Dass es Brad Pitt einmal blutig erwischt in einem Film, hat Hollywood so nicht vorgesehen. Denn Pitt ist ungeachtet seiner 50 Lebensjahre immer noch ein „Golden Boy“, ein zwar im Alltag verwurzelter, aber doch ewiger Held, der sogar jenen unbesiegbaren Zombies standhält, die in „World War Z“ die ganze Welt überrennen.
Und das tut er, ohne dass seine Frisur je außer Fasson gerät! Um Brad Pitt auf der Leinwand ins Jenseits zu befördern, braucht es wohl zwei so alte, lebenserfahrene und deswegen desillusionierte Männer wie Ridley Scott und Cormac McCarthy.
Die britische Regielegende und der US-amerikanische Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger haben dem Hollywood-Star in ihrem gemeinsamen Thriller „The Counselor“ eine besonders perfide Todesart zugedacht: Ermordung durch Bolito. Das ist, wie die stets nur „Anwalt“ genannte Hauptfigur (Michael Fassbender) in einer frühen Szene des Films erklärt bekommt, ein dünner Draht mit einem kleinen Motor daran.
Diese Vorrichtung legen die Killer der Drogenkartelle ihren Opfern unerwartet um den Hals, wobei sie den Motor einschalten. Wenn der Bolito zu surren beginnt, bedeutet dies den unvermeidlichen Tod, denn der Draht ist so beschaffen, dass man ihn nicht durchtrennen kann, und während er sich zusammenzieht, durchschneidet er binnen einer Minute die Halsschlagader des Unglücklichen.
Kartellhierarchie im Drogengeschäft
Damit wäre hier schon mal geklärt, dass „The Counselor“ keine nette eskapistische Abendunterhaltung bietet. Vielmehr ist dieser Film, zu dem Cormac McCarthy sein erstes Originaldrehbuch verfasst hat, eine Tragödie nahezu altgriechischen Charakters, in der es keinen Ausweg gibt für die meisten Beteiligten. Dass sie das nicht wissen, macht die Sache nur noch schrecklicher.
Der Anwalt etwa hat sich in eine wunderschöne Frau (Penélope Cruz) verliebt, die er nun unendlich verwöhnen will, mit seiner Liebe, aber auch mit Diamanten und allem, was sonst so zu einem glamourösen Leben gehört. Dazu braucht es aber viel Geld, welches sich der Anwalt zu verschaffen gedenkt, indem er in einen Drogendeal einsteigt.
Zwanzig Millionen Dollar könnten locker dabei herausspringen, verspricht ihm sein ehemaliger Klient Westray (Brad Pitt), verhehlt aber nicht die Gefahr. Und überhaupt sei es besser, ungebunden zu bleiben sowie immer den gepackten Koffer mit allen Papieren bereit zu halten, nur für alle Fälle.
Warnungen werden in diesem Film von Beginn an en gros aufgefahren, was die Schicksalhaftigkeit, mit der sich das Geschehen vollzieht, noch verstärkt. Denn die Warnungen mögen zwar gehört werden, aber das nützt nichts. Kaum einer der Protagonisten übersieht das Spiel, dessen Teil er hier ist. Parallel dazu betont Scotts Inszenierung den Kontrast zwischen der schmutzigen und brutalen Banalität des Drogengeschäfts, das logistisch durch untere Chargen in der Kartellhierarchie abgewickelt wird, und den exquisiten, stilsicheren Attributen jener Leute, die wie der Anwalt und Westray groß abkassieren wollen, sich aber nicht die Hände schmutzig machen möchten.
Während indigene Mexikaner all das Blut wegwischen, das bei diesem und jenem „notwendigen“ Mord etwa während des Transports über die texanisch-mexikanische Grenze anfällt, nehmen die Wohlsituierten raffinierte Drinks in ihren teuren Apartments. Oder sie „ficken einen Ferrari“, so wie Malika. Das ist tatsächlich wörtlich gemeint und führt zur vielleicht bösesten Szene des an bösen Szenen nicht armen Films.
Philosophie des Todes
Malika (Cameron Diaz) ist die asymmetrisch gestylte Geliebte des Profiteurs Reiner, den Javier Bardem in einer weiteren grotesken Aufmachung seiner Laufbahn gibt: Haare wie der sprichwörtliche verrückte Professor und eine Brille wie ein Zuhälter. Wer so viel dummes Zeug redet, verdient die Achtung einer Frau nicht. Zudem hat Malika eine Vergangenheit, die sie im Fortgang der Handlung noch sehr interessant machen wird.
Letztlich ist es auch hier das Unkalkulierbare, das den Stein ins Rollen bringt: ein kleiner Spieler im Hintergrund, der glücklos seine Interessen verfolgt und dabei andere mit sich in den Abgrund reißt. Eine Chance hatte der namenlose Anwalt, dem der Film seinen Titel verdankt, wohl nie. Und es gibt sogar eine Art Grund dafür: „In einer Welt leben, ohne Teil von ihr zu sein – das geht nicht“, sagt Westray einmal. Da ist er schon selbst so gut wie hinüber. Und weiß das noch nicht.
Was für eine Art Anwalt nun aber der „Counselor“ ist, kann der Zuschauer nur ahnen. Das Wesen der Figuren wird von McCarthys Drehbuch gewissermaßen hingetupft in Andeutungen über deren Vergangenheit. Fein philosophisch ausgearbeitet sind hingegen die Gedanken über den Tod, die hier zwangsläufig all den Leuten kommen, die je in Berührung mit den Drogenkartellen gerieten, ob nun willentlich oder schrecklich zufällig. „Der Tod löscht alle Bedeutung und transzendiert alle Werte“, schreibt Cormac McCarthy. Wer solchen Sätzen standzuhalten vermag, wird diesen Film lieben.
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