Telekom-Personalvorstand Schick zur Frauenquote

"Die Mischung macht's"

„Unternehmen ohne Frauen in der Führung schaden sich selbst“: Telekom-Personalvorstand Marion Schick über Frauenquoten, männliche Führungsstile, weibliche Rollenklischees und Karriereanbahnung auf Golfplätzen und beim Wasserlassen.

BLZ
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Marion Schick.

Marion Schick.

© Deutsche Telekom AG Lizenz

Die Deutsche Telekom ist ein Riese, den man eigentlich nicht vorstellen muss: Allein auf dem inländischen Mobilfunk-Markt zählt der Konzern 36 Millionen Kunden. Er ist damit Marktführer in Deutschland. Mit weltweit 232 000 Mitarbeitern – davon allein mehr als 120 000 hierzulande – und einem Jahresumsatz von zuletzt mehr als 58 Milliarden Euro zählt die Telekom zu den größten und bekanntesten Unternehmen im Land. Geführt werden die Mitarbeiter von Personalchefin Marion Schick. Mit ihr sprachen wir über Frauen in Führungspositionen, Mitarbeitermotivation und die Gewinnung von Facharbeitern.

Frau Schick, Ihr Vorgänger als Personalvorstand, Thomas Sattelberger, hat einmal gesagt, in Großunternehmen würden Karrieren beim Pinkeln gemacht. Wie haben Sie Ihre Karriere begonnen?

Naja, meine Karriere ist anders verlaufen. Ich habe das ganz normale professionelle Auswahlverfahren durchlaufen, um Vorstand zu werden. Ich glaube, Herr Sattelberger hat mit seiner Bemerkung die 80er und 90er Jahre aufs Korn genommen, als Seilschaften unter Männern noch eine größere Rolle gespielt haben als heute und gemeinsames Golfspielen manchmal wichtiger war als Kompetenzen und Fähigkeiten. Aber seither hat sich doch einiges verändert.

Was halten Sie von einer Frauenquote für Aufsichtsräte, wie sie Union und SPD vereinbart haben?

Ich rede lieber darüber, dass es ein Unding ist, dass Frauen auf Führungspositionen in vielen Unternehmen kaum zu finden sind. Aber diese Unternehmen schaden sich letztlich selbst. Sie berauben sich der Fähigkeiten und Talente, über die Hunderttausende bestens ausgebildeter Frauen verfügen. Aus meiner Sicht ist das zwar auch eine moralische Frage, vor allem aber eine betriebswirtschaftliche.


Marion Schick: Dass die 55-Jährige im letzten Drittel ihrer Karriere in den Vorstand eines der größten deutschen Unternehmen aufsteigen würde, war vor wenigen Jahren noch kaum absehbar. Denn vor ihrem Wechsel zur Telekom im Mai 2012 war Schick jahrzehntelang im Hochschulbereich und der Politik aktiv. So stand sie von 2000 bis 2008 als erste Frau der Hochschule München als Präsidentin vor. Sie ist geschieden und hat zwei Kinder.

Ministerin für Kultus, Jugend und Sport: Im Jahr 2010 trat die promovierte Wirtschaftspädagogin Marion Schick in die baden-württembergische Landesregierung unter Stefan Mappus ein, schied im Mai 2011 aus dem Kabinett aber wieder aus. Als Ministerin setzte sich die im bayrischen Schrobenhausen gebürtige CDU-Politikerin besonders für eine bessere frühkindliche Förderung und den Ausbau der beruflichen Bildung ein.


Muss man nicht auch Unternehmen zu ihrem Glück zwingen? Die Wirtschaft hat in zwölf Jahren freiwilliger Selbstverpflichtung schließlich nur Trippelschritte unternommen.

Da haben Sie zwar Recht, aber in den letzten zwei, drei Jahren hat sich doch einiges getan. Ich halte aber flexible Modelle, die die Unternehmen für ihre Leitungsebenen verbindlich festlegen, für den besseren Weg. Und es geht ja nicht nur um Aufsichtsräte und Vorstände, sondern gerade auch um die Führungsebenen darunter.

Wie macht das die Telekom?

Ich spreche lieber von Zielen als von Quoten. Das weitet den Horizont. Es geht natürlich darum, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen – wir wollen bis Ende 2015 30 Prozent der Chefposten im Konzern mit Frauen besetzt haben – aber längst auch um den besseren Einklang von Familie und Beruf. Und das geht auch Männer an.

Wie weit sind Sie?

Wir müssen noch etwas tun, um unser Ziel zu erreichen. Ende 2012 hatten wir 24 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt. Unser Aufsichtsrat, der sich selbst zu einem Anteil von 30 Prozent weiblicher Mitglieder bis Ende 2015 verpflichtet hat, hat heute schon mehr als ein Drittel weibliche Mitglieder. Wobei ich zugebe, dass die Mehrzahl von der Arbeitnehmerseite entsandt wurde. Im Vorstand der Telekom sind wir zwei weibliche und fünf männliche Kollegen.

Führen Frauen anders?

Der Versuch, Geschlechtern bestimmter Führungsstile zuzuschreiben, mündet immer in Klischees und Allgemeinplätzen.

Versuchen Sie’s trotzdem.

Gut. Aber ich sag vorweg: Es gibt Frauen mit männlichen und Männer mit weiblichen Führungseigenschaften.

Klar. Gibt’s.

Männer sind oft stärker fokussiert auf Lösungen, sie wollen rasch greifbare Ergebnisse, sie haben Probleme mit nicht getroffenen Entscheidungen und unklaren Situationen. Sie kennen das vielleicht vom vorweihnachtlichen Einkauf: Männer jagen Hemden, heißt es.

Und Frauen?

Frauen sammeln Informationen – und dann erst Blusen. Sie sondieren die Lage, weiten den Blick, beziehen mehrere Aspekte ein. Vielleicht brauchen sie für eine Entscheidung auch mal länger, aber die ist dann oftmals fundierter. Wie gesagt, das sind natürlich sehr holzschnittartige Beschreibungen. Ich glaube, ein Unternehmen braucht beide Typen, und dabei ist es egal, welcher Führungsstil durch welches Geschlecht vertreten ist. Die Mischung macht’s.

In welchen Fällen sind die „typisch weiblichen“ Eigenschaften für ein Unternehmen überhaupt wichtig?

Wie lange haben Sie Zeit? Es geht in unternehmerischen Entscheidungen doch nicht allein um fachliches Wissen. Sie müssen dieses Wissen auch in konkrete Arbeitsschritte, in Lösungswege übersetzen können. Und sie müssen dabei die Fähigkeit haben, Menschen zu motivieren, an diesen Prozessen teilzunehmen. Das ist ohne Einfühlungsvermögen nicht sinnvoll zu organisieren.

Können Sie ein – möglichst weibliches - Beispiel nennen?

Ich denke etwa an die Arbeits- und Lebenssituation berufstätiger Eltern. Auch wenn sich da einiges verändert hat, sind es doch noch immer vor allem die Frauen, die im Haushalt und in der Kindererziehung die Hauptlast tragen und zusätzlich im Beruf erfolgreich sein wollen. Ich glaube deshalb, dass weibliche Führungskräfte tendenziell mehr Verständnis für die Probleme haben, die aus dieser Doppelbelastung entstehen. Sie können konstruktiv damit umgehen, zum Wohl der Beschäftigten und des Unternehmens gleichermaßen.

Was würden Sie jungen Frauen raten, die bei der Telekom was werden wollen?

Sie können sich gerne in sozialen Netzwerken und auf Online-Plattformen präsentieren, um zu zeigen, was sie können, woher sie kommen und wohin sie wollen. Im Unternehmen sollten sie sich nicht mit der Rolle des fleißigen Bienchens zufrieden geben, das für den Chef den Honig sammelt, sondern selbstbewusst auch Aufgaben an sich ziehen, die über den eigenen Wirkungskreis hinaus reichen. Damit zeigen sie: Ich möchte etwas leisten – und ich kann es auch.

Für 16-, 17- oder 18-jährige Lehrstellenbewerber ist das nicht so einfach. Die stehen doch bei Ihnen Schlange.

Das stimmt. Wir haben mehr als 45 000 Bewerber für gut 3000 Lehrstellen, die jedes Jahr besetzt werden. Die Attraktivität eines Arbeitgebers hängt nun mal eng mit der Qualität der Produkte und Leistungen zusammen, für die er steht. Da hat die Telekom sehr viel Boden gut gemacht. Wir sind nicht mehr die schwerfällige Behörde, sondern ein modernes Kommunikations- und Technologieunternehmen.

Über das sich immer noch zahllose Kleinaktionäre ärgern, die einst teure Anteilsscheine kauften, die heute nur noch ein Zehntel wert sind.

Ich weiß, das hängt uns immer noch nach. Aber die aktuelle Entwicklung zeigt ja einen anderen Trend.

Und jüngst kam noch der Streit um die Drosselung von Datenmengen im Internet für Vielnutzer dazu.

Die öffentliche Diskussion hat unserem Image geschadet, Bei der Arbeitgeberattraktivität mussten wir Einbußen hinnehmen. Aber das ist kein langfristiger Trend.

Werden Sie jetzt das Klagelied anstimmen, wegen des jüngsten Ansehensverlusts kaum noch an gute Fach- und gute Nachwuchskräfte zu gelangen?

Das werde ich gewiss nicht. Dieses Gerede vom Fachkräftemangel und fehlender Ausbildungsfähigkeit ist zumindest mit Blick auf renommierte Unternehmen wie die Telekom völlig unangebracht. Es gibt Zehntausende junger Leute, die darauf warten, eine Chance zu bekommen. Und ich bin davon überzeugt, dass sie auch eine Chance verdienen. Jeder Mensch verfügt über Talente, jeder ist im Grundsatz ausbildungsfähig, auch wenn wir in manchen Fällen Unterstützung leisten müssen.

Aber die Telekom wählt ihre Bewerber doch ebenfalls nach den Abgangszeugnissen aus. Da fallen viele doch durch den Rost.

Langsam. Die Noten sind nur ein Kriterium von mehreren, aber beileibe nicht das entscheidende. Wir führen auch Tests, Bewerbungsgespräche und Interviews durch, um unsere Stellen zu besetzen.

Die Fünf in Mathe ist wurscht?

Natürlich bieten Noten einen Anhaltspunkt, um aus der großen Menge der Bewerber die geeigneten herauszufinden. Aber wir saugen nicht mit einem Staubsauger einfach die Einser-Schüler ab. Es geht nämlich auch um etwas anderes: Wer einen Schulabschluss vorweisen kann, hat bewiesen, dass er durchhalten kann und Ausdauer hat. Und dies wird er oder sie vermutlich auch später im Beruf unter Beweis stellen.

Hauptschüler ohne Abschluss haben trotzdem keine Chance.

Wir bieten jedes Jahr rund 40 jungen Leuten eine meist neunmonatige Berufsorientierung an. Drei Viertel von ihnen beginnen im Anschluss eine normale Ausbildung, manchmal sogar direkt im zweiten Lehrjahr. Hinzu kommen 20 Plätze für Teilzeit-Azubis, in aller Regel alleinerziehende Mütter, die einen 40-Wochenstunden-Ausbildung überhaupt nicht absolvieren könnten und dafür bei vollem Vergütungsausgleich nur 25 Wochenstunden leisten. Diesen jungen Leuten, die durch das Raster der Bildungssystems gefallen sind und keinen Din-genormten Lebenslauf haben, wollen wir eine Chance geben.

Wohltätigkeit, dein Name ist Telekom.

Wir sind nicht die Caritas. Wir tun das, weil wir uns auch einen Vorteil davon versprechen und unseren Fachkraftnachwuchs sichern. Aber wir unternehmen die Anstrengungen auch in der Überzeugung, dass wir es uns als Gesellschaft insgesamt nicht leisten können, junge Leute am Weg zurück zu lassen und Potenziale zu verschenken.

Kleine und mittlere Firmen können keinen solchen Aufwand betreiben. Haben Sie kein Verständnis dafür, wenn die über Nachwuchs- und Fachkraftmangel klagen?

Doch, natürlich habe ich Verständnis. Die Telekom befindet sich in einer wirklich vorzüglichen Lage. Von der Kinderbetreuung über die Telekomstiftung bis zu unserer eigenen Hochschule in Leipzig können wir die gesamte Bildungskette abdecken. Wir wenden 350 Millionen Euro jährlich dafür auf. Das ist einmalig in Deutschland, das können Mittelständler oder Kleinbetriebe nicht. Ich denke, diese Unternehmen müssen Wege der Zusammenarbeit finden, um etwa gemeinsam Personalentwicklung und Kinderbetreuung zu organisieren. Das funktioniert bei der Gemeinschaftsforschung ja auch: Viele kleine und mittelständische Firmen geben Forschungsprojekte in Auftrag, von deren Ergebnissen alle profitieren.

Das Gespräch führte Stefan Sauer

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