Die Bettdecken sind ordentlich zusammengelegt, auf den Nachttischen liegen Zeitschriften; Bücher und kleine Andenken, in den Regalen ein paar Kleidungsstücke: Hemden, Pullover, Hosen. Die Zimmer sind einfach eingerichtet, aufgeräumt und warm. Das ist wichtig. Nichts lässt er erkennen, dass in den Betten Obdachlose schlafen, die schwerst drogenabhängig sind.
Jeden Abend kommen etwa 15 Männer, manchmal auch Frauen, in die Krisenwohnung an der Müller-Breslau-Straße nah am Tiergarten. Krisenwohnung – so heißt die Einrichtung des Vereins Notdienst Berlin für Suchtmittelgefährdete und -abhängige. Die Männer sind 30 bis 40 Jahre alt, einige über 50. Ohne Drogen können sie nicht leben, meist sind sie den ganzen Tag damit beschäftigt, sich Heroin, Ecstasy, Crystal Meth und andere Stoffe zu besorgen. Auf welchen Wegen auch immer. Danach fragt beim Notdienst niemand. In der Einrichtung dürfen die Obdachlosen allerdings nichts davon einnehmen, auch keinen Alkohol trinken. So sind die Regeln.
Schlafplatz für einen Monat
Die unscheinbare Hilfseinrichtung besteht aus Containern, die Notunterkunft gibt sie seit den 80er-Jahren. Das Projekt gehört zu den niedrigschwelligen Angeboten des Drogennotdienstes, der jedes Jahr mehr als 5000 Menschen berät und Hilfe anbietet. Entzug und Therapien.
Diese Einrichtung ist einmalig in Berlin. Denn das Besondere ist, dass die Bewohner bis zu einem Monat bleiben können. In anderen Einrichtungen kommen sie höchstens eine Nacht unter. In den Krisenwohnungen finden sie ein Bett, es gibt warmes Essen, sonntags einen Brunch, Duschen, Toiletten, Waschmaschinen und Trockner. Ein Krankenschwester untersucht die Bewohner, wenn sie es wollen. „Es ist für die drogenabhängigen Obdachlosen eine große Entlastung, dass sie einen festen Schlafplatz haben“, sagt Teamleiterin Franziska Bruch.
Weit mehr als 100.000 Übernachtungen gab es bisher. Umso unverständlicher ist es, dass der Senat es zulässt, dass die Notübernachtung zum Ende des Jahres schließen muss. Drei Jahre lang haben sich die zuständigen Behörden die Verantwortung zugeschoben. Anfangs gab es Angebote für neue Räume, aber daraus wurde nichts Konkretes. Jetzt steht fest: Ende des Jahres wird die Einrichtung schließen. Ohne Aussicht auf neue Räume. „Der Hilfelandschaft in Berlin geht eine einmalige Vermittlungsadresse verloren“, sagt Teamleiterin Bruch.
„Am Ende fühlt sich niemand zuständig“
Seit drei Jahren wissen die Behörden, dass die Notübernachtung neue Räume braucht. Die Container stehen auf dem Gelände der Technischen Universität, die dort einen Neubau für den Fachbereich Mathematik errichten wird. Seit 2015 führen die Verantwortlichen des Notdienstes erste Gespräche mit Senatsvertretern. Ein früheres Gerichtsgebäude in der Lehrter Straße wäre eine Alternative, auch ein Haus in der Rathenower Straße. Wie sich später herausstellte, gibt es für beide Gebäude schon andere Pläne und Interessenten.
Im Senat versicherte man den Mitarbeitern des Vereins, dass die TU schon nicht so schnell bauen werde. Doch niemand nutzte offenbar die verbleibende Zeit bis zum endgültigen Auszug, um nach einem neuen Domizil zu suchen.
Dabei wissen etliche Senatsverwaltungen Bescheid: Gesundheit, Soziales, Wissenschaft und Bildung, die Drogenbeauftragte des Landes Berlin, die Bundesanstalt für Immobilien, die Wohnungsbaugesellschaft. Das sollte reichen. „Am Ende fühlt sich niemand zuständig“, sagt Notdienst-Sprecherin Heike Krause.
Keine Unterstützung vom Senat
Verantwortlich ist die Senatsgesundheitsverwaltung. Aus ihrem Etat stammen die knapp 190.000 Euro, mit denen die Notübernachtung jedes Jahr unterstützt wird. Der Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung, Christoph Lang sagte am Montag: „Wir kennen das Problem, und wir versuchen, zu helfen.“
Natürlich wissen die Betreiber der Notunterkunft, dass es in Berlin nicht einfach ist, neue Räume zu finden, schon gar nicht auf dem freien Wohnungsmarkt und in der Innenstadt. Hinzu kommt: Obdachlose und Drogenabhängige – diese Klientel steht nicht auf der Wunschliste von Vermietern und Hausbewohnern.
Umso wichtiger wäre es gewesen, der Senat hätte den Verein bei der Suche nach geeigneten Räumen konsequenter unterstützt.
Oft nehmen die Betroffenen vor dem Betreten des Hauses noch Drogen
Dabei ist die Notunterkunft ein ruhiger und unauffälliger Ort mit strenger Struktur, mit Regeln und Verboten. Wer sich nicht daran hält, muss das Haus verlassen. Am Abend zwischen halb neun und halb zwölf kommen die Obdachlosen zur Übernachtung, sie haben sich zuvor beim Notdienst einen Übernachtungsschein geholt. Früh um acht müssen sie das Haus wieder verlassen. Die Einrichtung hat das ganze Jahr durchgehend geöffnet.
Oft nehmen die Betroffenen vor dem Betreten des Hauses noch Drogen, viele spritzen Heroin. In der Notübernachtung untersuchen die Mitarbeiter, ob sie Drogen bei sich haben. Die Bewohner bekommen warmes Essen, sie sind müde, die Drogen stellen sie ruhig.
Zahl der Drogentoten steigt
„Das Wichtigste aber ist das Dach überm Kopf, ein paar Stunden Ruhe und die Annahme und Hilfsbereitschaft, die sie hier erfahren“, sagt Teamleiterin Franziska Bruch. Zwei studentische Nachtwachen sind immer in den Räumen, zwei Mal in der Nacht kontrollieren sie, ob die Bewohner noch am Leben sind. Einen Todesfall gab es bisher noch nicht. Doch die Gefahr einer tödlichen Überdosis herrscht immer.
Die Zahl der Drogentoten steigt in Berlin seit sechs Jahren. 167 Menschen fielen im Jahr 2016 Rauschmitteln zum Opfer, das waren 13 mehr als im Jahr zuvor. In diesem Jahr rechnen Experten mit einer weiteren Zunahme der Drogentoten.
Als die aktuellen Zahlen im Mai bekannt wurden, versicherte die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara im Gespräch mit der Berliner Zeitung: „Wir bauen die niedrigschwelligen Hilfen aus.“ Notdienst-Teamleiterin Franziska Bruch hat die Worte gehört, dennoch legt sie nach: „Berlin braucht auch in den nächsten Jahren eine unbürokratische Übernachtungsmöglichkeit für Drogenabhängige.“
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de