TOP-VERDIENER - Regierungschefin Angela Merkel sorgt sich um den sozialen Frieden im Land. Vor Unternehmern wirbt die Kanzlerin für eine ethische Debatte über eine Obergrenze für Managergehälter.

Mehr Moral wagen

Matthias Loke
5 Min

BERLIN. Schenken will die Kanzlerin den Spitzen der deutschen Wirtschaft in dieser Debatte über die drohende Vertiefung der sozialen Spaltung offenbar nichts. Vor wenigen Tagen hatte sie auf dem CDU-Parteitag die teilweise überhöhten Vergütungen und Abfindungen deutscher Manager gegeißelt und dafür großen Beifall bekommen. Warum sollte jemand aus den vordersten Vorstandsreihen mit Geld überschüttet werden, so hatte Angela Merkel die Frage gestellt, der auf der ganzen Linie versagt habe. Es würde das Vertrauen in das soziale Gleichgewicht des Landes untergraben, wenn ein Abschied vergoldet werde.Großes UnwohlseinGestern legte die Kanzlerin vor der Spitze der deutschen Unternehmer auf dem Arbeitgebertag in Berlin nach. Zwar bekundete sie erneut, dass es keine gesetzliche Begrenzung von Manager-Gehältern geben wird. Gleichzeitig appellierte sie aber an die Unternehmer, sich mit der Debatte zu befassen. "Tun Sie das nicht als Neiddebatte ab", sagte sie zu den 1 000 Spitzenvertretern der deutschen Wirtschaft. Kein Gesetz zu machen, hieße nicht, nichts zu machen. Man dürfe das Thema nicht als Ablage unter den Tisch legen. Niemand habe etwas dagegen, dass auch erfolgreich verdient werde, wenn erfolgreich gewirtschaftet worden sei. Aber es gebe ein "großes Unwohlsein", wenn Manager große Risiken heraufbeschwörten, und dann - anders als Arbeitnehmer - ohne persönliches Risiko davonkämen. "Dieses müssen wir aufnehmen. Das hat es in dieser Spanne früher nicht gegeben", sagte die Kanzlerin. "Je offener die Wirtschaft dieses Thema annimmt, desto besser für unser gesellschaftliches Klima."Merkel verwies darauf, dass sie es für keine gute Entwicklung halte, wenn nur noch 15 Prozent der Bürger glaubten, es gehe gerecht zu in Deutschland. Zuletzt hatten insbesondere das auf mehr als 60 Millionen Euro geschätzte Jahreseinkommen von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und die Einlösung von Aktienoptionen durch Post-Chef Klaus Zumwinkel über mehr als vier Millionen Euro für Aufsehen und öffentliche Kritik gesorgt. Andererseits denkt die große Koalition darüber nach, ob man in Branchen Mindestlöhne einführen sollte, damit Arbeitnehmer nicht von vornherein auf staatliche Hilfe angewiesen sind."Vereinzelte schlechte Beispiele"Mehrere Umfragen haben zudem ergeben, dass eine große Mehrheit der Deutschen glaubt, dass der Aufschwung an ihnen vorbeigeht. So hat es in diesem Jahr zum Teil kräftige Lohnsteigerungen gegeben. Gleichzeitig wird aber die Inflationsrate vor allem wegen der erhöhten Mehrwertsteuer und den steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen über zwei Prozent liegen und damit die Einkommenssteigerungen real fast zunichte machen.Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt räumte ein, dass es "vereinzelt schlechte Beispiele" bei den Managergehältern gebe, die der Glaubwürdigkeit der Unternehmer schaden würde. Die "ganz überwiegende Zahl der Manager" tue aber alles für das Wohl der Firmen. Hundt warb für eine "Ethik der Verantwortung als Sperre gegen Kontrollverlust und Maßlosigkeit". Ohne Legitimation von innen bleibt die Marktwirtschaft gefährdet, auch wenn sie keinen größeren Feind hat." Durch Schlagzeilen wie zuletzt nehme die Bevölkerung Manager, aber auch Betriebsräte als korrupt und Vertreter eigener Interessen statt des Gemeinwohls wahr. "Uns muss alarmieren, dass der sichtbare und messbare Erfolg der sozialen Marktwirtschaft sich nicht mehr im Vertrauen der Bevölkerung spiegelt." Dabei diene die große Mehrzahl der Manager ihrer Firma und der Belegschaft.Dass es keine gesetzliche Beschränkung für Manager-Gehälter geben wird, wissen auch die Gewerkschaften. In mitbestimmten Unternehmen sitzen sie mit im Aufsichtsrat - und der ist für die Festlegung der Vorstandsgehälter zuständig.------------------------------Wer ist Millionär?Foto: Wendelin Wiedeking ist der Top-Verdiener unter den deutschen Managern: Zuletzt erhielt der Porsche-Chef geschätzte 60 Millionen Euro Jahressalär. Im Gegenzug sorgte er für einen Rekordgewinn des Sportwagenbauers.Foto: Jürgen Schrempp musste 2005 wegen Erfolglosigkeit als Daimler-Chef gehen. Dennoch verdiente er pro Jahr rund acht Millionen Euro. Zudem strich er nach dem Chrysler-Verkauf Millionen mit Optionsgewinnen ein.Foto: Josef Ackermann verdiente im vergangenen Jahr 13,2 Millionen Euro als Chef der Deutschen Bank. Den Gewinn der Bank hat er Jahr für Jahr gesteigert - auch weil er zuvor tausende Stellen gestrichen hat.Foto: Klaus Zumwinkel hat 2007 als Post-Chef 4,2 Millionen Euro verdient. Diese Summe besserte er kürzlich durch den Verkauf von Aktienoptionen deutlich auf. Kurz zuvor war der Post-Kurs dank der Mindestlohn-Einigung gestiegen.Foto: Michael Ballack: Der Kapitän der Nationalelf spielt beim FC Chelsea in London. Sein Geschätztes Einkommen: 260 000 Euro - pro Woche. Neiddebatten gab's hierzulande nicht - wohl aber in England.Foto: Heidi Klum: Sie sieht gut aus, da verzeiht man eine Jahresgage von 5,5 Millionen Euro. Doch ist Geld nicht alles. Forbes zählt sie zu den 100 wichtigsten Stars. Vor allem aufgrund ihres Sexappeals.------------------------------"Gauner in Chefsesseln"Die Kritik an Deutschlands Top-Managern wächst. Das ergab eine Studie der Uni Hohenheim. Anlass der Kritik seien Gehaltserhöhungen wie die des Siemens-Vorstandes in Zeiten von Jobabbau und Umstrukturierungen. Ein Blick in die Debatte in anderen Ländern.USA: Die pietistische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Nirgendwo ist sie so verankert, wie hier. Reichtum zählt als Beleg für Erfolg. Folglich akzeptiert man auch Millionengagen. Die Chefs der führenden 500 US-Konzerne haben 2006 im Schnitt 15 Millionen Dollar kassiert. Gesetzliche Obergrenzen gibt es nicht. Doch kippt die Stimmung. William McGuire, Ex-Chef des Versicherers UnitedHealth, musste zuletzt 600 Millionen Dollar Abfindung zurückzahlen. Sein Trost: Optionen im Wert über 800 Millionen Dollar darf er behalten.Frankreich: Präsident Sarkozy versprach schon im Wahlkampf "goldene Handschläge" für "Gauner in Chefsesseln" zu reglementieren. Das Gesetz lässt noch auf sich warten.Niederlande Ein Kommission unter Vorsitz von Ex-Unilever-Chef Morris Tabaksblat stellte 2004 einen Ethik-Kodex für Manager auf. Er regelt Abfindungen und Zahl der Aufsichtsratsmandate. Den Verdienst beschränken mochten Manager (und Gesetzgeber) aber nicht.------------------------------Grafik: Managergehälter im Vergleich zur Preisentwicklung------------------------------Foto: Reichtum muss sich wieder lohnen: Ein Blick auf die Millionärsmesse in Moskau zeigt einen mit Diamanten verzierten Luxus-Mercedes.

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