Toni Kroos sitzt entspannt im Korbstuhl, saugt an der Wasserflasche und stellt gleich zu Beginn des Gesprächs im deutschen Trainingscamp klar, dass er nichts zu den Wechselgerüchten von Bayern München zu Manchester United sagen will. Es steht also seine Aussage von vergangener Woche, wonach er fest davon ausgeht, noch ein Jahr in München zu spielen. Zuvor hatte Kroos, 24, das Angebot der Bayern über mutmaßlich sechs Millionen Euro Basisgehalt pro Jahr abgelehnt.
Kroos kennt seinen Marktwert, er hat denselben Berater wie Mario Götze. Seit dieser Woche weiß er auch offiziell, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn als Stammkraft für die WM im Mittelfeld betrachtet.
Herr Kroos, viele Fans sorgen sich nicht nur wegen der vielen angeschlagenen Spieler im Kader. Wie optimistisch sind Sie mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Brasilien?
Auf jeden Fall glaube ich, dass wir vom individuellen Können her noch nie so gut waren bei einer WM. Wenn wir in Brasilien alle Spieler fit bekommen, die jetzt noch Probleme haben, dann sehe ich uns dort als absolute Topmannschaft.
Was zeichnet das Team aus?
Dass wir viele Spieler dabei haben, die ein Spiel mit einer Aktion entscheiden können, viele Spieler, die fußballerisch ausgesprochen stark sind.
Wird im Moment zu viel über die verletzten Spieler geredet?
Man ist es ja gewohnt, dass es spannend ist, darüber zu berichten, was nicht laufen könnte. Aber soweit ich das überblicken kann, sind das alles Verletzungen, die bis zur WM hinzukriegen sind. Wer topfit ist, kann spielen. Und wenn einer angeschlagen ist, kommt eben ein anderer rein. Wir reden immer von unserem Superkader. Wir hätten aber keinen Superkader, wenn wir nicht ein paar Leute ersetzen könnten. Dazu sind wir in der Lage.
Toni Kroos, 24, wurde in Greifswald geboren und lernte das Fußballspiel zunächst beim Greifswalder SC, dann bei Hansa Rostock. Seit 2006 steht der 42-malige Nationalspieler bei Bayern München unter Vertrag, eine Saison (2009-2010) war er an Bayer Leverkusen ausgeliehen.
Inwieweit haben Sie sich seit der EM 2012 verbessert?
Ich habe zwei Jahre hinter mir, in denen ich so gut wie alle Spiele für Bayern mitgemacht habe. Und die Bayern sind ja keine ganz schlechte Mannschaft. Dabei habe ich mich enorm weiterentwickelt, auch deshalb, weil ich in dieser Saison noch mal auf einer leicht veränderten Position gespielt habe.
Etwas defensiver als unter Jupp Heynckes?
Ja, Jupp Heynckes hat mich weiter vorn gesehen, bei Pep Guardiola habe ich eine etwas zurückgezogene Position und bin noch mehr für den Spielaufbau zuständig. Dadurch konnte ich eine noch etwas dominantere Rolle einnehmen.
Was hat Ihnen das konkret gebracht? Ein besseres Defensivverhalten?
Ja, das sicher auch. Das gehört dazu, wenn man einen Tick weiter hinten spielt. Das, was mir immer vorgeworfen wurde …
… dass Sie Zweikämpfen lieber galant aus dem Weg gehen …
… das kann man so nicht mehr stehen lassen. Im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund habe ich 90 Minuten alleine auf der Sechserposition gespielt. Wir haben dabei fast nichts nach hinten zugelassen. Das ist natürlich der Arbeit der ganzen Mannschaft geschuldet. Aber ich denke, dass ich dabei auch bewiesen habe, dass ich dort spielen kann.
Hätten Sie einen solchen Auftritt vor einem Jahr noch nicht hinbekommen?
Doch, das hätte ich auch geschafft. Aber einige Beobachter brauchen vielleicht mal so ein Spiel wie das Pokalfinale, um zu erkennen, dass es mit mir doch geht auf dieser Position, ohne dass der Gegner deshalb gleich eine Großchance nach der anderen bekommt.
Fühlen Sie sich falsch beurteilt?
Ganz ehrlich: Wie man mich von außen sieht, ist mir mittlerweile wirklich nicht mehr so wichtig.
Befürchten Sie nicht, dass Sie dadurch, dass Sie im Mittelfeld so ziemlich alles spielen können, am Ende wieder hinten runterfallen könnten wie bei der EM 2012?
Nein, das befürchte ich nicht. Ich sehe es eher als Vorteil, dass ich so gut wie alles spielen kann.
Der PR-Tag der Nationalmannschaft gestern in Norditalien hat eine tragische Bilanz erbracht. Ein Sponsor hatte die Autorennfahrer Nico Rosberg (Formel 1) und Pascal Wehrlein (DTM) hinzubestellt. Zwischen Werbe-Aufnahmen kam es dann zu einem Unfall mit einem schwerverletzten Mann und einer leichter verletzten Frau, als Rosberg scharf bremsen und der nachfolgende Wehrlein auf einen Parkplatz ausweichen musste.
Sie waren in der Jugend und später auch in Leverkusen und bei den Bayern ein offensiverer Spieler. Würden Sie sagen, dass Sie inzwischen ein anderer Typ geworden sind?
Ich habe mich auf alle Fälle weiterentwickelt und bin reifer geworden, ich übernehme jetzt auch mehr organisatorische Aufgaben auf dem Platz. Pep Guardiola hat mich mal beiseitegenommen und mir was Interessantes gesagt: Je besser man wird, desto defensiver spielt man. Da ist was dran, finde ich.
Machen Ihnen Zweikämpfe mehr Spaß als früher?
Ballgewinne machen jedenfalls richtig Spaß.
Aber Tore sind unabdingbar.
Stimmt schon, aber dafür haben wir sowohl bei den Bayern als auch im Nationalteam viele sehr gute Spieler. Es ist auch unglaublich wichtig für eine Mannschaft, einen guten Aufbau hinzubekommen und möglichst flach nach vorne zu kombinieren. Mir macht es viel Spaß, dabei zu helfen und vom Zentrum aus ein Spiel zu dominieren.
Bei den Bayern rückt die Mannschaft stets sehr weit vor und bemüht sich so tief in der gegnerischen Hälfte um die Balleroberung wie keine andere Mannschaft auf der Welt. Ist das bei der WM unter diesen Extrembedingungen auch möglich?
Klar. Wenn du dich hinten reinstellst und verschiebst, bist du nur am laufen. So sind es immer kurze Wege, aber mit einer größeren Intensität, das ist klar. Fünf bis zehn Meter kurze Sprints, intensives Anlaufen, das kostet auch Kraft, aber auf die Gesamtstrecke ist das viel kraftsparender.
Wenn es denn klappt.
Ja klar, wenn man den Ball dann nicht erobert und ganz zurück nach hinten muss, ist es natürlich was anderes. Aber wenn bei der frühen Balleroberung alle mitmachen, dann gibt es nur ganz wenige Mannschaften, die sich daraus befreien können.
Das Gespräch führte Jan Christian Müller.
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