Künstliche Intelligenz im Film

Siegeszug der Schauspiel-Klone: Wie echte Menschen im Film ersetzt werden

Mithilfe von KI lassen sich virtuelle Klone erstellen. Schauspieler befürchten, dass die Filmwelt künftig von künstlichen Agenten bevölkert sein könnte.

Adrian Lobe
6 Min
Harrison Ford wurde im 2023 erschienenen Film „Indiana Jones 5“ künstlich verjüngt.

Harrison Ford wurde im 2023 erschienenen Film „Indiana Jones 5“ künstlich verjüngt.

© Walt Disney Co./Courtesy Evere

In Hollywood geht die Angst vor der Künstlichen Intelligenz (KI) um. Diesmal nicht auf der Leinwand, sondern ganz real: Seit mehreren Wochen streiken Drehbuchautoren und Schauspieler. Sie befürchten, dass sie künftig von KI-Systemen ersetzt werden könnten. Killt Künstliche Intelligenz den Videostar?

Die Sorgen sind nicht unbegründet. Als in der Corona-Pandemie Kontaktbeschränkungen und Ausgehverbote verhängt wurden und die Dreharbeiten ruhen mussten, nutzte das Produktionsteam der Comedyserie „Ted Lasso“ kurzerhand eine Software, um Fußballstadien zu füllen. Wer braucht noch Statisten, wenn es KI gibt?

KI ist in der Filmbranche nichts Neues. Schon vor 20 Jahren griffen die Macher von „Herr der Ringe“ auf eine Animationssoftware zurück, um detailgetreue Landschaften und Schlachten auf die Leinwand zu projizieren. Um die Massenkampfszenen, bei denen Zehntausende Krieger aufeinanderprallen, realistisch darzustellen, hätte man eigentlich Tausende Statisten engagieren müssen.

Zehntausende künstliche Agenten kämpfen auf dem Schlachtfeld

Das wäre selbst für eine Produktion mit einem Budget von 93 Millionen Dollar ein viel zu teures Unternehmen gewesen. Stattdessen erstellte der Filmstab auf Grundlage einer Datenbank mit Bewegungsmustern Zehntausende künstliche Agenten, die individuell auf das Terrain abgestimmt waren und über eigene Kampfstile verfügten.

Als der erste Teil von „Herr der Dinge“ 2001 in die Kinos kam, waren solche Spezialeffekte nur in teuren Hollywoodstudios realisierbar. Heute kann jeder per Mausklick Bilder produzieren. Dafür braucht es weder eine Kamera noch ein Studio. Die Fake-Aufnahme, die den Papst in einem weißen Daunenmantel zeigt und vor ein paar Monaten im Netz viral ging, kreierte ein 31-jähriger Bauarbeiter aus Chicago. Mit dem Siegeszug der Generativen KI wächst die Sorge, dass künftig KI-Modelle die Bühne betreten können – und zwar nicht nur als Staffage im Hintergrund von Stadion- oder Schlachtfeldkulissen, sondern an der Front.

Erste Filmcrews haben bereits damit begonnen, Darsteller zu klonen, indem sie ihre Körper scannten und 3D-Modelle am Computer erstellten. Das passiert wie folgt: In einem Bodyscanner, wie man sie von Flughäfen kennt, sind Dutzende von Kameras installiert, die simultan hochauflösende Fotos von Mimik, Gestik und Bewegungen der Person machen: zum Beispiel, wie sie den Arm hebt oder den Mund beim Sprechen bewegt. Motion Capture heißt das im Fachjargon.

Ein einmal geklonter Darsteller kann beliebig am Set eingesetzt werden

Mithilfe der Photogrammetrie, einem Verfahren, bei dem Punkte im Raum vermessen werden, werden die sich überlappenden 2D-Bilder zu einem 3D-Modell zusammengefügt. Diese skelettähnliche Struktur wird schließlich am Computer bearbeitet und mithilfe von Bewegungsdaten und Spezialeffekten animiert.

Einmal generiert, kann der digitale Zwilling per Knopfdruck am Set eingesetzt werden. Beliebig oft, wie eine Marionette. Der Schauspieler muss nicht zum Drehort reisen oder Texte einsprechen, die Stimme wird per KI synthetisiert. Das ist viel günstiger, als Schauspieler oder Synchronsprecher zu engagieren. In der Comicverfilmung „Man of Steel“ (2013) wurden bereits digitale Replika von Superman in das Filmmaterial reingeschnitten. Auch beim Science-Fiction-Film „Avengers: Infinity War“ (2018) wurden visuelle Effekte eingesetzt, um Schauspieler Josh Brolin in der Rolle des Oberschurken Thanos auf das Format eines acht Meter großen Kriegers zu bringen. Künftig könnte KI Stuntmänner gänzlich überflüssig machen.

Spielentwickler wie EA Sports setzen 3D-Bodyscanning-Technologien schon seit Jahren ein, um realitätsnahe Avatare von Sportprofis zu erstellen, die sich in der Simulation genauso wie das Original bewegen. Die Techniken, die bei der Spielentwicklung zum Einsatz kommen, etwa die 3D-Modellierung von Landschaften oder Animation von Charakteren, haben längst auch Eingang ins Kino gefunden.

So schufen die Macher der Serie „The Mandalorian“ mithilfe eines Grafikprogramms des Spielentwicklers Epic Games ein virtuelles Set, wo sich 3D-Landschaften wie das Hintergrundbild am Desktop verändern ließen. Der SWR hat sich kürzlich vom Großteil seines Requisitenfundus getrennt – Jesusfiguren oder Bordellreklame braucht es in Zeiten von Computeranimation nicht mehr.

Filmstars wie Audrey Hepburn werden in Werbeclips wiederbelebt

Die Potenziale der Technik sind gewaltig: KI gab dem amerikanischen Schauspieler Val Kilmer, der durch eine Kehlkopfkrebserkrankung nicht mehr sprachen kann, seine Stimme zurück und verjüngte die Leinwand-Legende Harrison Ford für den Film „Indiana Jones 5“. Der biologische Alterungsprozess, vor dem sich die Hollywooddiven fast noch mehr fürchten als vor Robotern, lässt sich mit KI aufhalten. Man braucht kein Botox mehr, wenn man auf einen digitalen Klon aus dem Computerarchiv zurückgreifen kann.

Mit digitalen Reproduktionstechniken lassen sich sogar verstorbene Schauspieler zum Leben erwecken. So wurden Filmstars wie Audrey Hepburn oder Bruce Lee mittels computergenerierter Modelle als Testimonials in Werbeclips wiederbelebt. Die Sängerin Amy Winehouse wurde nach ihrem Tod 2011 sogar auf Hologramm-Tournee geschickt.

Die digitale Nekromantie wirft eine Reihe ethischer Fragen auf. Darf man Menschen einfach klonen? Darf man digitale Doubles von Verstorbenen in fremde Kontexte einbetten und Sätze artikulieren lassen, die diese womöglich so nie gesagt hätten? Darf man Avatare digital aufhübschen, etwa ihre Brüste vergrößern? Wie weit reicht das Recht am eigenen Bild und Wort? Bis zum Tod? Oder darüber hinaus? Sind digitale Klone zu ewiger Arbeit verdammt?

Ein ganzer Film ohne Kameras und Schauspieler

Der Schauspieler Robin Williams, der als Sprecher von Dschinni in „Aladdin“ bekannt wurde und 2014 Suizid beging, hatte zu Lebzeiten verfügt, dass die Nutzung seiner Bilder erst 25 Jahre nach seinem Tod zulässig ist. Das konnte allerdings nicht verhindern, dass sein Gesicht in einem Deepfake-Video auf den Körper von Will Smith montiert wurde.

Wie die Zukunft des Films aussehen könnte, hat kürzlich eine Produktionsfirma aus Detroit demonstriert: Sie hat mithilfe einer KI einen zwölfminütigen Kurzfilm („The Frost“) kreiert. Dazu wurden mit dem Bildgenerator DALL-E auf Basis eines (manuell verfassten) Drehbuchs Bilder erzeugt, die am Computer animiert und zusammengefügt wurden. Ein wenig wie bei der Reihenfotografie zu Beginn der Filmgeschichte. Doch für den Kurzfilm brauchte es weder Kameras noch Schauspieler. Das gesamte Material kam aus der Konserve.

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