Traditions-Masters

Schummelei des Fußballgotts

Torsten Mattuschka räumt Preise ab und die Isländer treten mit vollen Mägen an.

Michael Jahn
5 Min
Wer Hörner trägt, sollte Barthaar haben: Nach ihrem Premierenbesuch wollen Islands Fußball-Legenden im kommenden Jahr unbedingt wieder in Berlin antreten.

Wer Hörner trägt, sollte Barthaar haben: Nach ihrem Premierenbesuch wollen Islands Fußball-Legenden im kommenden Jahr unbedingt wieder in Berlin antreten.

© Sebastian Wells

Es gibt nur eine Handvoll Fußball-Profis, denen von den Fans ein eigenes Lied gewidmet wurde. Torsten Mattuschka, inzwischen 36, gehört zu diesem illustren Zirkel. Der einstige Mittelfeldstratege, der in 279 Spielen für den 1. FC Union Berlin stattliche 70 Tore schoss, gilt an der Alten Försterei noch immer als Fußballgott. „Torsten Mattuschka, Du bist der beste Mann, Torsten Mattuschka, Du kannst, was keiner kann…“ singen die Fans der Unioner gern voller Inbrunst. Beim Hallenturnier der Legenden in der mit 8000 Zuschauern ausverkauften Max-Schmeling-Halle wurden am Sonnabend für Mattuschka, der zum ersten Mal beim beliebten Masters auflief, Sonderbedingungen geschaffen. Sie sollten ihm seine Spezialität, gefährliche Freistöße, noch erleichtern. Die Grundidee der Veranstalter der neunten Auflage des Turniers lautete: noch mehr Tore, noch mehr Attraktionen.


Ehrungen

Zecke-Neuendorf-Preis Special One

Die Fans aus Island

Bester Torschütze

Dariusz Wosz (Hertha BSC) und

Chiquinho (Borussia Mönchengladbach) je 5 Treffer

Publikumsliebling

Torsten Mattuschka (1. FC Union)

Bester Torhüter

Jörg Kaessmann (Gladbach)

Bester Spieler

Torsten Mattuschka (1. FC Union, von den Aktiven gewählt)


Eigentlich dürfen beim Hallenfußball sämtliche Freistöße nur indirekt ausgeführt werden. Aber nur eigentlich. Dieses Mal durfte Mattuschka seine Freistöße direkt zelebrieren, wenn er sie a) aus der eigenen Spielhälfte abfeuert und b) die Fans ein Lied für ihn anstimmen.

Leidtragende dieser Sonderregel waren die Legenden von Hertha BSC. Im emotionalen Derby, das die starken Unioner, die auch die meisten Fans in der Arena hinter sich wussten, mit 5:2 gewannen, kam es zu einigen Turbulenzen. Mattuschka sorgte dafür, indem er gleich drei Freistöße mit Wucht und Effet im Tor der Herthaner versenkte. Doch alle drei Treffer schoss er schon in der Spielhälfte von Hertha. Der Referee erkannte die Tore an, die Hertha-Oldies um Michael Hartmann, Maik Franz und den aus Belgrad eingeflogenen Torjäger Marko Pantelic schauten verdutzt. Die Turnierleitung musste eingreifen und erklärte schließlich salomonisch: Das Resultat bleibt bestehen, aber ab sofort dürfen keine direkten Freistöße mehr ausgeführt werden. Herthas an der Hüfte verletzter Zecke Neuendorf zeigte sich kulant: „Das war zwar eine Fehlentscheidung, aber die Treffer waren exzellent. Super! Das nächste Mal aktivieren wir eben Ronny, der kann auch solche Freistoß-Hämmer.“

Freistoß-Verleger: Torsten Mattuschka.

Freistoß-Verleger: Torsten Mattuschka.

© Sebastian Wells

Auch ein Fußballgott kann sich auf Erden irren. Mattuschka sagte: „Ich habe drei Mal abgefeuert und drei Mal getroffen. Geil! Ich habe mir da keinen großen Kopf gemacht.“ Immerhin: „Stadtmeister der Oldies“ kann sich Union nennen.

Mattuschka aber kam später mit einer großen Geste daher. Seinen Preis für den besten Torschützen gab er zurück. Im Finale, das mit dem 1. FC Union und Borussia Mönchengladbach die beiden besten Mannschaften verdient erreicht hatten, kam Mattuschka nicht mehr in beste Freistoßposition. Union unterlag mit 1:3 und dem Ukrainer Andrej Woronin, 37, gelang der Treffer zum 3:1 in der Schlussminute. Beide Mannschaften wirkten eingespielt und bestens vorbereitet.

„Hu“ auf Kunstrasen

Union hatte schon zwei Hallenturniere in Greifswald (2. Platz) und in Aschersleben (1. Platz) in den Beinen und auch die Borussia war in den Hallen von Krefeld und Oldenburg am Ball gewesen. Beim Sieger steckte, wenn man so will, auch ein wenig Hertha im Team. Thorben Marx, 35, war einer der ersten Jungprofis, die aus der Hertha-Jugendakademie kamen und den Sprung in den Profifußball schafften. Später fand er sein Glück in Mönchengladbach. Dort lebt er mit Frau und zwei Töchtern. Mit Teamkamerad Mike Hanke versucht er gerade, ein berufliches Standbein aufzubauen – eine Agentur für Lifestyle im Fußballgeschäft.

Auch Woronin, noch immer athletisch und ohne seine berühmte Zopffrisur, hält sich bei den Oldies der Borussia fit. 2008/09 begeisterte er Fußball-Berlin im Trikot von Hertha BSC, schoss elf Tore an der Seite von Sturmpartner Marko Pantelic und hielt die Mannschaft lange im Rennen um die Deutsche Meisterschaft. Woronin lebt in Düsseldorf, hat den A-Schein als Trainer erworben. „Was ich einmal machen werde, ist noch offen“, sagte der Mann, der einst beim Flanieren auf dem Ku’damm mit Stiefeln aus Krokodilleder auffiel. „Viel trainiert haben wir nicht“, erzählte Marx, „aber im Sommer bestreiten wir mit der Traditionself schon etwa 20 Auftritte.“

Kurzhaar-Consultant: Marko Pantelic.

Kurzhaar-Consultant: Marko Pantelic.

© Sebastian Wells

Hertha BSC, Masters-Sieger von 2014 und 2015, musste dieses Mal mit vielen Verletzungen kämpfen. Marko Pantelic, in der Arena laut gefeiert, kam mit leichten Oberschenkelproblemen nach Berlin, wollte aber seine Zusage unbedingt einhalten. Seine langen Haare sind schon lange ab, mit gepflegtem Kurzhaarschnitt widmet er sich in Belgrad einer Karriere als Berater von Vereinen. „Das ist eine Art Consulting“, sagte der Profi. Obwohl er einst in halb Europa spielte, sei „Hertha und Berlin eine zweite Heimat geworden. Ich hatte hier vier wunderbare Jahre als Profi.“ Zwei Treffer gelangen ihm trotz Handicaps. Der Titel des Rekordhalters im Autogrammeschreiben blieb dem Serben in der Arena auch.

Bei Hertha, nicht so spielstark wie in den Jahren zuvor, verletzten sich zudem Andreas Schmidt und Ante Covic. Die wegen der Derby-Niederlage zuerst etwas enttäuschten Fans der Hertha wurden im Spiel um Platz drei versöhnt. Beim 6:1-Sieg gegen den Titelverteidiger 1. FC Nürnberg wirbelte Dariusz Wosz wie in besten Zeiten und schoss drei attraktive Tore, darunter ein eleganter Heber mit Effet.

Und wie schlugen sich die Legenden aus Island um den ehemaligen Hertha-Liebling Jolly Sverrisson? Sie begeisterten das Publikum, als sie mit Wikinger-Helmen einliefen und ihren Schlachtruf zelebrierten. „Hu, Hu!“ Die Halle tobte und machte mit. Auf dem Kunstrasen hatten die „Iceland Legends“ keine Chance, unterlagen Union (1:8) und Hertha (1:4) deutlich.

Am Vorabend des Turniers waren die Isländer – die meisten von ihnen Mittvierziger – in Berlins ältester Kneipe Zur letzten Instanz eingekehrt. Sverrisson, ganz ungewohnt mit Vollbart, meinte: „Wir haben wohl etwas zu deftig gegessen. Wir wollen im nächsten Jahr unbedingt wiederkommen und hatten viel Spaß.“ Eine große Bereicherung für das Masters waren sie auf jeden Fall.

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