Tatort aus München

Darum geht's im Tatort aus München

Am Sonntagabend ermittelt die Münchner Mordkommission wegen eines mysteriösen Sturzes einer jungen Frau von Balkon eines Hochhauses. Der 67. „Tatort“ des Bayern-Duos Leitmayr und Batic ist ein Neuanfang – und bietet am Schluss eine Überraschung.

Klaudia Wick
4 Min
Der neue Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) geht gleich entschlossen zu Werke.

Der neue Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) geht gleich entschlossen zu Werke.

© BR/Denise Vernillo Lizenz

Die Nachbarn kannten sie gut, aber niemand sah sie stürzen. Ihr Telefon listet viele Anrufe, aber niemand wollte sie zuletzt gesprochen haben. Es muss auf dem Balkon im zwölften Stock ein Handgemenge gegeben haben, aber im ganzen Haus hat niemand einen Streit gehört. Ob Lisa Brenner sich aus eigenem Antrieb in die Tiefe stürzte oder von einem Unbekannten gestoßen wurde – wer kann das schon sagen?

Lange fehlen der Münchener Mordkommission die üblichen Gewissheiten, nur dem „Tatort“-Neuling Kalli mangelt es nicht an griffigen Hypothesen: „A Professionelle!“, ruft der junge Assistent Hammermann (Ferdinand Hofer), der mit dem Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) die Wohnung der Toten nach Hinweisen durchsucht. „Wie kommst du jetzt darauf?“, fragt der Alte den Jungspund. Als Kalli mit den Worten „Schauen’s doch mal um, das ist doch der Wahnsinn!“ auf die vielen High Heels im Ankleidezimmer deutet, entfährt Leitmayr nur ein konsterniertes „Du bist noch nicht so lange in München, gell?“

Was der Zuschauer zunächst als witziges Geplänkel missdeutet, das sich die Autoren einfallen ließen, um eine kleine Humorinsel zu schaffen, entpuppt sich im Nachhinein als Schlüsselszene: Kommissar Leitmayr kannte die Tote, er war bis vor zwei Jahren ihr Geliebter – einer oder der einzige? „Als ich mit ihr zusammen war, gab es da noch andere Männer?“, fragt er später einen von Lisas Nachbarn. Da ist Leitmayr schon offiziell vom Dienst suspendiert, aber innerlich noch nicht fertig mit seiner Trauer, die sich mit der Scham vermischt hat, einen letzten Anruf seiner Ex kurz vor deren Tod aus Achtlosigkeit nicht beantwortet zu haben.

Drehbuch von Max Färberböck und Catharina Schuchmann

Max Färberböck und Catharina Schuchmann haben das Drehbuch zu diesem „Tatort“ gemeinsam geschrieben. Es ist die 67. Episode des Bayern-Duos Leitmayr und Batic, und zugleich auch ein Neuanfang. Mit Kalli Hammermann und der Fallermittlerin Christine Lerch ist der erfahrene Batic (Miroslv Nemec), dem der Kollege abhanden kam, nun mit einem vorlauten Küken und einer Spezialistin „auf Augenhöhe“ konfrontiert.

Lisa Wagner, die in der Rolle einer Profilerin zum Team zustößt, hatte 2010 für ihren Part in „Nie mehr frei sein“ den Grimme-Preis erhalten und ihrer Fernsehkarriere mit dieser Episodenfigur eine entscheidende positive Wende gegeben. Als „Kommissarin Heller“ dreht sie für das ZDF inzwischen eine eigene Krimireihe, in diesem „Tatort“-Gastspiel hält sie sich entsprechend zurück.

Für den jungen Autodidakten Ferdinand Hofer, der zwei Jahre nach dem „Tatort“-Debüt von Wachtveitl und Nemec geboren wurde, ist dieser Einstand dagegen eine große Chance. Und genauso spielt er auch: Mit bemerkenswerter Präsenz, die dieser Folge zuweilen ihren Stempel aufdrückt.

Regisseur Max Färberböck ist sich dieser Wirkung sicher bewusst, er lässt Hofers Enthusiasmus wie ein Gegengift wirken. Denn eigentlich setzen Färberböck und sein Kameramann Michael Wiesweg auf eine tief ausgekostete, ergraute Melancholie in der Krimiszenerie. Auch über Hofer hinaus vertraut die Regie auf die hohe darstellerische Qualität des durchweg prominent, aber nie unoriginell besetzten Ensembles.

Leise schleicht sich dieser „Tatort“ aus den Vorgaben des Formats und gewinnt seine Form in einer prächtigen Bebilderung von Einsamkeitsritualen. Je mehr Verdächtige die Mordkommission ermittelt, desto trostloser gestaltet sich das Bild: Ob nun der reiche Brauereibesitzer im Porsche (Franz Xaver Kroetz) oder der arme Rentner mit seinen Plastiktüten – alle verausgabten sich darin, die Hure Lisa Brenner als Heilige zu verehren. Aber ist die Kränkung, nicht der Einzige zu sein, schon ein veritables Mordmotiv? „A was!“, gibt der Porschefahrer zurück. „I hab schon immer Frauen mögen, für die man über den Zaun steigen muss.“

Fanny Reichelt, die die verstorbene Lisa spielt, hat wenige Rückblenden und noch weniger Sprechszenen, aber sie vermittelt die Aura der Toten dennoch glaubwürdig. Dass Leitmayrs Alleingang, den Wachtveitl auch als dessen Midlife-Crisis andeutet, weder allein von dieser Frau ausgeht noch gut ausgehen kann, ahnt man schon früh. Das offene Ende dieses Krimis ist dann aber doch eine Überraschung.

Tatort: Am Ende des Flurs, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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