Irgendwie sind die besten Tischtennisspieler aus China immer ein wenig geheimnisumwittert. Von hartem Training von Kindheit an ist meist die Rede, auch von Drill, von enormer Konkurrenz im Land, vom Traum der Millionen Spieler, einmal im Nationalteam zu spielen. Auch über Zhang Jike, den Olympiasieger und Weltmeister, ist nicht allzu viel bekannt. Experten loben seine fantastische Rückhand, auf die seine Gegner oft keine Antwort wissen oder seine großartige Athletik und die exzellente Beinarbeit.
All das ist im Moment bei den German Open in der Berliner Max-Schmeling-Halle zu beobachten. Als der schlanke und sehr drahtige Zhang Jike, 25, sein erstes Spiel im Turnier bestritt – im Doppel mit seinem Landsmann Zhou Yu, – versammelten sich die Experten in der Nähe von Tisch eins, wo der Olympiasieger aufschlug. Unkonzentriertheiten schlichen sich zwar ein in sein Spiel, aber immer wieder bestach er mit raketenartigen Schmetterbällen. Auffällig waren seine muskulösen Oberschenkel. Die Konkurrenten hatten keine Chance, auch die folgenden beiden Doppel gewannen die Chinesen souverän und beinahe im Schongang. Schnell verschwand Zhang Jike im Gang, der nur für Aktive zugänglich ist.
Wie ist er zu dem geworden, was er im Moment ist – der beste Spieler der Welt? Verbürgt sein soll eine Episode, die in allen kurzen Beschreibungen seiner Karriere auftaucht. So soll Zhang Chuanming, der strenge Vater, einst ein Fußballspiel zwischen China und dem Jemen am Fernsehapparat verfolgt haben. Im Hinterkopf hatte Zhang Chuanming eine Laufbahn als Fußballer für seinen Sohn. Den hatte er nach dem brasilianischen Nationalspieler Zico genannt. Das Spiel der Chinesen gegen Jemen aber muss ein eher jämmerlicher Kick gewesen sein. Denn Zhang Chuanming änderte die Karrierepläne für seinen Sohn. Tischtennis stand fortan auf dem täglichen Programm.
Andere Berichte über Zhang Jike erzählen von einer fürsorglichen Mutter und dem beim Training unerbittlichen Vater. Auf jeden Fall begann Zhang Jike im Alter von vier oder fünf Jahren, die ersten Bälle zu schlagen. Die Mutter sorgte für eine sportlergerechte Ernährung, der Vater für den Schliff am Tisch. Wenn Zhang Jike ab und an den Trainingsanforderungen nicht genügte, musste er zur Strafe schon mal einige Kilometer zu Fuß nach Hause laufen. Im jugendlichen Alter war Zhang Jike das pausenlose Schmettern zu viel. Er wollte aufhören, wurde aber vom Vater umgestimmt. Gott sei Dank, denn sonst wäre der Tischtenniswelt ein ganz Großer verloren gegangen.
Nach seinem ersten Triumph als Weltmeister 2011 in Rotterdam zeigte der Chinese auch große Gefühle, was selten zu beobachten ist. Er zerriss mit einem spitzen Schrei vor Freude sein Trikot – so ähnlich wie der Berliner Diskusriese Robert Harting. In seiner Heimat wurde danach diskutiert, ob man so etwas mit dem Nationaltrikot tun dürfe. Vater Zhang Chuanming war verstört, aber aus einem simplen Grund: Er wollte das Trikot in seinem Haus aufhängen.
Die Öffnung des Zhang Jike gegenüber den Medien ging noch weiter. In einem kürzlich geführten Interview mit der Internetplattform Tabletennista sprach er gar darüber, wie sein Traumfrau aussehen sollte: „Kein besonders kurzes oder langes Haar. Nicht zu dünn und etwa 1,70 Meter groß. Vernünftig und tugendhaft. Schönheit ist nicht wichtig.“ Na bitte, geht doch.
Irgendwann tauchte Zhang Jike, selbst nur 1,78 Meter groß, in den Katakomben der Max-Schmeling-Halle auf. Ein Dolmetscher war nicht in der Nähe, aber Jie Schöpp, die deutschen Bundestrainerin der Frauen, eine gebürtige Chinesin, war an seiner Seite. Schöpp übersetzte ein paar Bemerkungen der Nummer eins. „Ich habe lange nicht international gespielt“, sagte Zhang Jike beinahe entschuldigend. Eine langwierige Schulterverletzung war schuld. „Deshalb ist Berlin eine Standortbestimmung für mich. Ich setze mich aber nicht unter Druck, habe mir noch keine konkreten Ziele gesetzt.“ Sein erster Auftritt in der Einzelkonkurrenz dauerte gestern nur knapp 20 Minuten, dann hatte er den tapferen Ägypter Khalid Assar in 4:0-Sätzen abgefertigt.
Der Olympiasieger, noch leicht verschwitzt, antwortete freundlich. Und er hatte noch ein großes Kompliment für die Organisatoren der German Open parat: „Die Halle in Berlin bietet beste Bedingungen. Die ist sogar WM-reif!“
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