Ihr vormaliges Selbst, das lässt sie in einem gesprochenen Refrain wissen, könne gerade nicht ans Telefon kommen, weil es nicht mehr lebt. Das Video soll eine Vorschau auf ihr kommendes Album mit dem sprechenden Titel „Reputation“ sein, in dem sie, so darf man mutmaßen, ihren Ruf erneuern möchte.
Warum sie das für nötig hält, gibt sie bereits in „Look what you made me do“ zu verstehen: „I don’t like the role you made me play“, singt sie da – „Ich hasse die Rolle in die Du mich gesteckt hast.“
Rücksicht auf die Fans
Der Kommentar wird gemeinhin als Anspielung auf die andauernde öffentliche Fehde mit Kanye West gedeutet, die für Taylor Swift in einem PR-Desaster endete. Swift fühlte sich von West in einen Morast hinein gezogen, in dem sie zu versinken drohte. Doch die Zeile kann auch als Verweis auf einen ganz anderen Morast gelesen werden, in den Swift hinein geraten ist.
Wie erst wieder die öffentliche Rundfunkstation NPR berichtete, hat sie sich gegen ihren Willen zu einer Ikone der rassistischen „Alt-Right“ in den USA entwickelt. Die Feministin Camille Paglia, selten um eine Provokation verlegen, nannte Swift giftig ein „blondes Nazi-Püppchen“.
Es begann mit einer „Real Taylor Swift Quotes“ genannten Seite in dem Bilder-Netzwerk Pinterest. Auf der virtuellen Pinnwand überblendete eine Nutzerin Fotos von Taylor Swift mit Zitaten von Adolf Hitler. Dort wurden der makellosen blonden Schönheit Worte in den strahlenden Mund gelegt wie: „Wir sind ein Ritterorden aus dem man nicht austreten kann, in man den durch sein Blut aufgenommen wird und dem man mit Leib und Seele angehört.“
Zunächst blieb unklar, ob die Montagen als Satire gedacht waren, um Swifts blitzsaubere, „arische“ Anmutung aufs Korn zu nehmen. Doch die proto-faschistische Rechte sah darin keine Ironie und adoptierte Swift dankend als Idol.
So widmete der rechtsradikale Blog „Daily Stormer“ Swift eine eigene Kolumne. Gründer Andrew Anglin nannte Swift eine „arische Göttin“. Die gesamte Alt-Right-Bewegung, führte Anglin aus, „wartet auf den Tag, an dem wir ihr unsere Schwerter zu Füßen legen dürfen, vor ihrem Thron nieder knien und ihre Befehle entgegen nehmen, die untermenschlichen Feinde der arischen Rasse zu vernichten.“
Die ultrarechte Internet-Gemeinde nahm begierig den Faden auf. Eine Facebook-Gruppe namens „Taylor Swift für ein faschistisches Europa“ hatte vorübergehend 18000 Anhänger. „Arisch zu sein, ist nicht nur eine Sache des Blutes, sondern auch des Geistes“, sagte der Community Manager gegenüber dem Magazin Vice. Swift sei, im Gegensatz etwa zu ihren Konkurrentinnen Kim Kardashian und Miley Cyrus „nicht nur arisch im Blut, sondern auch in der Gesinnung“.
Die Äußerung artikuliert den Verdacht, dass Taylor Swift das ist, was unter der neuen Rechten in den USA als „red pilled“ bezeichnet wird: Um die liberale Unterhaltungsbranche nicht zu brüskeren, traue sie sich nicht, sich offen zu ihrer suprematistischen Gesinnung zu bekennen. Doch wie auch der Daily Stormer mutmaßte, werde der Tag kommen, an dem sie ihren Anhängern ihre wahren Farben zeigt.
Natürlich gibt es nichts an Swifts Verhalten oder an ihren Äußerungen, das derartige Theorien und Wunschträume rechtfertigt. Sie kann genauso wenig dafür, das sie zur Faschisten-Ikone geworden ist, wie Gloria Gaynor einst dafürkonnte, dass sie zur Ikone der Schwulenbewegung wurde.
Und doch kann man ihr vorwerfen, nicht genug zu tun, um sich davon zu distanzieren. Ihre Anwälte haben zwar gegen die ihr angehängten Hitler-Zitate protestiert. Swift hat sich jedoch, anders als viele Popstars, auch nach Charlottesville nicht gegen rechte Hassgruppen und Neonazis ausgesprochen. Auch gegen Donald Trump hat sie sich im Gegensatz zu einem Großteil des Pop-Establishment nicht erklärt. Ein mutmaßlich großer Anteil ihrer Fans sind Sympathisanten des neuen Präsidenten, die sie nicht brüskieren mag.
Blitzsauberes Image
Auf der anderen Seite gibt Swift den Suprematisten viel Anlass, sie zu mögen. Ihr blitzsauberes Image, ihre Herkunft aus der weißen Mittelschicht der Vorstädte und ihr Karrierestart in der Country Musik trug ihr Pluspunkte in der Szene ein. Ebenso die Tatsache, dass sie immer wieder ins Kreuzfeuer der linksliberalen Kritik gerät. Da ist etwa das Video „Wildest Dreams“, in dem sich Swift als Dame der Kolonialzeit in einem Afrika präsentiert, in dem es keine schwarze Bevölkerung zu geben scheint.
Und da sind ihre vielen Aneignungen schwarzer Kultur, vom Twerking bis hin zu Beyoncés Super-Bowl Auftritt, den sie in ihrem neuesten Video zitiert. All das wird ihr von links als suprematistische Haltung angekreidet. Die wahren Suprematisten nehmen sie dafür mit offenen Armen in ihrem Lager auf.
Immerhin scheint Swift mit ihrem neuen Video wenn schon nicht die weißen Suprematisten so doch zumindest Kanye West abgeschüttelt zu haben. „Ich interessiere mich nicht für ihre Arbeit, ich habe andere Sorgen“, kommentierte West das Stück kühl. Wenigstens diese Sorge ist Taylor Swift also vorerst los.
Die Herabwürdigung durch den Hip-Hop-Star dürfte ihr jedoch wiederum Applaus in der Nazi-Szene eintragen. Und so lange sie sich von dieser Gruppe nicht deutlich distanziert, wird dieser Applaus auch nicht verhallen.
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