Thomas Pynchons neuester Roman "Natürliche Mängel" ist eine karnevaleske Genreparodie

Philip Marlowe mit Joint und Afroperücke

Martin Halter
5 Min

Sechzehn Jahre lagen zwischen den "Enden der Parabel" und "Vineland", neun zwischen "Mason & Dixon" und "Gegen den Tag". Jetzt, nur vier Jahre nach Thomas Pynchons letztem Streich, kommt schon wieder eine neue "Hippiephanie" vom bekanntesten Unbekannten der US-Postmoderne: Pynchon macht es auf seine alten Tage offenbar immer schneller, kürzer und gnädiger. "Natürliche Mängel", so der deutsche Titel von "Inherent Vice" (einem Begriff aus dem Seerecht), ist mit knapp fünfhundert Seiten schmaler und zugänglicher als alle Pynchon-Romane seit "Die Versteigerung von No. 49".Tatort und Plot - es geht um komplizierte Grundstücksspekulationen und korrupte Cops in Los Angeles - sind den Hard-Boiled-Krimis von Raymond Chandler und Dashiel Hammett (oder auch Roman Polanskis "Chinatown") nachempfunden. Dagegen erinnert Pynchons Schnüffler mehr an Dude, den leicht vertrottelten Kiffer aus "The Big Lebowski", als an Philip Marlowe: Larry "Doc" Sportello ist ein Love-and-Peace-Hippie. Der Joint des Detektivs geht nie aus, aber für ein hartgesottenes Privat Eye ist Doc ziemlich blind, weich und sanftmütig. "Natürliche Mängel" spielt gegen Ende der "psychedelischen Sechziger, dieser kleinen Parenthese aus Licht". Charles Manson hat den Blumenkindern gerade ihre Unschuld geraubt, im Hintergrund werben Nixon und Gouverneur Reagan schon für ihren Faschismus im Dienste der Freiheit.Der Summer of Love ist jedenfalls vorbei, die Gegenkultur infiltriert, gekauft und zersetzt von FBI-Agenten, harten Drogen und politischem Opportunismus. Umso greller leuchten die letzten Seifenblasen und Schaumkronen der Großen Welle: Pynchons Figuren - christliche Surfer, Zen-Exorzisten, Zombies, Hexen, verwelkte Blumenkinder und total durchgeknallte Acid-Heads - tragen so psychedelische Namen wie Sauncho Smilax, Sledge Poteet, Tso Broccoli, Trillium Fortnight oder Scott Oof und haben durchweg schwere Macken.Wie immer beschwört Pynchon mit großer Erzähllust eine Parallelwelt von zumeist selbst erfundenen Comics, Fernsehserien, B-Filmen und gutgelaunten Popsongs. Mit Macht zieht es ihn in die gute alte Zeit zurück, als Sex, Drogen und Rock 'n' Roll noch für good vibrations standen und ein rechter Hippie weder Tod noch Teufel (und schon gar nicht Klimawandel, Klingeltöne oder Facebook-Freunde) fürchten musste. Natürlich dürfen dabei auch die Geheimbünde, Zeitlöcher und Wunderwaffen nicht fehlen, die zum Markenzeichen von Pynchons Pop-Paranoia gehören: Der "Goldene Fang" etwa ist ein schwer fassbares Zwischending zwischen Geisterschiff, Luxusirrenanstalt, asiatischem Drogenkartell und Steuersparmodell für Zahnärzte. Das ARPAnet, Vorläufer des Internets, röchelt wie eine Kaffeemaschine, aber die Technik-Freaks ziehen es bereits jedem anderen Trip vor.Was Doc Sportello so treibt, verrät schon das Schild auf seiner Bürotür: LSD wie "Lokalisierung, Sicherheitschecks, Detektei". Zugedröhnt von Super-Gras, sinistren Cocktails und seiner natürlichen Gutmütigkeit, schäkert der Schnüffler mit seiner Sekretärin, bis nach den Regeln des Genres eine Femme fatale bei ihm auftaucht und ihm einen Auftrag zuschanzt, der über seine bescheidenen Kifferkräfte geht.Shasta, Docs alte Geliebte, vermisst ihren Lover, den Immobilienhai Mickey Wolfman. Natürlich ist der Fall schier unlösbar. Nicht nur, weil Doc einen Großteil seines Verstandes in der Pfeife geraucht hat (und den Rest alsbald zwischen Shastas Beinen und in den Löchern seines "Doper-Gedächtnisses" verliert): Die Fronten zwischen Tätern und Opfern, staatlichen Antisubversionsfeldzügen und Underground sind längst durchlässig und unübersichtlich geworden. Am Ende weiß nicht nur Doc nicht mehr, für was und für wen er eigentlich arbeitet und in welcher Geschichte er sich gerade befindet. Ist eine "Bong-User-Revolutionsbrigade" subversiver als ein Lächel-pflegeworkshop mit pädophilen Zahnärzten?Wolfman ist offenbar in einer Hippie-Kommune untergetaucht und hat sich dort zum Philanthropen geläutert. Seine Leibwächter pflegen gute Beziehungen zur Unterwelt und zum FBI, aber auch zu Black Panther und schwulen Neonazis. Docs Freundin Penny ist Staatsanwältin, Coy, der untote Surfer-Saxonophist, entpuppt sich als Agent provocateur der rechtsradikalen "Kalifornien-erwache"-Bewegung. Dafür ist der Oberbulle gar nicht so übel: Bigfood Bjornsen, selbsternannter "Renaissance-Cop", gnadenloser Hippiejäger und Sammler von Stacheldraht, gefrorenen Bananen und Wildwestklimbim, wird richtig sentimental, als Doc ihm den Schnurrbartbecher Wyatt Earps als Versöhnungsgeschenk anbietet.Pynchon, hedonistisch entspannt wie selten, zündet ein munteres Feuerwerk von Slapstick, Gags und hanebüchener "Hippiemetapyhsik". Am Ende, nachdem er etliche Schurken bekehrt, Familien zusammengeführt und seine Eltern mit Marihuana versorgt hat, verschwindet sein Held singend in Nacht und Nebel.Aber der alte Zauber wirkt nur noch bedingt. Mag sein, dass unterm Pflaster der Strand liegt (der alte Slogan des Pariser Mai ist auch das Motto von Pynchons Roman); aber er ist so zugeschüttet mit popkulturellen Referenzen, Zitaten und Kalauern, dass man manchmal lange nach Goldkörnchen graben muss."Natürliche Mängel" ist vor allem eine karnevaleske Genreparodie, eine Art Chandler mit Hawaiihemd, Schnurrbart und Schlaghosen, um einige von Docs Tarnkostümen zu erwähnen: Ein cooler Kiffer taumelt von einer Bredouille in die nächste und zieht sich immer wieder an der Afrolook-Perücke aus dem Sumpf von moralischer Versuchung und politischem Verrat. Aber am Ende wirken die Bilder, Sprüche und Comic-Figuren doch so unwirklich und flüchtig wie Drogenhalluzinationen.Nicht dass "Natürliche Mängel" ein schlechter Trip wäre; das Pynchon-Dechiffriersyndikat wird wieder viel Freude an den (von Nikolaus Stingl gewohnt meisterlich übersetzten) Geheimcodes und Anspielungen haben. Aber die Zeit ist nicht nur über Doc Sportello hinweggegangen, sondern auch über die fröhlichen Verschwörungstheorien Pynchons. Was sie einmal subversiv und visionär machte, ist heute ihr natürlicher Mangel: Verglichen mit den ähnlich bizarren, aber tiefer gründenden Wahnwelten eines David Foster Wallaces wirkt Pynchons "Wirklichkeitsverweigerung" heute wie der kindliche Schabernack eines unverbesserlichen Althippies.------------------------------Foto: Thomas Pynchon: Natürliche Mängel. Deutsch von Nikolaus Stingl. Rowohlt Hamburg 2010, 478 S., 24,95 Euro------------------------------Foto: "Natürliche Mängel" spielt gegen Ende der "psychedelischen Sechziger, dieser kleinen Parenthese aus Licht".

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