Er lag am Boden, zuerst auf dem Bauch, dann auf dem Rücken, und es war nicht zu übersehen, dass er dachte, das alles könne nicht wahr sein. Doch es stimmte. Mit einem souveränen, höchst eindrucksvollen Sieg gegen Novak Djokovic (6:4, 6:3) gewann Alexander Zverev am Sonntagabend in London den Titel beim Turnier der Meister, den ATP Finals.
Es ist der größte Titel seiner jungen Karriere, Lohn für zwei großartige Spiele an diesem Wochenende mit Siegen gegen die Nummer eins der Welt und gegen die Nummer drei, Roger Federer. Wer jetzt noch daran zweifelt, wie viele Wege Zverev auf dem Planeten Tennis offen stehen, dem ist vermutlich nicht zu helfen.
Buhrufe im Spiel gegen Federer
Es gab wohl keinen unter den 17.800 Zuschauern in der ausverkauften Arena am Sonntag, der nicht mitbekommen hatte, was am Tag zuvor bei Zverevs Sieg im Halbfinale gegen Roger Federer passiert war. Die Buhrufe und Pfiffe des Publikums für den jungen Deutschen nicht nur direkt nach einer kniffligen Situation im Tiebreak des zweiten Satzes, sondern auch während des Siegerinterviews waren das Thema. Dabei hatte Zverev keinen einzigen Ton der Missbilligung verdient; ein Balljunge hatte den Ball während des Spiels aus den Händen gleiten lassen, er war ins Spielfeld gerollt, und weil der Schiedsrichter davon nichts mitbekam, hörte Zverev auf zu spielen. Auch die Leute auf den Rängen hatten nichts mitbekommen, aber weil sie fanden, der junge Herausforderer nehme sich gegen ihren Liebling zu viel heraus, pfiffen sie ihn aus.
Gegensatz der Gefühle
Es herrschte später allgemeiner Konsens darüber, dass es in dieser Situation keine andere Lösung gegeben hatte, und auch Federer machte Zverev nicht den allerkleinsten Vorwurf. Die Buhrufe beim Interview verebbten erst, als sich Moderatorin Annabel Croft an die Zuschauer wandte und darauf hinwies, der Sieger habe nichts falsch gemacht und verdiene mehr Respekt. Zverev erlebte in diesen Momenten den schmerzhaften Gegensatz der Gefühle.
„Es war ein glücklicher Moment, weil ich gewonnen habe“, sagte er, „aber auch ein sehr trauriger, weil es nicht die Art war, wie ich gewinnen wollte.“ Er wurde zwar mit Beifall verabschiedet, doch die feindselige Haltung des Publikums nahm ihn so mit, dass er in der Umkleidekabine erst mal ein paar Minuten lang mit seinen verwirrten Gefühlen allein sein wollte.
Weniger Fehler machen
Am Sonntagnachmittag um sechs, als er im Licht des Scheinwerferkegels den Platz zum Finale gegen Novak Djokovic betrat, wurde er mit Beifall empfangen – nur mit Beifall. Keine Frage, der Serbe galt als großer Favorit; das lag auf der Hand nach den Ergebnissen der zweiten Hälfte des Jahres mit Triumphen in Wimbledon, Cincinnati, bei den US Open und in Schanghai. Und nach der Ergebnisse der Woche in London bei den ATP Finals mit drei Siegen in der Vorrunde und einem souveränen Erfolg im Halbfinale gegen den Südafrikaner Kevin Anderson. Aber aus der Niederlage im zweiten Gruppenspiel (4:6, 1:6) hatte Zverev die Gewissheit mitgenommen, Djokovic im ersten Satz in Gefahr gebracht zu haben. Wie sein Plan für das Finale aussah? „Ich werde versuchen, mehr Winner zu schlagen und weniger Fehler zu machen.“
Gesagt, getan? Klingt zu einfach, aber genau so war es. Mit der gleichen Ruhe und Konzentration, die er tags zuvor beim Sieg in zwei Sätzen gegen Federer gezeigt hatte, startete er auch in das letzte Spiel der Saison, und es wurde schnell klar, dass er sich von Djokovic nicht abschütteln ließ. Als die Nummer eins gegen Ende des Satzes leichte Schwächen zeigte, setzte Zverev konsequent nach und erzwang ein Break zum 5:4. Und die Art, wie er danach diesen wegweisenden ersten Satz gewann, sagte alles: Drei Asse führten zu drei Satzbällen, der zweite saß.
Auftritt mit Wirkung
Mit einem frühen Break im zweiten Satz wies er nachdrücklich darauf hin, dass er sich nicht verwirren lassen würde. Diesmal kamen kein Balljunge, kein rollender Ball und keine Pfiffe dazwischen; als am Ende Bilanz gezogen wurde, war er in allen Belangen der dominierende Mann. Ein Auftritt mit tiefer Wirkung und ein Spiel, in dem Alexander Zverev der Welt des Tennis in 80 Minuten nachdrücklich zeigte, wo sein Platz in diesem Spiel ist. Wie hatte er die Sache vor ein paar Tagen beschrieben? „Ich arbeite hart. Ich mache das gern, weil ich weiß, was ich will, und ich will der Beste sein.“ Genau das war er an diesem Abend in London, der viel mehr als ein Anfang war.
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