Dieser Tage allerdings überschlagen sich die amerikanischen Talkshows mit Berichten aus dem Norden, genauer gesagt aus Toronto. Dort regiert seit fast vier Jahren mit Rob Ford einer der skandalösesten Bürgermeister des Kontinents - und der ist ein gefundenes Fressen für die Komödianten in den populären US-Abendshows.
"In Kanada sind wohl die Bullen los", stichelte Talkshow-Moderator Jimmy Kimmel unter Anspielung auf Fords bulliges Auftreten und die Tatsache, dass der schwergewichtige Bürgermeister bei einer Rat-Sitzung am Montag eine Kollegin schlicht über den Haufen rannte. Der US-Comedy-Star Jay Leno nannte Ford gar "ein Geschenk Gottes für Komödianten".
Ziel: Premierminister Kanadas werden
Viele Kanadier allerdings können über Ford nicht mehr lachen. Seit Monaten dominiert der Skandal-Bürgermeister die Schlagzeilen - und doch werden die Kanadier Ford nicht los. Am Montag entzog ihm der Stadtrat von Toronto wegen seiner ständigen Alkohol- und Rauschgiftexzesse und seiner unappetitlichen Entgleisungen zwar einen Großteil seiner Kompetenzen und übertrug diese dem Vize-Stadtchef. Formal aber ist Ford weiter im Amt.
Mehr noch: In einem Interview mit einem US-Sender bekräftigte der 44-Jährige seine erneute Kandidatur bei den Bürgermeisterwahlen nächstes Jahr an und sprach sogar davon, einmal Premierminister Kanadas werden zu wollen. Darüber aber schütteln mittlerweile sogar die einstigen Weggefährten Fords den Kopf.
Der kanadische Premierminister Stephen Harper etwa, früher Gast auf Fords alljährlichen Gartenpartys und konservativer Gesinnungsgenosse, sprach von einer bedenklichen Entwicklung. Arbeitsminister Jason Kenney forderte gestern als erstes Mitglied der kanadischen Regierung offen Fords Rücktritt. Dieser habe dem Land "Schmach" zugefügt.
Tatsächlich kennt die Liste der Peinlichkeiten, Lügen und Entgleisungen Fords kaum noch Grenzen. Im Frühjahr sorgte erst ein Drogen-Video für Schlagzeilen, auf dem Ford rauchend mit einer Crack-Pfeife zu sehen sein soll. Monatelang hatte der Bürgermeister die Drogenvorwürfe kategorisch zurückgewiesen und gestand diese erst ein, nachdem die Polizei die lange verschollen geglaubten Aufnahmen auf einer Festplatte eines Kriminellen fand.
Kokain, Alkohol und Sex
Nach langem Zögern gab Ford schließlich zu, an dem fraglichen Abend betrunken gewesen zu sein - was kein Einzelfall war. Ford soll auch betrunken Auto gefahren und soll Partys mit Alkohol und Kokain im Rathaus gefeiert haben. Zudem hat er angeblich eine Kommunalpolitikerin begrabscht und eine Mitarbeiterin sexuell belästigt. Diese Vorwürfe hat er mit dem Satz zurückgewiesen, er habe das nicht nötig, weil er habe genügend Oralsex. Immer wieder hatte er sich außerdem verächtlich über Minderheiten geäußert, den kanadischen Oppositionspolitiker Justin Trudeau etwa nannte er eine "Schwuchtel".
Damit hat Ford die Grenzen des Anstands längst überschritten, auch wenn ihm bislang kein kriminelles Vergehen nachgewiesen werden kann, was die Voraussetzung für eine mögliche Amtsenthebung wäre. Sämtliche Zeitungen in Toronto fordern mittlerweile seien Rückzug. In einer tumultartigen Sitzung stellten sich am Montag beinahe alle Stadträte gegen ihn, nachdem sie schon zuvor seinen Rücktritt gefordert hatten.
Da Ford nicht freiwillig gehen will, entzogen die Stadträte ihm kurzerhand einen Großteil seiner Kompetenzen und seines Etats - ein beispielloser Vorgang in Kanada. Die meisten Mitarbeiter werden jetzt dem Vize-Bürgermeister unterstellt. Ford darf außerdem keine Kandidaten für hohe Posten in der Stadtverwaltung mehr nominieren, noch würde er die Rettungsmaßnahmen leiten, wenn Toronto von einer Katastrophe heimgesucht würde.
Mit schweren verbalen Geschützen versuchte sich Ford zu wehren. Er sprach von einem Staatsstreich und zog sogar Parallelen zum ersten Golfkrieg: „Ihr habt gerade Kuweit angegriffen“, sagte er und erklärte einen „offenen Krieg“ bei der nächsten Wahl. Dann rannte er wie aufgestachelt die Stadträtin nieder. Das Video davon kursiert mittlerweile im Internet und ist für die meisten Kanadier ein weiteres unerträglicher Beleg von Fords Peinlichkeit.
Doch der Bürgermeister pflegt sein Image als Ekel. Er tingelt mit seinen verbalen Ausrutschern durch alle Fernsehsender und versuchte sich sogar an einer eigenen Fernsehshow, die gestern zu später Stunde allerdings abgesetzt wurde. Er zeigt sich mit johlenden und betrunkenen Anhängern im Sportstadion und stellt sich als Außenseiter und Opfer alter Macht-Eliten dar. Das Überraschende dabei: Noch immer gibt es genügend Kanadier, die ihm diese Story abnehmen.
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