Tocotronic triumphierten in der C-Halle

Unsere Besten

Jens Balzer
2 Min

Den Freunden deutscher Popmusik ist in der abgelaufenen Woche ja einiges zugemutet worden, zum Beispiel das überspannte "Wir-sind-die-Erben-der-Avantgarden"-Jubiläumsspektakel der Einstürzenden Neubauten oder der immer trister werdende Geburtsvorbereitungsgruppenpop von Wir Sind Helden. Welch eine Erleichterung daher und welch eine Freude, dass die Woche dann doch versöhnlich ausging, mit einem guten, ach was sage ich: geradezu triumphalen Konzert in der C-Halle. Am Freitag beschlossen Tocotronic hier die seit dem März dauernde "Schall-und-Wahn"-Tour mit einem - "letztes Konzert vor dem Sabbat!" - funkelnden Greatest-Hits-Abend, der von allerältesten Mitsingstücken wie "Freiburg" mit dem gerade beim Anblick der Berliner Kulturszene immer noch hoch aktuellen Satz "Ich weiß nicht, warum ich Euch so verachte / Tanztheater dieser Stadt" bis zum von Dirk von Lowtzow fein genäselten Masochismus der aktuellen Single "Die Folter endet nie" reichte. Und alles, das war das Tollste daran, klang wie aus einem Guss: Man sah hier nichts anderes als eine Band, die nach Jahren der Suche und des Probierens zu sich selbst gekommen ist, mit einem Sänger, dem die tätowierten Teenies im Publikum ebenso sehnsuchtsvoll an den Lippen hingen wie die Popmütter aus dem Prenzlauer Berg; mit einer Band, die aus dem heterogenen Material ihrer Geschichte einen schlüssigen, alles umarmenden, nichts geringschätzenden Sound entwickelt hat. Die geschraddelten Studentenwitzklassiker der Frühzeit brachten sie als muskulösen, doch nie schweinösen Riff-Rock auf die Bühne. Die versponnenen, seinerzeit etwas ratlos wirkenden Konzeptpopversuche der Tocotronic'schen Zwischenzeit um das Jahr 2000 wurden zu Krautrockschunklern erweitert mit dem immer motorischeren Schlagzeug Arne Zanks und der fantastischen, überaus individuellen und doch geschmeidig ins große Ganze sich einfügenden Gitarre von Rick McPhail.Wieder und wieder werden sie am Ende zurück auf die Bühne geklatscht, bis zur dritten Zugabe "Pure Vernunft darf niemals siegen". Was für ein Glück: eine Band, die sich niemals bei jemandem lieb Kind machen wollte, und die heute doch eine Band ist für alle und jeden. Wir haben in diesem Land keine größere, keine tollere Band.------------------------------Foto: Dirk von Lowtzow beim Konzert.

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