Theater des Jahres

Die Münchner Kammerspiele sahnen ab

Aus der Kritikerumfrage von Theater heute geht Matthias Lilienthal als Sieger hervor.

Ulrich Seidler
3 Min
Nils Krahnwald, „Schauspieler des Jahres“, mit Wiebke Mollenhauer in der „Inszenierung des Jahres“ von Christopher Rüping: „Dionysos Stadt“ im „Theater des Jahres“.

Nils Krahnwald, „Schauspieler des Jahres“, mit Wiebke Mollenhauer in der „Inszenierung des Jahres“ von Christopher Rüping: „Dionysos Stadt“ im „Theater des Jahres“.

© Julian Baumann

Im vierten und vorletzten Jahr von Matthias Lilienthals Amtszeit als Intendant sind die Münchner Kammerspiele zum „Theater des Jahres“ gewählt worden. Elf der 44 an der Umfrage des Fachmagazins Theater heute teilnehmenden Kritiker stimmten für das Theater, das im Herbst 2015 mit Lilienthals Konzept einer hybriden Betriebsstruktur zwischen Ensembletheater und Produktionshaus, also zwischen institutionellem und freiem Theater ziemlich ins Risiko gegangen ist.

Matthias Lilienthal geht in seine letzte Saison als Intendant der Münchner Kammerspiele, dem „Theater des Jahres“.

Matthias Lilienthal geht in seine letzte Saison als Intendant der Münchner Kammerspiele, dem „Theater des Jahres“.

© Julian Baumann

Die traditionsreiche Stätte der Schauspielkunst wurde ästhetisch in Richtung Performance gerückt, was Widerstände vor allem der regionalen Kritik und des Stammpublikums nach sich zog und einige prominente Ensemblemitglieder zum Rückzug bewog. Nach einer kulturpolitischen Kampagne der CSU gegen Lilienthal verzichtete dieser auf eine Vertragsverlängerung über die fünfte Spielzeit hinaus. Den Widerständen begegnet der einstige Intendant des Berliner HAU mit offensiver Vielfalt und kräftezehrenden Großprojekten.

Ehrung für 10-Stunden-Dionysos

Eines davon, nämlich Christopher Rüpings zum Theatertreffen eingeladener Antiken-Zehnstünder „Dionysos Stadt“, wurde prompt (auch vom mitstimmenden Berichterstatter) zur „Inszenierung des Jahres“ gekürt. Und damit nicht genug, Dionysos-Frontmann Nils Kranwald kann sich (mit sieben Nennungen) den Titel „Schauspieler des Jahres“ in die Garderobentür ritzen. Der zweitplatzierte Jürgen Holtz erhielt für sein Gallileo Galilei in der Frank-Castorf-Inszenierung am Berliner Ensemble nur zwei Stimmen weniger. 

Sandra Hüller ist als „Penthesilea“ in der Regie des Lilienthal-Vorgängers Johan Simons „Schauspielerin des Jahres“ geworden, gefolgt von Linda Pöppel, die als Hure Maria in Sebastian Hartmanns Inszenierung „In Stanniolpapier“ im Deutschen Theater einen in Sachen Sexismus umstrittenen Auftritt als Hure hinlegte und nur eine Stimme weniger verzeichnet.

Inszenierung oder Installation

Die nicht unbedingt erfreuliche, weil die Spielfreiheit einschränkende Tendenz zum kunstinstallativen Theater bildet sich diesmal eher in der Kategorie „Bühnenbild des Jahres“ ab, was vielleicht in der Natur der Sache liegt, weil die Bühne an solchen Abenden die Hauptrolle spielt. Hier machte Lena Newtons Ausstattung für Susanne Kennedys „Drei Schwestern“-Inszenierung das Rennen – auch in den Münchner Kammerspielen entstanden (vier Nennungen). Ersan Mondtag stahl Ersan Mondtag die Show, indem die Kritiker zwar für seine Bühnenbilder stimmten (ebenfalls vier Nennungen), seine Inszenierungen aber unerwähnt ließen. Die „Kostüme des Jahres“  hat Vanessa Rust für Claudia Bauers „Tartuffe oder Das Schwein der Weisen“ entworfen, das „Stück des Jahres“ schrieb einmal mehr Elfriede Jelinek („Schnee Weiß“).

So disparat das Votum der Berufsindividualisten auch sein mag – auf ein „Ärgernis des Jahres“ konnten sie sich erst recht nicht einigen. Da hat in diesem Jahr fast jeder Kritiker sein eigenes. Der hier Bericht erstattende hätte seins fast schon wieder vergessen, könnte sich aber nun gleich wieder aufregen über die Berliner DAU-Blamage. Veröffentlicht wurde die Umfrage traditionell im Jahrbuch von Theater heute. Ab sofort für 35 Euro im Handel. 

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