Fontane an der Schaubühne

So wirr bereitet Rainald Grebe das Jubiläum vor

Im März 2019 sollen die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag beginnen.

Dirk Pilz
4 Min
Fontane-Leser bei der Arbeit.

Fontane-Leser bei der Arbeit.

© Thomas Aurin

Kurz vor Ende dieser szenischen Séance beugt sich Rainald Grebe gewohnt lässig über die Balustrade und erklärt noch mal kurz, wie das so war: Da habe er nun tausend Seiten Ehebriefe gelesen, fünftausend Seiten Kriegsberichte, zwanzig Romane, alles von Fontane, und jetzt wisse er immer noch nicht, was er mit dem Fontane-Jubiläum im kommenden Jahr anfangen soll, wenn es den 200. Geburtstag des Dichters, Theaterkritikers, Reporters und Journalisten zu feiern gelte. „Diese ganzen Jubiläen! Luther 2017, Marx 2018, Fontane 2019, Beethoven 2020. Alles Männer, alle weiß, alle tot.“ Ach.

Die Fontane-Feierlichkeiten beginnen laut Grebe übrigens im März 2019, am Tag der Zeugung, und dann werde die ganze Schwangerschaft hindurch durchgefeiert, bis zum Geburtstag Fontanes am 30. Dezember. Danach komme Beethoven, und für das Beethoven-Jahr habe man ihn auch schon um einen Theaterbeitrag gebeten.

Allerlei lose Szenen

Wenn dieser Beitrag wie seine jetzige, über zwei Stunden andauernde Fontane-Sitzung in der Schaubühne wird, haben die Beethoven-Freunde weder einen ernsthaften Denkmalsturz noch erhebliche Erkenntnisse zu fürchten. Sie dürfen sich auf eine so nette wie harmlose, aber immer charmante und manchmal sogar richtig lustige Show mit viel Musik und noch mehr Schabernack freuen. 

Den Anfang an diesem Abend macht ein Film, in dem man der Rezitation des berühmten Fontane-Gedichtes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ lauschen darf. Es wird uns freilich nur ein Teil gegeben – mit dem Worte „Grab“ endet der Vortrag. Die Grablegung am Anfang: deutlich. Es folgen hernach an dieser mit „Fontane.200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des zweihundertsten Geburtstags Theodor Fontanes im Jahr 2019“ betitelten Veranstaltung allerlei lose Szenen, die sich allerlei adrette Freiheiten nehmen, vom bloßen Vorlesen bis zum Verblödeln.

Effi-Briest-Film in Schwarzweiß

Axel Wandtke stellt die sechs Programm-Säulen im Jubiläumsjahr vor, Iris Becher demonstriert, wie sich mittels Virtual-Reality-Brille die Fontane Literatur „ganz neu“ erleben lässt („Wir visualisieren das Figurennetzwerk und stehen immersiv im Roman.“), Damir Avdic gibt den Antenne-Brandenburg-Moderator („Kommen Sie gut auf’s Gehöft.“) und Rainald Grebe steht im Taucheranzug auf der Bühne: alles lustig. Schön auch der Effi-Briest-Film in Schwarzweiß, das abgefilmte Figurinen-Theater, die Songs, die langen Kamerafahrten leere Brandenburger Alleen entlang. 

Aber die Momente, wenn diese Szenenlockenwickelei ihren Status der Putzigkeit verlassen, sind selten, sehr selten. Wenn Tilla Kratochwil und Florian Anderer auf Stühlen im Himmel schweben und jene Ehebriefe lesen, in denen es um den frühen Verlust eines der sieben Kinder der Fontanes geht.

„Der Standesunterschied ist der Mercedes unter den Schicksalsschlägen"

Oder wenn Kratochwil die Bühne aufräumt, auf der zuvor in Soap-Serien-Manier ein paar Fontane-Romane durchgehechelt wurden und sie sehr geradeaus feststellt: „Ich will ihm nicht zu nahe treten… aber das sind eigentlich Groschenromane, was er da geschrieben hat. Ein Groschen- oder Heftroman ist eine fiktive Liebesgeschichte im epischen Präteritum, in 20-30 Kapiteln, ohne Rückblenden und chronologisch erzählt. Und natürlich ein Schicksalsschlag. Schwangerschaft, Krankheit, Tod. Oder ein Standesunterschied. Der Standesunterschied ist bis heute der Mercedes unter den Schicksalsschlägen.“ Stimmt. 

Was allerdings auch stimmt: So launig und unterhaltsam dieser Abend ist, so berechtigt er nach dem Sinn und Unsinn des kulturbetrieblichen Gedenkens fragt und vor einer Vereinnahmung Fontanes durch die AfD zu warnen versteht – sie machen es sich hier sehr lang sehr einfach und spötteln entspannt über die ja leider gar nicht so veralteten Frauen-, Männer- und Gesellschaftsbilder herum und trauen sich nur sekundenweise vom Spottsockel herunter auf eine eigene Haltung. Schade drum. 

Fontane.200 16.-18.1., 19.-21./25.2., jeweils 20 Uhr, Schaubühne, T.: 890023

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