Tausende beim Tag der offenen Tür in Baumschulenweg / "art:berlin" vermittelt ständig Führungen: Im Krematorium nur zu Besuch

Der Bau vermittelt einen sehr friedvollen Eindruck", sagt Seynep Erol, "das hat mich froh gemacht". Denn eigentlich hatte die 23-jährige Architekturstudentin vor dem Besuch des Krematoriums Baumschulenweg ein bisschen Angst: "Ich hatte irgendetwas Trauriges oder gar Gruseliges erwartet." Seynep Erol und ihre Studienkollegen hatten am Wochenende den Tag der offenen Tür im Treptower Krematorium aus fachlichem Interesse zum Besuch des in Architektenkreisen mittlerweile berühmten Bauwerkes eingeplant. Tausende andere waren am Sonnabend und am Totensonntag vor allem wegen ihrer dort bestatteten Angehörigen auf den Friedhof in Baumschulenweg gekommen und nutzten den Tag der offenen Tür spontan zum Besuch des Hauses. Von sanfter Musik aus unsichtbaren Lautsprechern begleitet, konnten die Besucher das Gebäude durchwandern und die Mitarbeiter befragen.Schwierigkeiten am AnfangAnfangs wollten die Bestatter in den Neubau nicht mal die Särge anliefern. Alles sei ganz falsch, empfanden sie. An den Wänden keine Bilder, jeglicher Schmuck fehlt. Nichts, woran der Blick hängen bleibt. Weder an den hohen Säulen noch am stillen Brunnen in der Mitte der Halle und schon gar nicht an den rauen Wänden aus Beton."Pure Absicht", sagt Sylvia Wachholz. Nichts soll hier die Trauernden ablenken von dem, worum es geht: Abschied von den Toten. Ihnen soll die gesamte Aufmerksamkeit, alles Denken und Sinnen gebühren. Der Raum tritt in seiner kargen Schmucklosigkeit hinter diesen Zweck zurück. Eine kitschfreie Zone. "Das Dunkle, das Morbide - das findet sich hier nicht."Sylvia Wachholz wirbt um diesen Raum, seine Atmosphäre. Sie ist die Leiterin des Krematoriums. Die Technik zum Einäschern der Toten ist im Keller untergebracht, darüber erstreckt sich die Friedhofshalle mit ihrer modernen und oft so verstörenden Architektur. Es waren keineswegs nur Bestatter, die sich überfordert zeigten von dieser Kargheit. Auch die ersten Trauergäste äußerten sich verwirrt: etwas Dunkles, Heimeliges hatten sie erwartet. Stattdessen diese helle, nüchterne Atmosphäre.Daran mag sich nicht jeder gewöhnen: "Das Haus macht einen furchtbar kalten Eindruck, man geht hier mit Verstorbenen fast industriell um", ist der Eindruck von Bankkauffrau Katrin Buchmann.Doch das Interesse an einem Besuch hält seit den ersten Tagen der offenen Tür im vergangenen Jahr unvermindert an. "Deshalb haben wir mit der Kreuzberger Kunstagentur ,art:berlin eine Vereinbarung getroffen", sagt Sylvia Wachholz. Sie vermittelt zwei bis vier jeweils zweistündige Führungen durch Architekten oder Kunstwissenschaftler an den Wochenenden, wenn der Betrieb ruht. "Dabei geht es zuerst immer um die Baugeschichte und Architektur", sagt Klaus Mertens von "art:berlin". "Doch die Fragen der Besucher münden dann eigentlich immer ins Philosophische, weil das Gebäude einen zwingt, sich selbst mit dem Tod und dem Sterben auseinander zu setzen."Das Totenhaus // Das Krematorium: Das 1912 gebaute Krematorium an der Kiefholzstraße 221 wurde 1994 stillgelegt. Der im Januar 1996 begonnene Neubau wurde Mai 1999 in Dienst gestellt.Die Architektur: Die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank ernteten für ihren Entwurf Architekturpreise, aber auch heftige Ablehnung.Die Führungen: Wegen des anhaltend großen Interesses hat der Bezirk die Firma art:berlin mit den Führungen beauftragt.Infos zu den Führungen gibt es unter Tel. 28 09 63 90 sowie unter: www. berlin. de/artberlin BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF (2) Für durchschnittlich 58 Verbrennungen pro Tag ist das Krematorium ...

BLZ
8 Min

Der Bau vermittelt einen sehr friedvollen Eindruck", sagt Seynep Erol, "das hat mich froh gemacht". Denn eigentlich hatte die 23-jährige Architekturstudentin vor dem Besuch des Krematoriums Baumschulenweg ein bisschen Angst: "Ich hatte irgendetwas Trauriges oder gar Gruseliges erwartet." Seynep Erol und ihre Studienkollegen hatten am Wochenende den Tag der offenen Tür im Treptower Krematorium aus fachlichem Interesse zum Besuch des in Architektenkreisen mittlerweile berühmten Bauwerkes eingeplant. Tausende andere waren am Sonnabend und am Totensonntag vor allem wegen ihrer dort bestatteten Angehörigen auf den Friedhof in Baumschulenweg gekommen und nutzten den Tag der offenen Tür spontan zum Besuch des Hauses. Von sanfter Musik aus unsichtbaren Lautsprechern begleitet, konnten die Besucher das Gebäude durchwandern und die Mitarbeiter befragen.Schwierigkeiten am AnfangAnfangs wollten die Bestatter in den Neubau nicht mal die Särge anliefern. Alles sei ganz falsch, empfanden sie. An den Wänden keine Bilder, jeglicher Schmuck fehlt. Nichts, woran der Blick hängen bleibt. Weder an den hohen Säulen noch am stillen Brunnen in der Mitte der Halle und schon gar nicht an den rauen Wänden aus Beton."Pure Absicht", sagt Sylvia Wachholz. Nichts soll hier die Trauernden ablenken von dem, worum es geht: Abschied von den Toten. Ihnen soll die gesamte Aufmerksamkeit, alles Denken und Sinnen gebühren. Der Raum tritt in seiner kargen Schmucklosigkeit hinter diesen Zweck zurück. Eine kitschfreie Zone. "Das Dunkle, das Morbide - das findet sich hier nicht."Sylvia Wachholz wirbt um diesen Raum, seine Atmosphäre. Sie ist die Leiterin des Krematoriums. Die Technik zum Einäschern der Toten ist im Keller untergebracht, darüber erstreckt sich die Friedhofshalle mit ihrer modernen und oft so verstörenden Architektur. Es waren keineswegs nur Bestatter, die sich überfordert zeigten von dieser Kargheit. Auch die ersten Trauergäste äußerten sich verwirrt: etwas Dunkles, Heimeliges hatten sie erwartet. Stattdessen diese helle, nüchterne Atmosphäre.Daran mag sich nicht jeder gewöhnen: "Das Haus macht einen furchtbar kalten Eindruck, man geht hier mit Verstorbenen fast industriell um", ist der Eindruck von Bankkauffrau Katrin Buchmann.Doch das Interesse an einem Besuch hält seit den ersten Tagen der offenen Tür im vergangenen Jahr unvermindert an. "Deshalb haben wir mit der Kreuzberger Kunstagentur ,art:berlin eine Vereinbarung getroffen", sagt Sylvia Wachholz. Sie vermittelt zwei bis vier jeweils zweistündige Führungen durch Architekten oder Kunstwissenschaftler an den Wochenenden, wenn der Betrieb ruht. "Dabei geht es zuerst immer um die Baugeschichte und Architektur", sagt Klaus Mertens von "art:berlin". "Doch die Fragen der Besucher münden dann eigentlich immer ins Philosophische, weil das Gebäude einen zwingt, sich selbst mit dem Tod und dem Sterben auseinander zu setzen."Das Totenhaus // Das Krematorium: Das 1912 gebaute Krematorium an der Kiefholzstraße 221 wurde 1994 stillgelegt. Der im Januar 1996 begonnene Neubau wurde Mai 1999 in Dienst gestellt.Die Architektur: Die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank ernteten für ihren Entwurf Architekturpreise, aber auch heftige Ablehnung.Die Führungen: Wegen des anhaltend großen Interesses hat der Bezirk die Firma art:berlin mit den Führungen beauftragt.Infos zu den Führungen gibt es unter Tel. 28 09 63 90 sowie unter: www. berlin. de/artberlin BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF (2) Für durchschnittlich 58 Verbrennungen pro Tag ist das Krematorium ausgelegt.

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