Anscheinend hilflos sieht sich die Polizei einem Phänomen gegenüber, das sie kaum noch beherrschen kann. Die Aufklärungsquote sank im vergangenen Jahr auf 3,6 Prozent (4,4 waren es im Vorjahr). Allein im März dieses Jahres registrierte die Polizei 2400 Taschendiebstähle. Sollte sich dieser Trend in diesem Jahr fortsetzen, wäre das ein weiterer Anstieg um rund 70 Prozent.
Am meisten aufpassen müssen Touristen und Berliner im Bezirk Mitte. Wie aus einer Antwort von Innensenator Frank Henkel (CDU) auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervorgeht, langten Taschendiebe dort im vergangenen Jahr mehr als 5000 Mal zu. In den Party-Kiezen Friedrichshains und Kreuzbergs waren die Diebe in rund 3 000 Fällen erfolgreich. Auch Charlottenburg-Wilmersdorf mit dem Kudamm und dem Breitscheidplatz ist bevorzugtes Jagdgebiet der Täter.
Ein eigenes Kommissariat
In dieser Statistik enthalten sind nur Fälle, in denen die betreffenden Bezirke auch als Tatort ermittelt wurden. Tatsächlich dürfte die Zahl der Taten dort höher liegen. Denn oft bemerkt ein Opfer den Diebstahl erst, wenn es den Tatort längst verlassen hat. Brennpunkte bilden laut Henkel die touristischen Örtlichkeiten und auch der öffentliche Personennahverkehr. Im Gedränge auf der Bahnhofstreppe oder in Einkaufszentren haben die Täter seit je her leichtes Spiel.
Ebenso in Cafés, wenn Gäste ihre Tasche oder Jacke, in denen sie ihre Geldbörse haben, über Stuhllehnen hängen. Neben dem klassischen Anrempeln oder Bedrängen auf der Rolltreppe gehören zur neuesten Masche der Diebe sogenannte Abdeckertaten: Sie halten dem Opfer eine Unterschriftenliste, einen Stadtplan oder einen Zettel unter die Nase, um es abzulenken und dann zuzugreifen.
Auf den großen Umsteigebahnhöfen wird laut Henkel etwa die Hälfte der Taten verübt. Hier werden nach Angaben von Fahndern aber auch erst die meisten Taten entdeckt, etwa wenn ein Fahrgast sich ein Ticket am Automaten kaufen will und sein Portemonnaie sucht. „Viele Taten sind nicht aufklärbar, weil die Geschädigten sie erst spät feststellen“, begründet Polizeisprecher Thomas Neuendorf die niedrige Aufklärungsquote. Nur die Festnahme auf frischer Tat bringe etwas.
Dafür gibt es das für Taschendiebstahl eingerichtete Kommissariat 711 des Landeskriminalamtes. Dessen 21 Fahnder sind in Zivil unterwegs, und 28 Sachbearbeiter versuchen die Strukturen der Tätergruppen zu ermitteln, die in letzter Zeit massenhaft in die Hauptstadt strömen. Denn die Polizei hat es, wie beim Einbruch, mit reisenden Tätern zu tun. Die wenigen gefassten Kriminellen – 659 waren es 2013 – kamen vornehmlich aus Rumänien und Bulgarien. Seit dem EU-Beitritt dieser Länder steigt die Zahl der Taten. „Wir haben deshalb mit rumänischen und bulgarischen Polizeikollegen eine engere Zusammenarbeit vereinbart“, sagt Neuendorf.
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