Tennis

Peter Pan statt Pilsken

Warum die modernen Tennisprofis um Roger Federer und Novak Djokovic heute viel länger brillieren können als in der Ära Björn Borgs.

Andrej Antic
5 Min
Ausgebrannt mit 26: der Schwede Björn Borg auf Knien in Wimbledon 1980.

Ausgebrannt mit 26: der Schwede Björn Borg auf Knien in Wimbledon 1980.

© dpa/picture-alliance Lizenz

Als vorigen Sonntag das Masters der Tennisspielerinnen in Istanbul zu Ende ging, gab es bemerkenswerte Fakten: ein mit mehr als 16 000 Fans ausverkauftes Finale, bei einem Turnier, das jahrelang als Ladenhüter galt. Die Tatsache, dass Serena Williams mit 12,4 Millionen Dollar für eine Saison einen neuen Preisgeldrekord aufgestellt hatte. Erstaunlich auch: Es gab eines der routiniertesten Endspiele überhaupt zwischen Williams, 32, und der Chinesin Li Na, 31.

Ein Ausrutscher in der Tennishistorie? Von wegen! Die Profis spielen im Alter immer besser. Wenn kommenden Montag die Männer mit dem Saisonfinale der besten acht in London nachziehen, lautet das Motto ebenfalls: Je oller, desto doller. 28 Jahre beträgt der Altersschnitt. Vor zehn Jahren, beim sogenannten Masters Cup in Houston, betrug das Durchschnittsalter der Teilnehmer 24,3 Jahre.

Damals siegte Roger Federer, 22 Jahre alt. Jetzt in London ist der Schweizer 32 und zum zwölften Mal in Folge beim Saisonfinale dabei. Den Altersschnitt hebt er zwar, aber die meisten Kollegen wie David Ferrer, 31, oder Tomas Berdych, 28, fallen ebenfalls in die Kategorie reifes Tennisalter. Der zweitjüngste Spieler im Feld ist der neulich von Rafael Nadal von der Spitze verdrängte Novak Djokovic. 26 Jahre alt ist der Serbe – in dem Alter waren früher viele Karrieren bereits beendet. Der legendäre Björn Borg etwa, viermaliger Masters-Finalist, dankte in diesem Alter ab. Körperlich und mental war er völlig ausgebrannt.

Auf der Tour ist der Trend der älter werdenden Topspieler das große Thema. Neulich bei den US Open wurde der zuletzt schwächelnde Federer gefragt, wie es seinem Körper heute ergehe. Seine Antwort: „Ich wärme mich besser auf, weil ich fühle, dass es das Richtige für mich ist. Als ich jung war, bin ich fünf Minuten herumgehüpft und dann auf den Platz gegangen. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist unser Sport so viel professioneller geworden. Jeder absolviert seine Extraschichten. Man will nicht der einzige Kerl sein, der nicht arbeitet.“

Stretching vor und nach Matches, viel Schlaf, gute Ernährung – am besten glutenfrei –, besseres Material, das Stemmen von Gewichten, ein Heer von Trainern und Beratern – es gibt haufenweise Gründe, warum Profis besser werden. Allein: Warum sind sie gerade im Alter so stark? Sprach man früher von Wunderkindern, den Beckers, Agassis und Capriatis, die die Etablierten auf großen Bühnen ärgerten, so staunen heute alle über die Leistungen der Oldies. Im Frühjahr bei den French Open betrug das Durchschnittsalter der Viertelfinalisten 29,75 Jahre bei den Männern. Der Jüngste war Djokovic mit 26. Und das bei dem Turnier, das als härtestes und gnadenlosestes der Welt gilt.

Mehr Wissen als früher

Für Christopher Kas, 33, einen der besten deutschen Doppelspieler, sind zwei Faktoren entscheidend, dass sich die Altersstruktur geändert hat. „Zum einen ist das gesamte Leistungsniveau höher geworden. Das führt dazu, dass junge Spieler viel länger brauchen, um alle Hürden im Profitennis zu nehmen“, sagt Kas. Im Klartext heißt das: Zunächst müssen sich die Jungprofis durch Future-Turniere kämpfen, sich anschließend im Challenger-Circuit beweisen und erst dann folgt der Sprung in die Qualifikationen und Hauptfelder der ATP-Turniere.

Der zweite Grund für Kas, wohl entscheidender: „Die älteren Profis halten ihre Leistung länger. Sie sind fitter und weniger anfällig für Verletzungen, weil sie mehr über Training, Prävention und Reha-Maßnahmen wissen als die Spieler früher.“

Der Trend, der sich in der Gesellschaft zeigt, gilt für das Profitennis erst recht: Diäten machen, durch Parks rennen, sich an Geräten stählen – das tun Nadal und die anderen wie Max Mustermann und Lieschen Müller. Soziologen sprechen vom „Peter-Pan-Syndrom“. Ewige Jugend heißt die Zauberformel. Man kann das herunterbrechen auf das Motto: 30 ist das neue 20. Tommy Haas, 35, dem nicht viel fehlte, um beim Saisonabschluss in London dabei zu sein, hat Bauchmuskeln von denen 20-jährige Nachwuchshoffnungen nur träumen können. Einer wie der frühere Davis-Cup-Spieler Karsten Braasch, der vor dem Match noch schnell eine Zigarette durchzog und abends an der Bar sein „Pilsken“ trank? Undenkbar im Zeitalter des Fitnesswahns!

Eine Frage der Trainingshistorie

Als Prototypen der Fitnessbewegung, die Anfang der Achtzigerjahre ins Tennis schwappte, gelten Martina Navratilova und Ivan Lendl. Sie schworen auf die Robert-Haas-Diät und ließen sich nach langen Matches nicht nur massieren, sondern strampelten auch auf dem Ergometer. Heute gibt es nur noch Lendls. Kas sagt: „Wenn mein Training um zehn Uhr auf dem Platz beginnt, dann fange ich schon um neun Uhr mit speziellen Übungen an.“ Früher habe er sich zehn Minuten aufgewärmt und eine halbe Stunde Bälle geschlagen, um auf Betriebstemperatur zu kommen. „Ich spiele heute definitiv besser als mit 20“, sagt er.

Trainingswissenschaftler sagen, es dauere Jahre, um eine tennisspezifische Muskulatur aufzubauen, die Ausdauerleistungen bei Fünf-Stunden-Matches, aber auch Schnelligkeit und Schnellkraft garantiert. „20-Jährige können nicht die Trainingshistorie eines 27-Jährigen haben“, sagt ein Szenekenner. Die große Ausnahme der letzten Jahre bildete Nadal. Der Spanier gehörte schon mit 19 zur Weltklasse.

Inzwischen ist er 27 und nächste Woche in London neben Djokovic Favorit auf den Titel. Der fünf Jahre ältere und zuletzt oft formschwache Federer dürfte dieses Jahr eher leer ausgehen. Alles ist im fortgeschrittenen Tennisalter auch nicht rosig.

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