Eine kleine Gruppe aus Musikern, Schauspielern, Autoren und Theater-Fans hat dafür eine Lösung gefunden: ein Theaterschiff. Und das ist vor allem in den Sommermonaten ein Anlaufpunkt für Kulturbegeisterte auf dem Land. „Das merken wir. Sobald wir irgendwo anlegen, brauchen wir nur warten“, sagt David Schellenberg. „Und es dauert nicht lange, bis wir die ersten Gespräche mit den Anwohnern führen.“
Schellenberg (29) ist Schauspieler und gründete das „Traumschüff“, ein Theaters, das tatsächlich schwimmen kann, und das in den warmen Monaten auf Flüssen und Seen in Brandenburg umherschippert. Die Truppe legt hier und da an, in Liebenwalde, Oranienburg und Zehdenick, und spielt im Hafen ihre Stücke. Das Schiff ist ein Katamaran, das Unterdeck mit 12 mal 4,50 Metern Größe ist die Bühne – und sogar das Dach kann bespielt werden.
Theaterschiff aus Brandenburg: Studenten finanzierten den Bau durch Spenden
Wie kommt man auf solch eine Idee? Schellenberg war 2016 am Staatstheater in Mainz engagiert. „Es war mein erstes großes Engagement – aber ich merkte recht schnell, dass der Job nur dazu da war, um Geld zu verdienen, dass er mit den Gründen, warum ich Schauspieler werden wollte, nichts zu tun hatte“, sagt er.
Er habe Theater auf Augenhöhe machen wollen, Theater für die Menschen. „Mit Stücken, bei denen der Inhalt im Vordergrund steht, nicht irgendwelche Namen.“ Der Wunsch, ein eigenes Theater zu eröffnen, führte zum „Traumschüff“.
Schauspielerin Jördis Trauer gehört zum Ensemble des Theaterschiffs Traumschüff.
© Volkmar Otto
Schellenberg gründete mit seinen Kollegen eine Genossenschaft. Das Team tat sich mit Studenten des Architektur-Studiengangs der Bauhaus-Uni Weimar zusammen. „Uns war klar, dass wir ein mobiles Theater haben wollen. Irgendwann saß ich am Rhein, sah die Schiffe vorbeifahren – da machte es klick.“
Die Studenten entwickelten Ideen für ein Theaterschiff, daraus entstand ein Entwurf, den sie im Rahmen eines Praxissemesters umsetzten. Finanziert wurde der Bau durch Spenden, eine Crowdfunding-Aktion sowie durch Kooperationen mit der Uni und verschiedenen Firmen. „Am teuersten waren die Schwimmkörper, die ließen wir von einer Werft in Havelberg herstellen.“
Heute arbeiten sechs Leute in Vollzeit für das Theater, zu großen Teilen ehrenamtlich. Um den Spielbetrieb am Laufen zu halten, werden dauerhaft Spenden gesammelt, denn der Eintritt ist generell frei.
Im Winter wird im alten Werk, statt auf dem Theaterschiff gespielt
Ihre Mission ist es, Theater zu den Menschen zu bringen. Deshalb werden nicht irgendwelche Stücke aufgeführt. „Wir fahren in die Orte, sprechen mit den Bewohnern über die Themen, die sie bewegen“, sagt Schellenberg. Nach den Interviews schreibt Autorin Nikola Schmidt die Stücke. Dieses Jahr kommen „Treue Hände“ und „Hinter den Fenstern“ auf die Bühne. Treue Hände ist ein Stück über die Zeit nach dem Ende der DDR und die wirtschaftlichen und privaten Umbrüche im Osten und über die Treuhand, die große Unternehmen abwickelte. Konkret geht es um ein Werk in Oranienburg, das geschlossen wurde.
Theater auf dem Wasser
Das Traumschüff ist bis September unterwegs. Die nächsten Termine: bis 4. August Potsdam; 14. bis 17. August Brandenburg/Havel; 22. bis 25. August Strodehne; 28. August bis 1. September Plaue; danach folgen weitere Gastspiele in Pritzerbe, Premnitz, Rathenow, Havelberg.
Infos zu den Stücken und dem Spielplan unter: www.traumschueff.de
Im Potsdamer Hafen gibt es ein festes Theaterschiff. Dort findet aber kein Spielbetrieb statt, weil das Schiff im Sommer ablegt und nach Brandenburg/Havel und Rathenow fährt. Gezeigt werden das interaktive Theaterstück „Der alte Mann und die Zeit“ und der Dokumentarfilm „Iuventa“. Der Eintritt ist frei.
Infos im Internet unter: www.theaterschiff-potsdam.de
Auch auf der Spree in Berlin wird regelmäßig Theater gespielt: Bei Theatertouren auf Ausflugsschiffen wird zum Beispiel die Krimi-Revue „Der Mörder war immer der Gärtner“ des Kriminaltheaters in der Palisadenstraße aufgeführt. Auch eine Zille-Revue ist regelmäßig auf dem Wasser unterwegs.
Infos zu verschiedenen Angeboten unter: www.berlin.de
Dort soll das Stück im Winter aufgeführt werden, wenn das Schiff nicht mehr fährt. „Dann bauen wir eine Bühne in dem alten Werk auf, um auch über die kalte Jahreszeit spielen zu können“, sagt Schellenberg. Das Besondere: drei Schauspieler übernehmen 17 Rollen.
„Hinter den Fenstern“ beschäftigt sich mit der schlechter werdenden medizinischen Versorgung auf dem Dorf. Regisseurin Birga Ipsen (35) hat die Produktion geleitet. „Wir haben uns gefragt, was wäre, wenn ein Unternehmer in ein Dorf kommt, um dort die Telemedizin zu etablieren“, sagt sie. „Was das mit den Menschen macht, zeigt das Stück.“
Leider keine großen Bühnenbilder auf dem Theaterschiff
Die älteren Dorfbewohner werden mit Handpuppen dargestellt. „Denn wir sind alle noch jung, haben nicht die Lebenserfahrung und wollen uns nichts anmaßen“, sagt sie. „Und außerdem lieben wir Puppen.“
Regisseurin Birga Ipsen hat die Produktion von „Hinter den Fenstern“ auf dem Theaterschiff geleitet.
© Volkmar Otto
Bis Sonnabend ist das Team in Liebenwalde zu Gast, bespielt den dortigen Hafen. Dann schippert das Schiff nach Oranienburg. Das Team schläft derweil in Kojen auf dem Kahn, bekocht sich in der eingebauten Küche. Das Schiff ist also nicht nur Bühne, sondern auch Hausboot.
Nur auf eines müssen die Theaterfans verzichten: auf große Bühnenbilder. Wobei: Welches Bühnenbild ist größer als die Welt? „Wir öffnen die Rückwand des Schiffes – und spielen an jedem Ort vor einer anderen Kulisse“, sagt Schellenberg. „Das heißt: Wenn ein Biber vorbeischwimmt, gehört er zum Stück. Ob er will oder nicht.“
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