Vermarktung regionaler Produkte
Ralf Lyko holt sich eine Sackkarre aus dem Betriebshäuschen des Busbahnhofs. Er rollt sie zum Bus und schließt die Gepäckklappen unterhalb des Passagierraumes auf. In den Frachtfächern stapeln sich jede Menge Kisten, die er auf sein Vehikel verlädt und schließlich im Bahnhofsgebäude abstellt. Er studiert die Frachtpapiere, die er in einer Mappe bei sich hat: Honig, Fassbutter, Milch, Käse, Salami, Leberwurst, Quark, Pudding, Eis und Butter sind in den Boxen und Tiefkühltruhen.
Das alles hat der 45-jährige Busfahrer am Morgen an der Haltestelle im kleinen Uckermark-Dörfchen Bandelow eingeladen. Die Lebensmittel kommen von der regionalen Handelsgesellschaft Q-Regio, die dort ihren Sitz hat. „Die Kollegen stehen mit ihren Waren zur Abfahrtszeit an der Bushaltestelle bereit“, erklärt Ralf Lyko. „Wir packen dann zusammen an. Das geht ruck, zuck.“
Er sortiert die Boxen im Abstellraum je nach Lieferadresse. Eine Ladung geht nach Templin, wo zwei Gasthöfe auf frische Waren warten. Eine andere nach Warnitz am Oberuckersee, wo ein Tourismusverein sein regionales Sortiment beinahe täglich auffrischt. „Die Kisten holen sich meine Kollegen, die innerhalb der nächsten ein, zwei Stunden auf den entsprechenden Linien unterwegs sind, hier ab“, sagt Ralf Lyko.
Vom Fernseher bis zum Flyer
Vor fünf Jahren wurde die Uckermark von der Landesregierung als flächengrößter Landkreis in Brandenburg ausgewählt, um ein Modellprojekt für diese Bündelung von Personen- und Gütertransport zu entwickeln. „Wir haben das von Anfang als Chance begriffen, den Verkehr in der Fläche nicht ausdünnen zu müssen, sondern durch neue Serviceangebote sogar noch attraktiver zu machen“, sagt die Kombi-Bus-Verantwortliche der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft Marita Förster.
Auch die Post wird in der Uckermark zum Teil per Kombibus geliefert.
© Gerd Engelsmann
Inzwischen nutzen nicht nur regionale Lebensmittelerzeuger und -händler den Linienbus für ihre Lieferungen. Ein großes Einkaufszentrum in Schwedt bietet als besonderen Service an, dass der neue Fernseher oder das erworbene Fahrrad mit dem Bus ins Heimatdorf gebracht wird. Druckereien beliefern auf diese Weise ihre Kunden in entlegenen Orten mit Flyern und Prospekten. Mostereien und Getränkehandelsbetriebe sind über den Kombi-Bus miteinander verbunden. Veranstalter von Fahrrad- oder Wanderreisen lassen das Gepäck ihrer Gäste per Linie in den nächsten Übernachtungsort bringen. „Unsere Stärke ist, dass wir die Fracht am gleichen Tag abholen und liefern können“, sagt Marita Förster. „Die Fahrpläne sind so getaktet, dass wir innerhalb von maximal vier Stunden an jedem Ort im Landkreis sind.“
Briefkästen an der Bustür
Selbst Briefe werden in Zusammenarbeit mit verschiedenen regionalen Kurierdiensten versendet. Zu diesem Zweck sind an der Eingangstür der Busse Briefkästen angebracht. „Wir testen das gerade auf einigen Linien“, sagt Marita Förster. „Die Leute müssen einfach zur Abfahrtszeit der Busse an der Haltestelle sein. Dann können sie ihre Post abschicken.“ Auf den zentralen Busplätzen der Region stehen große Briefkästen der jeweiligen Dienste, in die die Fahrer die Sendungen einwerfen.
Lieferung bis nach Berlin
Im vergangenen Jahr transportierte die Uckermärkische Verkehrsgesellschaft mbH mit ihren Linienbussen eine Fracht von 11,5 Tonnen. 541 Touren wurden gebucht.
Die Ausweitung des Modells des Kombi-Busses ist Bestandteil des Koalitionsvertrages der Brandenburger Regierungsparteien aus dem Jahr 2014.
Eine Richtlinie wurde unlängst entwickelt, mit denen die Erfahrungen aus der Uckermark mit den Bussen auf andere Regionen des Landes übertragen werden können.
Über den Kombibus und die GEKO Uckermärkische Fruchthandelsgesellschaft mbH werden Lebensmittel von regionalen Erzeugernbis nach Berlin und Potsdam frisch geliefert.
In der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg gibt es einen Uckermark-Stand. Uckermärkische Q-Regio-Hofläden gibt es außerdem in Berlin-Zehlendorf (Breisgauer Str. 1a), in Potsdam (Gutenbergstr. 83), in Templin (Puschkinstr. 1), in Prenzlau (Friedrichstr. 1). Zudem gibt esQ-Regio-Produkte in einigen Rewe-Märkten in Berlin und im Umland und in anderen Hofläden.
„Es braucht keine großen Investitionen, um das Prinzip des Kombi-Busses zu entwickeln und stetig auszubauen“, sagt Marita Förster. „Aber es braucht natürlich engagierte Fahrer, die die zusätzlichen Aufgaben zuverlässig erledigen.“ Um ihnen nicht zu viel zuzumuten, ist das Gewicht einer Kiste auf 15 bis 20 Kilo beschränkt. Mehr als 200 Kilo darf eine Gesamtladung nicht überschreiten. Die Landesregierung hat mittlerweile die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das Modell des Kombi-Busses auf andere Teile Brandenburgs ausgeweitet werden kann. „Ich reise derzeit viel durchs Land, um unsere Erfahrungen weiterzugeben“, sagt Marita Förster.
Bei Urlaubern beliebt
Der Bus der Linie 445 schiebt sich durch die kleinen Straßen des beschaulichen Warnitz am Oberuckersee. Fahrer Klaus Blum hat neben den Passagieren die Ladung an Bord, die ihm sein Kollege eine gute Stunde zuvor im Abstellraum am Prenzlauer Busbahnhof hingestellt hat. Er hält vor der Geschäftsstelle des hiesigen Tourismusvereins im ehemaligen Bahnhofsgebäude, in dem sich auch ein Spezialitätenladen mit regionalen Produkten befindet. Die Leiterin der Touristen-Info Sabine Urbschat steht schon bereit, um die Lieferung mit uckermärkischen Käse, Quark, Joghurt und vielem mehr entgegenzunehmen. „Die Urlauber reisen uns die Sachen förmlich aus den Händen“, sagt sie. „Aber ohne den Bus hätten wir sie niemals hier vor Ort.“
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