Sie habe doch alles nur aus „Liebe zur Ästhetik“ getan, ruft die mollige Frau, die hier einen geschwätzigen alten Kutscher mimt und scheinbar deshalb jedem Wort noch mit der Gerte hinterher winkt. Mit Dompteursschritten stolziert sie über die kleine Piazza, in die sich der Bühnenraum des Theaterforums Kreuzberg verwandelt hat, denn vielleicht kann der Stechschritt dieser „ästhetischen Liebe“ ja noch Gewicht verleihen. Im Gegenteil: Das derbe Chargenspiel der Kutscherin vergrößert die Leichtgewichtigkeit dieses Abends um Vieles. Trotzdem bekommt das Ganze in diesem Moment – es ist der letzte des Stücks – plötzlich noch eine andere Seite, und die taugt, wenn man will, sogar zu seiner Rettung.
Des Kutschers Ästhetik
Es ist dieser Satz − mit der „Liebe zur Ästhetik“ – der den Gang der Geschichte wie auch des begrenzten Theaters dieses Abends in anderes Licht rückt. Einerseits setzt der Kutscher das chargenhafte Spiel damit in einen fast experimentellen Rahmen, dessen Autor er selbst ist. Andererseits bestätigt sich seine Autorschaft als völlig unkalkuliert, denn des Kutschers „Ästhetik“ – das schiebt er gleich hinterher − richtet sich ausschließlich nach der Gesundheit seines Kleppers Coco: Wohin Coco den Landauer noch ziehen kann, da ist die „Ästhetik“ des Kutschers zu Hause. In diesem Fall ist es die Piazza des sizilianischen Dörfchens Belvento. Hierher bringt er all seine Passagiere, die so zu Figuren einer zufälligen Geschichte werden. Kein schlechter Einfall des libanesisch-französischen Autors Georges Schehadé, dessen Stück „Der Auswanderer“ von 1965 man daher nicht nur als tragische Farce, sondern mit etwas Mut auch als experimentelles Antitheater begreifen könnte – ein „theatre automatique“.
Eines Nachts also bringt Coco wieder jemanden in das Dorf, das gar nicht gemeint ist, woraus schnell Tragikomisches entsteht. denn schon am nächsten Tag, liegt der Heimkehrer tot auf dem Friedhof, aber sein mitgeführtes Testament offen im Rathaus, das ein Riesenvermögen dem verspricht, der als sein unehelicher Sohn im Dorf gefunden wird. Das Blut der Sizilianer kocht und die Ehefrauen haben Mühe, es zu kühlen. Doch bald wurmt die armen Bauern nicht mehr nur der drohende Ehrverlust, sondern auch die Aussicht, durch zu viel Ehrgefühl des möglichen Vermögens verlustig zu gehen. So wird die Piazza zum Hort des Misstrauens, des falschen Spiels sowie unterdrückter Verlangen, bis der ungeduldigste von allen, Blechschmied Barbi, seine Frau ins Messer stürzt.
Eigentlich Stoff für die große Oper, wohin Schehadés lyrisch pathetische Sprache auch passt. Oder Stoff für die kreatürliche Coco-Ästhetik, die die Zufälligkeiten und menschlichen Unzulänglichkeiten in überreglementierten Systemen (auch im Theater) in den Blick nähme. In der Regie von Annemone Poland und leicht aktualisierten Kostümen nimmt sich das Ganze wie Kulissentheater der 1950er Jahre aus. Dem Zuschauer muss schon selbst was dazu einfallen.
Vorstellungen bis 13. April jeweils Freitag bis Sonntag, 20 Uhr im Theaterforum Kreuzberg, Telefon: 70071710
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