Das Gefühl ist allseits bekannt: Man postet ein Bild und plötzlich purzeln die Likes. Erst zehn, dann zwanzig, oha, schon vierzig. Hey, vielleicht geht es ja sogar in den dreistelligen Bereich. Das macht jedem Spaß. Gebt es zu. Die Zauberformel hinter diesem Glücksgefühl lautet schlicht und einfach Dopamin: Der Neurotransmitter wird vor allem bei Belohnung ausgeschüttet.
Instagram-Test: Likes werden nicht mehr angezeigt
Ein gutes Bild, ein guter Post, mehr Dopamin und der immer häufigere Griff zum Smartphone. Wie bei einer klassischen Kokainsucht. Doch genau wie jede Sucht, bringt auch die Abhängigkeit von Social Media düstere Nebenwirkungen mit sich. Besonders Instagram schneidet in wissenschaftlichen Untersuchungen immer wieder schlecht ab: Laut zahlreicher Studien aus den vergangenen zwei Jahren bringt eine Nutzung des Dienstes Angstzustände, Depressionen, gesteigerten Narzissmus, Schlaflosigkeit und negative Auswirkungen auf das eigene Körperbild mit sich.
Zeit, Verantwortung zu übernehmen? Man mag erstaunt sein, aber es sieht ganz danach aus. Vor einiger Zeit überraschte Instagram mit einem Sinneswandel. „Wir möchten, dass sich Follower auf das konzentrieren, was sie teilen, und nicht auf die Anzahl der Likes, die ihre Posts erhalten“, erklärte das Unternehmen auf der F8-Entwicklerkonferenz von Facebook. Instagram-Chef Adam Mosseri gab bekannt, dass man in Kanada eine Version ohne Likes teste. Nutzer könnten zwar weiterhin eine Liste mit den Personen sehen, denen der Beitrag gefallen hat – die Likes werden jedoch nicht für die Öffentlichkeit angezeigt. So ganz neu ist das Konzept nicht.
Snapchat hat es 2017 vorgemacht: Die Story-Sharing-Applikation, bei der sich Beiträge innerhalb von 24 Stunden wieder in Luft auflösen, gab Raum, unbefangen Grimassen mit der Welt zu teilen und dafür nicht auf Ewigkeiten in das Logbuch des Internets eingetragen zu werden. Likes sind nur für denjenigen sichtbar, der das Bild hochlädt. In mehreren Studien gaben gerade Teenager an, dass ihnen die Plattform deswegen besonderen Spaß mache.
Instagram ohne Likes: Weniger Druck durch Social Media
Leider waren die Qualitäten, die Snapchat so amüsant machten, auch sein eigenes Verderben. Denn gerade Unternehmen und Influencern fiel es schwer, Beliebtheit in Geld zu verwandeln. Wie soll man Snapchat-Star werden, ohne dem Kunden von der riesigen Anzahl von Likes vorzuschwärmen? Ein neues „Instagram ohne Likes“ müsste genauso funktionieren. Im Gespräch mit BuzzFeedNews erklärte Adam Mosseri, dass es bei dem Test nicht darum gehe, ein bestimmtes Verhalten zu fördern, sondern darum, „eine weniger unter Druck stehende Umgebung zu schaffen, in der die Menschen sich wohlfühlen, wenn sie sich ausdrücken“.
Facebook-Chef Mark Zuckerberg gab bereits 2018 bekannt, dass sich das Unternehmen in Zukunft auf „gut investierte Zeit“ konzentrieren werde: „Es soll nicht nur Spaß machen, sondern auch gut für das Wohlbefinden der Menschen sein“, so Zuckerberg.
Stundenlang im Netz
15 Millionen Menschen nutzen nach Firmenangaben Instagram in Deutschland, junge Menschen sind aktiver.
2010 war das Jahr, in dem Instagram auf den Markt kam. Facebook kaufte den Dienst für mehr als 700 Millionen Dollar
2,1 Stunden nutzen die Deutschen im Durchschnitt ihr Smartphone täglich.
Die Plattformen reagieren damit auf die schlechte Publicity. Gerade Instagram – mit rund 15 Millionen Nutzern in Deutschland – wird immer wieder genannt, wenn es um psychische Auswirkungen von sozialen Medien geht. Denn während bei Facebook und Twitter auch Text eine wichtige Rolle spielt, zählt bei Instagram vor allem das Bild. Laut der Psychologin Renee Engeln verzerre Instagram damit insbesondere bei Frauen die Beziehung zu ihrem Körper. Jüngere Nutzerinnen verbringen viel Zeit damit, Fotos gründlich zu retuschieren und zu kuratieren. Das führe zu einer stärkeren Unzufriedenheit mit dem authentischen Selbstbild, erklärt Engeln.
Wie sich Mädchen auf Instagram inszenieren
Früher gingen Kunden zu Schönheitschirurgen, weil sie wie Hollywood-Stars aussehen wollten, inzwischen zeigen sie ihr bearbeitetes Profilfoto vor. Engeln unterstützt daher ein Auf-Nimmer-Wiedersehen zur Like-Kultur: „Likes sind mächtig, weil sie unmittelbares Feedback geben“, so die Psychologieprofessorin der Northwestern University.
Dies bestätigt auch eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk. Untersucht wurde die Selbstinszenierung von Mädchen auf Instagram. 21 Prozent der befragten Frauen gab an, ihre Brüste mit einer Foto-App vor der Veröffentlichung größer zu machen; 20 Prozent macht die Taille schlanker, 14 Prozent verlängert die Beine. Nutzer machen sich damit selbst zum bewertbaren Objekt und das geht nicht spurlos an der Psyche vorbei. Bei Likes in sozialen Medien geht es um Konsum und Gewinn in jeder Hinsicht – nicht um Wohlbefinden und Community.
Bleibt zu hoffen, dass Instagrams Testlauf in Kanada Erfolg haben wird. Die erste Generation von Social-Media-Nutzern wird gerade rundum erwachsen. Zeit, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und der nächsten Generation eine gesündere digitale Zukunft zu bieten.
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