„Tatort: Erkläre Chimäre“

Münsteraner Geschichten mit Hirngespinsten

Im „Tatort: Erkläre Chimäre“ werden Boerne und Thiel nun ein Ehepaar. Der seltsame Titel darf getrost als Anspielung an dieser Sonderform des „Tatorts“ verstanden werden: In Münster entwickelte sich ein schillerndes Mischwesen aus Krimi und Klamotte.

Torsten Wahl
4 Min
Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, r.) hat es sichtlich eilig. Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) nicht so.

Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, r.) hat es sichtlich eilig. Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) nicht so.

© WDR/Martin Valentin Menke Lizenz

Selbst auf der hochprozentig befeuerten Beförderungs-Party von Kollegin Krusenstern zur Kommissarin kommt Professor Doktor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) nicht aus seiner Haut: Er doziert leicht lallend über die chemische Zusammensetzung von Wodka. Einer Schnapslaune entsprungen scheint auch der Titel des 27. „Tatorts“ aus Münster. „Erkläre Chimäre“ – diese beiden Wörter wurden wohl noch nie zu einem Reimpaar vereint. Wer der Erklärer sein wird, ist klar – natürlich Pathologe Boerne. Die meisten werden eine Chimäre als Mischwesen aus der griechischen Mythologie kennen – teils Löwe, teils Ziege, teils Schlange. Doch genauso gut kann man solch ein Fabelwesen ja auch als Hirngespinst oder Einbildung definieren.

Geschichten mit Hirngespinsten

Der seltsame Titel darf getrost als Anspielung an dieser Sonderform des „Tatorts“ verstanden werden: In Münster entwickelte sich ein schillerndes Mischwesen aus Krimi und Klamotte, das von sagenhaften 12 bis 13 Millionen Zuschauern bestaunt wird. Selbst eine Wiederholung am Ostersonntag zog noch sieben Millionen an. Wobei der Krimi in einigen Folgen etwas verkümmert daherkam, während die Stories gern mit Hirngespinsten spielten.


Der „Tatort“ aus Münster erreicht im Schnitt die höchsten Einschaltquoten aller aktuellen „Tatort“-Teams. 2011 und 2012 sahen in Deutschland durchschnittlich 11,58 Millionen Zuschauer die Krimikomödien mit Thiel und Boerne.

Die bislang höchste Einschaltquote erzielte die Folge „Mord ist die beste Medizin“ vom 21. September 2014. 13,13 Millionen Zuschauer sahen diese „Tatort“-Folge vor acht Montaten. Das entsprach einem Marktanteil von 36,7 Prozent.

Tatort: Erkläre Chimäre, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD


Die beiden Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die den Münster-„Tatort“ vor 13 Jahren kreiert hatten, wollten in ihrem zehnten Drehbuch noch stärker die Marotten ihrer Charaktere in den Mittelpunkt stellen. Dazu werden Pathologe Boerne und Kommissar Thiel (Axel Prahl) erst mal fester miteinander verkettet – sie werden verheiratet! Die Erklärung dieser Chimäre: Boerne hatte, um einem schwulen Erbonkel in Amerika zu gefallen, den nichts ahnenden Thiel einfach als seinen Ehepartner ausgegeben. Ein Foto mit Blumenstrauß von einer Beerdigung diente als Beweis.

Natürlich steht der reiche Erbonkel (Christian Kohlund) plötzlich vor Boernes Tür – und Thiel muss mitspielen. Denn zuvor hatte ihm Boerne in der Wodkanacht mit einem Luftröhrenschnitt das Leben gerettet und somit dessen Dankbarkeit erzwungen. Diese gewagte Konstruktion fordert vor allem das komödiantische Können von Axel Prahl heraus – dessen Thiel mit der verletzten Luftröhre zudem nur heiser röcheln kann. Die Szenen mit dem Erbonkel und den Kollegen werden nach allen Regeln der Boulevardkomödie ausgereizt.

Dabei läuft die Kriminalstory diesmal gar nicht so nebenbei, sondern wird mit den privaten Verwirrungen verstrickt. Ein Mordopfer, ein junger Brasilianer, entpuppt sich als der Geliebte von Ami-Onkel Gustav. Der junge Mann sollte in Münster 200 Jahre alte Champagner-Flaschen verkaufen, die Onkel Gustav illegal aus einem Schiffswrack in der Karibik geholt hatte. Die launige Geschichte provoziert immer wieder die Frage: Ist denn das überhaupt möglich?

Doch die abwechslungsreiche, von Regisseur Kaspar Heidelbach mit trockenem Witz inszenierte Kriminalklamotte antwortet immer wieder fröhlich: Ja, warum eigentlich nicht? Dabei ist der „Tatort“ um die Chimäre keineswegs nur ein Duell zwischen Boerne und Thiel, sondern diesmal ein echtes Ensemble-Stück.

Ob Kollegin Krusenstern (Friederike Kempter), Boernes Assistentin (Christine Urspruch) oder Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), ob Claus D. Clausnitzer als Vater Thiel oder Christian Kohlund als Onkel Gustav – alle sind klug eingebunden ins große Ganze. Immer wieder werden die Beteiligten zu putzigen Gruppenbildern aufgestellt: So stehen Thiel (mit Pflaster auf dem eingeschnittenen Hals) neben Krusenstern (mit Pflaster auf der eingeschlagenen Nase) neben Staatsanwältin Klemm im Krankenhaus – die wiederum ein Geheimnis um ihre Narben macht.

Amputation nicht ausgeschlossen

Die Tätersuche gestaltet sich vertrackter als lange vermutet. Sunnyi Melles und Uwe Preuss als Weinhändlerpaar sowie ihr abgedrifteter Sohn (Francois Goeske) müssen zunächst allzu routiniert als Verdächtige herhalten. Die Autoren werfen zwischendurch sogar den geradezu ungeheuerlichen Verdacht auf, ein Professor Boerne könne sich in einer entscheidenden Expertise geirrt haben. Doch ein Boerne irrt nie! Offen bleibt zuletzt nur die Frage, ob Thiel den falschen Ehering wieder vom Finger bekommt. Partner Boerne rät zur Amputation.

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