Kunden seien, reagierte die Pressestelle des Tagesspiegel bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht. 

Bekannt ist allerdings, dass sich der Tagesspiegel neue Abonnenten richtig viel kosten lässt. Unter der Überschrift „Tagesspiegel lesen. iPad geschenkt. Bis zu 520 Euro sparen“ schreibt der Tagesspiegel auf seiner Website, zum Abo gebe es folgende Geschenke „gratis dazu“: „iPad, iPhone oder ein anderes Gerät Ihrer Wahl“. Solche teuren Beigaben sind für Verlage sehr riskant: Auch die Financial Times Deutschland (FTD) hatte vor einigen Jahren ein Modell aufgebaut, bei dem nach Informationen der Berliner Zeitung die Akquisition jedes einzelnen Abonnenten 500 Euro kostete. Die Zeitung musste nach wenigen Jahren den Betrieb einstellen, weil der Verlag Gruner + Jahr die Unwirtschaftlichkeit erkannte und reagierte.

Dieser Text stammt aus der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 30./31. März 2024

Dieser Text stammt aus der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 30./31. März 2024

In der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung finden Sie folgende Themen: Interview mit der DDR-Historikerin Katja Hoyer, Dietrich Brüggemann äußert sich zur verpassten Corona-Aufarbeitung, ein Porträt über das Berliner Start-up Trade Republic, Ólafur Elíasson in Greifswald, neue Crime-Kolumne von der Gerichtsreporterin der Berliner Zeitung, mehr Gastro-Kritiken, mehr Berlin-Seiten, Interview mit einem Immobilienmakler über Wohnungschancen in der Stadt, die große Geopolitik-Analyse der Woche und ein Interview mit dem Krisenforscher William Ury, bei dem sich Amerikas Präsident Joe Biden Ratschläge holt. Außerdem: die wöchentliche Kolumne Brutal Berlin.

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Tagesspiegel: Format wie die Kronen Zeitung 

Die wirtschaftliche Lage des Tagesspiegel ist schwer einzuschätzen, da die Zahlen in der DvH Medien GmbH versteckt sind. Gegenstand der DvH Medien GmbH ist das Betreiben von Kommunikations- und Medienunternehmen. Die DvH Medien GmbH agiert als aktive Holding und übt diese Funktion neben dem Halten von Beteiligungen (Holding-Funktion) auch durch das gruppeninterne Erbringen von Dienstleistungen aus.

Die Unternehmensgruppe der DvH Medien GmbH umfasst die operativen Teilkonzerne der Handelsblatt-Gruppe in Düsseldorf, der Tagesspiegel-Gruppe in Berlin sowie der Zeit-Gruppe in Hamburg. Die DvH Medien GmbH wies laut Bundesanzeiger im Jahr 2013 noch einen Gewinn von 26,7 Millionen Euro aus, 2021 war der Gewinn auf 8,4 Millionen Euro abgeschmolzen.

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Die DvH Medien GmbH hatte sich in der schwierigen Lage externe Hilfe gesucht und wurde bei der „Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten und einer Wachstumsfinanzierung“ von der Anwaltskanzlei LSP Lindemann Schwennicke & Partner beraten. Die Kredite bestehen laut Mitteilung der Kanzlei aus „Senior Darlehen und einem Super Senior Darlehen“. Die Mittel für die Senior-Darlehen stammen von Nicht-Banken (Debt Funds). Die Finanzierung soll „finanzielle Flexibilität für die kommenden Jahre“ bieten und bei einer „Wachstumsstrategie“ helfen.

Der Tagesspiegel steht auch unter Druck, weil bei der DvH Medien GmbH im kommenden Jahr ein 95-Millionen-Euro-Kredit für eine Umschuldung fällig wird, den die skandinavische Investment-Boutique PCP dem Holtzbrinck-Konzern gewährt hat, wie PCP mitteilte. 

Der Tagesspiegel hatte bereits 2022 auf die Krise reagiert und sein Druckformat auf das sogenannte Tabloid-Format umgestellt, das etwa 24 Zentimeter in der Breite sowie 37 Zentimeter in der Höhe misst. Das Format ähnelt dem der rechtspopulistischen Kronen Zeitung aus Österreich. Österreichische Medienmanager haben immer wieder versucht, das Konzept der Krone deutschen Verlegern anzudienen. Es wurde nie umgesetzt – wegen der teilweise rabiaten Haltung der Krone gegen Ausländer oder Minderheiten. 

Gabriel Grabner – der Retter?

Der Verlagspatriarch Dieter von Holtzbrinck setzt seit vielen Jahren auf den Rat des österreichischen Managers Michael Grabner. Grabner ist Aufsichtsrat der DvH Medien und zugleich Mitglied des Gesellschafterausschusses der Mediaprint GmbH/GAS. Die Mediaprint erbringt laut Grabners Website „als eines der größten Medienunternehmen Österreichs Druck- und Logistik-Dienstleistungen für die Tageszeitungen Krone und Kurier“. Außerdem sei „das Medienunternehmen für die Finanzen der beiden Printtitel verantwortlich und betreibt den Hörfunksender KroneHit“.

Grabners Sohn Gabriel hat kürzlich die Geschäftsführung beim Tagesspiegel übernommen. Ulrike Teschke gab ihre Position als Geschäftsführerin in schwierigen Zeiten auf. Nicolas Köhn vom digitalen Vermögensverwalter Liqid soll gemeinsam mit Grabner den Absturz des Tagesspiegel verhindern.

Einsparungen in der Redaktion sind die Folge. Das Neue Deutschland berichtete, die Redakteure „sollen weniger Texte selber schreiben, stattdessen die Beiträge von ‚Expertinnen und Experten aus Hochschulen, Stiftungen und Thinktanks‘“ sowie Freien „kuratieren“, womit man hoffe, einiges einsparen zu können – „etwa weil die Schreibenden“ als Experten „außerhalb des Journalismus ihr Wissen kostenlos zur Verfügung stellen könnten“.

Anfang des Jahres hatte die Geschäftsführung die Zahlung der im Flächentarifvertrag für Tageszeitungen ausgehandelten Inflationsausgleichsprämie (IPA) von 1800 Euro an die Redakteure kurzerhand abgelehnt. Dagegen protestierte die Gewerkschaft Verdi. Im Februar kam es zu einer Protestaktion der Redakteure vor dem Verlag.

Renate Gensch, Landesvorsitzende der Verdi-Fachgruppe Medien, Journalismus und Film Berlin-Brandenburg, fürchtet, dass der Verlag weiter Kosten drücken will: „Ende April läuft der Gehaltstarifvertrag für die Verlagsangestellten NRW aus. Wir gehen davon aus, dass dort sowohl lineare Erhöhungen als auch die Inflationsausgleichsprämie Verhandlungsbestandteile sein werden. Nach dem jetzigen Verhalten der Geschäftsführung ist zu befürchten, dass sie auch hier versucht, den vereinbarten Haustarifvertrag in diesem Punkt nicht einzuhalten. Deshalb haben beide Beschäftigtengruppen und Gewerkschaften ein eindeutiges solidarisches Zeichen mit dieser Aktion gesetzt.“

Mit dem Ende der Ostern letztmalig erscheinenden Sonntagsausgabe will der Tagesspiegel die ausfallenden Artikel in die Samstagsausgabe packen. Ob das gelingt, ist fraglich: Bei der Umstellung auf das Krone-Format hatte der Tagesspiegel angekündigt, längere und anspruchsvolle Artikel am Sonntag zu veröffentlichen. Dies fällt nun weg, weil es den Tagesspiegel am Sonntag nicht mehr geben wird.

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