Berlin - Das geht aus der Versuchstier-Statistik des Landesamtes für Gesundheit und Soziales hervor. 375 261 Tiere – die überwiegende Zahl von ihnen Mäuse oder Ratten – wurden demnach vergangenes Jahr für Tierversuche „verwendet“, wie es offiziell heißt, mehr als 99,9 Prozent wurden dabei oder danach getötet. Damit liegt Berlin bundesweit nach Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auf Platz 3 bei den Tierversuchen. Seit Jahren schon ist die Zahl der Versuche steigend (siehe Kasten).
„Erschreckend“ nennt Claudia Hämmerling von den Grünen nicht nur diese hohe Zahl der Versuche, sondern auch die Begleitumstände, unter denen sie ihrer Meinung nach ablaufen. In einer kleinen Anfrage an den Senat wollte Hämmerling wissen, wie oft Tierversuchsanstalten kontrolliert werden und welche Beanstandungen es gab. Fazit: In den vergangenen fünf Jahren wurden bei Kontrollen 111 Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt, und das, obwohl die Zahl der Kontrollen vergleichsweise gering war: 2011 gab es nur 34 Kontrollen, 2010 gar nur 30. „Dass die Tierversuche zunehmen, wissen wir ja“, sagt die Grünen-Politikerin. Die hohe Zahl der Beanstandungen lege aber auch den Verdacht nahe, dass die „Achtlosigkeit“ zunehme. „Das hat mich schon erschreckt.“
Unter den Verstößen finden sich durchaus gravierende Fälle: So wurden Tierversuche ohne behördliche Genehmigung durchgeführt, es wurden überflüssige Versuche durchgeführt; einigen Tieren wurde Leid zugefügt, weil alternative Methoden aufwendiger, langsamer oder teuer waren. In einem Fall seien zwei Mäuse verhungert.
Beim zuständigen Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) bezeichnet man die Probleme allerdings als nicht gravierend. „Die Verstöße sind nicht besorgniserregend“, sagt Veterinär Gerhard Tetzlaff. Natürlich sei die Zahl der Kontrollen gering – nur drei bis fünf Prozent der Versuche würden kontrolliert, aber das sei vom Gesetzgeber so gewollt. „Die Hauptarbeit leisten die Tierschutzbeauftragten der Einrichtungen“, so der Veterinär. Das Lageso werde nur tätig, wenn es darum gebeten werde. Dass dann auch Verstöße festgestellt würden, sei nicht verwunderlich. „Aber die Kontrolle von Amts wegen ist kein Muss.“ Mehr Kontrollen seien wünschenswert, räumt er ein. „Wenn wir 20 Prozent kontrollieren könnten, wäre das gut, aber dafür bräuchten wir auch mehr Personal.“ Derzeit sind drei Mitarbeiter mit dieser Arbeit betraut, die Kontrollen beanspruchen maximal 20 Prozent ihrer Arbeitszeit.
Zu den beanstandeten Unternehmen gehört auch das Max-Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin (MDC) in Buch, eine der größten Forschungseinrichtungen mit Tieren in Berlin. Es handele sich allerdings um „Einzelfälle“, beteuert man im MDC, nach Beseitigung der Mängel habe das Lageso die Versuche wieder genehmigt. Und nach 2009 habe es keine Beanstandungen mehr gegeben.
„Wie Fingernägelschneiden“
„Tierversuche sind für uns alternativlos“, sagt Sprecher Josef Zens. Am MDC würden grundlegende Mechanismen in Zellen erforscht, Alternativmethoden würden, wenn möglich, eingesetzt. 58 Prozent aller Eingriffe an Tieren beträfen Mäuse, bei denen sogenannte Schwanzspitzenbiopsien durchgeführt werden, um ihr Erbgut zu untersuchen. „Dieser Eingriff ist wie Fingernägelschneiden“, sagt Zens. Allerdings verlange das Tierschutzgesetz, dass die Tiere nach Ende des Versuchs getötet würden.
Claudia Hämmerling geht von einer viel höheren Dunkelziffer bei den Verstößen aus. „Tierversuche werden zu leicht genehmigt“, sagt sie. Sie fordert deshalb eine parlamentarische Debatte, an der auch die betroffenen Unternehmen zu Wort kommen sollen. „Da muss eine Lösung gefunden werden. Wenn Verstöße zum Alltag gehören, ist der Gesetzgeber gefragt.“
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