Seit seinem Amtsantritt vor etwas mehr als einem Jahr konnte der Chef der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) Hartmut Mehdorn noch keinen einzigen greifbaren Fortschritt vermelden von der Baustelle des zukünftigen Hauptstadtflughafens BER. Stattdessen gab es Gezänk und Misserfolge. Mehdorn überwarf sich mit diversen Führungskräften, er kündigte eine Teileröffnung an, die er wieder absagen musste, nicht einmal die relativ überschaubare Sanierung einer Landebahn gelang.
Aber Mehdorn hatte einen Trumpf: den Berater Jochen Großmann, 55 Jahre alt, Inhaber eines großen Ingenieurbüros, Brandschutzexperte. Großmann sollte als Technikchef endlich gelingen, woran die FBB bislang gescheitert war. Er sollte die Gebäudetechnik im neuen Terminal zum Laufen bringen und vor allem endlich, zwei Jahre nach der geplanten Eröffnung, die Probleme mit der Entrauchungsanlage lösen. „Großmann war eine Lichtgestalt“, sagt jemand aus dem Aufsichtsrat.
Doch jetzt ist die Lichtgestalt weg. Anfang der Woche wurde Großmann von seinen Aufgaben entbunden, und wenig spricht dafür, dass er zurückkommt. Gegen ihn ermittelt die auf Korruptionsfälle spezialisierte Staatsanwaltschaft Neuruppin. Der Verdacht: Er soll für die Vergabe eines Auftrags eine halbe Million Euro von einem international tätigen Beratungsunternehmen gefordert haben. Es gebe starke Indizien, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Und was sagt Mehdorn? „Es steht und fällt nicht mit einem einzelnen Mitarbeiter.“
Plumpe Anbahnung
Mehdorn benannte am Mittwoch auch bereits einen kommissarischen Nachfolger für Großmann. Oberbauleiter Frank Röbbelen, der erst seit Februar am BER arbeitet, soll zunächst die Aufgaben seines früheren Chefs übernehmen. Fraglich ist, ob er diesen ersetzen kann. Zwar hat Röbbelen jahrelang große Bauunternehmen geleitet, besondere Qualifikationen auf dem Gebiet des Brandschutzes bringt er aber nicht mit. Anders als Großmann, der nach eigenen Angaben seit 1998 als Brandschutzgutachter tätig ist und mehr als 200 Projekte begleitet hat.
Auch für den Brandschutz am BER entwickelte Großmann einen Plan – der übrigens in ähnlicher Form vor Jahren schon einmal verworfen worden war. Den komplexesten Teil der nicht funktionsfähigen Entrauchungsanlage wollte er in mehrere Segmente unterteilen. Das hat den Nebeneffekt, dass auf dem Dach ein hässlicher Schornstein hinzukommen wird. Die meisten Beteiligten hielten die Lösung aber für praktikabel.
Die Planung konnte Großmann freilich nicht allein bewerkstelligen. Darum holte die Flughafengesellschaft im Herbst 2013 Angebote für die Erstellung von Planungsunterlagen ein. Es ging um eine siebenstellige Summe, und weil es schnell gehen musste, erfolgte die Vergabe ohne vorherige Ausschreibung. Großmann war damals noch nicht Angestellter der FBB, als freiberuflicher Berater aber am Vergabeprozess beteiligt.
Ein Beratungsunternehmen mit Hauptsitz in den Niederlanden gab das günstigste Angebot ab und erhielt im Dezember 2013 den Zuschlag. Ein Sprecher der Firma schilderte der Berliner Zeitung den Ablauf: Demnach soll sich Großmann an einen Mitarbeiter gewendet haben. Er forderte, dass das Beratungsunternehmen im Gegenzug für die Vergabe einen Scheinvertrag mit einem von Großmanns Unternehmen abschließen sollte. Die entsprechende Summe sollte die Firma auf die Rechnung für die Flughafengesellschaft aufschlagen, ihr Angebot wäre dann immer noch das günstigste gewesen. Der Mitarbeiter meldete den Vorgang unverzüglich seinen Vorgesetzten. Die Compliance-Abteilung wurde eingeschaltet, sie nahm schließlich Kontakt mit der FBB auf, diese wendete sich nach einer Überprüfung an die Staatsanwaltschaft.
Bisher hat die FBB das Honorar nicht in voller Höhe überwiesen, ihr ist also kein Schaden entstanden. Das Schmiergeld ist auch nicht geflossen, unbestätigten Angaben zufolge soll der von Jochen Großmann unterzeichnete Scheinvertrag aber sichergestellt worden sein. Außer gegen ihn wird auch gegen den Mitarbeiter des Beratungsunternehmens ermittelt, gegen die beiden beteiligten Unternehmen aber nicht. Großmann selbst bestreitet seine Schuld. Ein Sprecher seiner Dresdener Unternehmensgruppe Gicon erklärte am Mittwoch: „Der Öffentlichkeit versichern wir, dass die Gicon vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten wird, um die Vorwürfe schnellstmöglich zu entkräften.“
Unklar ist bislang, warum mehrere Monate vergingen, ehe sich das Beratungsunternehmen mit seinem Verdacht an die FBB wendete. Unklar ist aber auch, wie es überhaupt sein konnte, dass Jochen Großmann, der selbst Auftragnehmer der FBB war, zugleich an Vergabeverfahren beteiligt sein konnte. Seit Jahren erhielten die Unternehmen seiner Gicon-Gruppe Aufträge vom Flughafen, zahlreiche Gicon-Beschäftigte arbeiteten im Rahmen der Mitarbeiterüberlassung bei der FBB. Ein krasses Organisationsversagen sei das, meint ein Flughafen-Insider. Auch im Aufsichtsrat war die mögliche Interessenskollision bereits Thema. Mehdorn beruhigte die Kontrolleure seinerzeit und versicherte, es gebe dazu vertragliche Regelungen mit Großmann.
Der Aufsichtsratsvorsitzende jedenfalls, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), sieht keinen Fehler bei der FBB. Er besucht in dieser Woche Peking. Wie die anderen Aufsichtsratsmitglieder erfuhr auch er offenbar erst in dieser Woche von den Ermittlungen gegen Großmann. Doch Wowereit stellt sich hinter Mehdorn. „Wir haben bei der Flughafengesellschaft nichts zu verstecken“, sagte er. Die FBB habe unverzüglich gehandelt. „Insofern ist das ein Zeichen dafür, dass da Wachsamkeit ist, und man nicht versucht, etwas zu vertuschen.“ Das klingt fast, als habe die Flughafengesellschaft die Ermittlungen selbst angestoßen.
Nicht ganz so gelassen war die Reaktion aus Brandenburg. Die dortige Landesregierung hat eine Dringlichkeitssitzung des FBB-Aufsichtsrates beantragt. „Wir brauchen schnellstens Klarheit über den Vorfall selbst, mögliche Weiterungen und insbesondere über die möglichen Auswirkungen auf den weiteren Planungs- und Bauablauf“, erklärte Flughafenkoordinator Rainer Bretschneider. Eigentlich sollte das Gremium erst Anfang Juli wieder tagen, nun kommt es wohl in der nächsten oder übernächsten Woche zusammen.
Mit der Sitzung wird die Aufarbeitung des mutmaßlichen Korruptionsfalls aber kaum abgeschlossen sein. Die Oppositionsabgeordneten im Abgeordnetenhaus fordern eine Überprüfung sämtlicher Auftragsvergaben, an denen Großmann beteiligt war. Und sie stellen weitergehende Fragen. Andreas Otto (Grüne) etwa wüsste gern, ob Großmanns Planung für die Entrauchungsanlage tatsächlich technisch begründet ist, oder ob sie primär Verdienstmöglichkeiten schaffen sollte. Immerhin gab es einen Alternativentwurf von dem Planer Alfredo di Mauro. Er bot am Donnerstag im rbb seine Hilfe an. „Ich kann die Anlage in Betrieb bringen“, versicherte er.
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