Klima

Thomas Brussig: Warum die naiven Parolen der Klimaaktivisten nutzlos sind

Für jedes komplexe Klima-Problem gibt es immer eine einfache Lösung. Und die ist falsch. Ein Gastbeitrag des Berliner Schriftstellers.

Thomas Brussig
10 Min
Szene bei der Demonstration von Fridays for Future in Berlin im Jahr 2020.

Szene bei der Demonstration von Fridays for Future in Berlin im Jahr 2020.

© Sebastian Wells/OSTKREUZ

Erst vor kurzem wurde mir bewusst, dass ich meiner Mutter eine verkappte Klimaerziehung verdanke. Das Wort gab es in meiner Kindheit noch nicht, dafür war die Vokabel „Kalorien“ allgegenwärtig, wenn Essen in der Nähe war. Wie viel Kalorien eine Scheibe Brot, ein Stück Käse, ein Stück Butter, ein Apfel oder ein Becher Joghurt hat, wie viel Kalorien der Umstieg auf Margarine bewirkt, dass nicht Bier die Kalorien hat, sondern das, was man dazu isst und in sich hineinknabbert – all das war unablässig Thema. Meine Mutter wusste, wenn sie in den folgenden zwei Wochen ihre Kalorienzufuhr auf ein bestimmtes Maß beschränkt, dann wird sie drei Kilo weniger wiegen. Nur: Die Waage zeigte nie, was sie zeigen müsste.

Dabei war es doch so plausibel. Bekommt der Körper zu viel Kalorien, legt er den Überschuss in Fettreserven an, bekommt er weniger, als er braucht, geht er an die Reserven, und man nimmt ab. Klarer Fall. Nur funktionierte es nicht. Ich erinnere mich an quälende Diäten, an gut begründete, wissenschaftliche Verzichtsargumentationen, an den Stolz, wenn Versuchungen widerstanden und Entsagung geübt wurde – und an den Frust beim Blick auf die Waage.

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