Es ist ein vertrautes, mit oft zeremonieller Ernsthaftigkeit wiederholtes Ritual der Popmusik, wenn Künstler erklären, sie machen nur für sich Musik, nicht für ein Publikum. Die Popkultur hat schon immer im Inneren gegen sich selbst gekämpft. Gegen die Gleichförmigkeit ihrer bewährten Erfolgsformen, gegen Mainstream, Radioschleifen, gegenwärtige Hypes. Eine Band, die diese wunderbare Widersprüchlichkeit des Pop tief verinnerlicht hat, sind These New Puritans. Pop-Entsagung ist bei den Musikern aus Southend-On-Sea keine Geste – sie meinen das verdammt ernst.
Wie ernst, das bewies die Band um den Multiinstrumentalisten Jack Barnett, seinen Zwillingsbruder George am Schlagzeug und den Bassisten Thomas Hein mit der exakt geplanten, durchkomponierten Unberechenbarkeit ihres im Juni veröffentlichten, dritten Studioalbums: „Field of Reeds“ ist eine riskante Platte, weil sie jede einzelne Erwartung auf Eis legt. Völlig abgewandt haben sie sich vom kantigen, höhnisch Sprüche klopfenden Dance-Punk ihres 2008er Debütalbums „Beat Pyramid“, von rauen Gitarren und treibendem Schlagzeug. Stattdessen klingt „Field of Reeds“ nach Avantgarde-Jazz und Neoklassizismus. Abstrakt sind die Songstrukturen, fast vollständig analog aufgenommen ist der Sound – radikal entschleunigt, fast pastoral. Talk Talks späte, experimentelle Alben sind dabei noch der greifbarste Referenzpunkt.
Das System Pop unterlauft Songwriter Barnett damit in zweifachem Sinne: Seine Musik lässt sich weder einem Genre zuordnen, noch schert sie sich um Wiedererkennungswerte oder Zugänglichkeit für den Hörer. Kritiker lieben ihn dafür. Musikliebhaber und postdigitale Auskenner aber, die sich die Zeit nehmen, sich in die sperrigen Songs hineinzuhören, finden sich weniger.
Popmusik strebt an eigenen Grenzen
Das mag der auch der Grund dafür sein, dass das Lido beim Konzert am Donnerstagabend vergleichsweise leer blieb. Leider – denn die Art, wie die dreiköpfige Band die komplexen Kompositionen aus Magnetresonanz-Piano, Blech- und Holzbläsern, Geräuschfetzen und bedrohlichem Bassbrummen für die Live-Situation übersetzt, ist mehr als beeindruckend. Für die Bühnenbesetzung mit zwei Bläsern und der portugiesischen Fado-Sängerin Elisa Rodrigues hat Barnett die Songs, die im Studio mit mehr als 40 Musikern entstanden, komplett umarrangiert. Was auf dem Album nach dissonant-kühlen Tonabfolgen klingt, offenbart sich im Konzert auch als warmer, klangvoller, wenngleich eigenwilliger Ambient-Sound. Im besten Sinn hypnotisch.
„I got nothing that I want to say“, singt Barnett gleich im Eröffnungsstück „Spiral“, begleitet von Rodrigues’ schöner, dunkler Lautmalerei. Er will die Musik für sich sprechen lassen, nichts anderes. So erzählt „Fragment Two“ mit seinen rumpelnden, derben Klavierakkorden, raunenden Bläsern und Barnetts zerbrechlicher Gesangsstimme von einer unsichtbar lauernden Gefahr: „There is something there“, haucht er geheimnisvoll.
Und dieses Etwas ist tatsächlich unaussprechbar. Es pulsiert durch die Musik – unauslotbar und gespenstisch körperlos, gleichzeitig ungemein betörend. Im Titelstück des Album ist es der bodenlose, beinahe schmerzhaft dröhnende Basso Profondo, den Adrian Peacock, Großbritanniens tiefste Gesangsstimme, für These New Puritans einsang. Im Song „Organ Eternal“ wird die dudelnde Synthieorgel-Melodie – wie ein Echo aus dem 20. Jahrhundert – immer wieder von düster-futuristischen Tönen unterbrochen. Es ist, als kämpfe der Klang der digitalen Entfremdung gegen die Heiterkeit einer fernen Vergangenheit.
Natürlich ist das am Ende immer noch Popmusik, wenn auch eine, die an ihre eigenen Grenzen strebt. Es ist Musik, die auf so wundersame Weise zwischen den Zeiten schwebt, dass es einen immer wieder in Staunen versetzt. Und als letztes Paradox dieses Abends hinterlässt die vielleicht ungefälligste Band Großbritanniens dann doch ein zufriedenes Publikum. Nicht weil ihre Musik bequem wäre, sondern weil sie einfach sehr clever ist.
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