Der Wirbel um Kryptowährungen und der ihnen zugrundeliegenden Blockchain-Technologie treibt exotische Blüten. In einem Spielcasino in Las Vegas steht der erste Geldautomat der Welt, der Bitcoin ausgibt, unter bestimmten Bedingungen jedenfalls.
Der Versuch eines Reporters, sich an dem „CoinCloud ATM“ im Casino D den Gegenwert von einem Dollar in Bitcoin auszahlen zu lassen, scheiterte allerdings an der „Miners Fee“, einer Gebühr für das extrem energiehungrige Erwirtschaften von Bitcoins, die zwischen 40 und 45 Dollar liegt – pro Auszahlung!
Visuell verschlüsselte Botschaften
Und nun gibt es endlich auch eine Kryptowährungs-Girlgroup und mit ihr das endgültige Erwachen des zugehörigen Kulturphänomens – Kryptopop! Am 11. Januar legten Kasotsuka Shojo in Tokio ihren ersten Auftritt hin. Keine Roboterinnen – echte Musikerinnen zwischen 15 und 22 Jahren. Ersonnen wurde die Formation in einem Entertainment-Inkubator namens Cinderella Academy, hinter dem die Firma Shin-Etsu steht, einer der größten Kunststoffproduzenten der Welt. Synthetik und Ästhetik sind ja nicht weit voneinander entfernt, sprachlich jedenfalls.
Jede der acht Gruppenmitglieder repräsentiert eine der neuartigen Krypto-Tauscheinheiten, von denen die Wikipedia inzwischen mehr als 100 auflistet. Zwar erschließt sich nicht recht, in welchem Zusammenhang zu moderner Finanztechnologie die Aufmachung der Girls steht – sie sind in kesse französische Dienstmädchenuniformen gekleidet –, allerdings ist die Mode in Mangas und bei der Cosplay-Kostümierung ihrer weiblichen Fans seit langem beliebt.
Die Zeit ist reif
Die verschiedenen symbolisierten Währungen – von Bitcoin über Ethereum bis Ripple – lassen sich an den mitsamt entsprechendem Logo versehenen flauschgesäumten und mit Bommel-Ohren ausgestatteten Masken erkennen, die von den Mädchen getragen werden. Willkommen im Internet 2018.
Die Zeit ist reif für Kryptopop. „Statt Goldketten und Bling-Bling: Kryptowährungen erobern das Musik-Geschäft“, vermerkt die Jugendwebsite Noizz und verweist noch auf den Crypto-Rap „HodIn“ der deutschen Rapper Kool Savas und Sido – das Wort HodIn haben sie in einem Bitcoin-Forum aufgeschnappt, wo es für das Horten von Krypto-Geld steht.
Zukunft der Währungen
Ein Großteil der derzeit rund 1500 Kryptowährungen wird nach Einschätzung der US-Investmentbank Goldman Sachs nicht lange existieren. Vielmehr dürfte nur eine kleine Anzahl wettbewerbsfähiger Arten überleben, schreibt Steve Strongin, Chef für „Investment Research“ bei Goldman Sachs, in einer aktuellen Studie.
Die Schwankungen der Kurse von Bitcoin und Co. sprechen laut Strongin für eine Preisblase, also ein nicht nachhaltiges Kursniveau. Derzeit stehen faktisch alle Digitalwährungen unter erheblichem Druck. Ausschlaggebend sind in erster Linie Regulierungsbestreben in vielen Industrie- und Schwellenländern.
Optimistischer bewertet der Experte die Blockchain-Technik, die vielen Krypto-Währungen zugrunde liegt. Diese Technik – eine Art dezentrales Kontenbuch – könne Prozesse im Finanzwesen verbessern. Jedoch schränkt Strongin ein, dass die Geschwindigkeit der Technik noch zu gering für viele Finanzgeschäfte sei.
Längst sind die analogen Methoden der Erwachsenenvermeidung, die ursprünglichen Pop auszeichnen, übergewechselt in die digitale Welt. Eines der beliebtesten Verfahren stammt aus den Anfängen der Computerei: die Verschlüsselungstechnik. Kryptographie. Schon lange bevor es öffentliche Debatten über Dinge wie Public-Key-Verschlüsselung gab, konnte man bereits an Bahndämmen und Häuserwänden Graffiti sehen, die dem ungeübten Auge wie bunte, verschlungene Ornamente erschienen, in Wirklichkeit aber lesbarer Klartext waren – visuell verschlüsselte Botschaften, öffentlich ausgebreitet, aber trotzdem nur dem Eingeweihten zugänglich.
Dann schwenkten junge Künstler in breiter Front von Kunst auf Kryptographie um. Erwachsene sprachen – und sprechen – immer noch von Kunst, aber in Wahrheit sind zunehmend Programmierer am Werk, wo manche immer noch Künstler vermuten. Was früher Kunst war, will heute oft nichts mehr verraten und tut so, als gäbe es ein großes Geheimnis. Die Kunst besteht jetzt im möglichst spektakulären Verbergen von etwas, manchmal auch von nichts. Mit einem Wort: Ein wunderbares Mittel, um Erwachsene zu ärgern, jedenfalls aber von unerwünschtem Verständnis abzuhalten.
„Der Mond und virtuelle Währungen und ich“
„Wir möchten gern auf unterhaltsame Weise die Idee unter die Leute bringen, dass virtuelle Währungen nicht einfach nur etwas sind, mit dem man spekulieren kann, sondern eine wundervolle Zukunftstechnologie“, sagt die 18-jährige Rara Naruse, Frontgirl und Bitcoin-Symbol von Kasotsuka Shojo, in einem Online-Statement und tut so, als würde jedermann auch nur andeutungsweise verstehen, wie Bitcoin und Blockchain funktionieren.
Bezahlen konnte man die Tickets für das erste Konzert der Gruppe selbstverständlich nur in einer Kryptowährung. Der erste Song der Band, „Der Mond und virtuelle Währungen und ich“, scheint seine Inspiration aus den Warnungen der letzten Zeit zu einer möglicherweise notwendigen Regulierung der Technologie bezogen zu haben – eine gesungene Lektion in Online-Sicherheit, Datenschutz und Warnungen vor betrügerischen Kryptogeldgeschäften.
Yen statt Bitcoin
Seit ein paar Wochen sind Bitcoin in Japan offiziell übrigens als Währung anerkannt und Kryptowährungen dort nunmehr extrem beliebt. Allein deren Wertsteigerung soll das japanische Bruttonationalprodukt um 0,3 Prozent anwachsen lassen.
Um das Vertrauen in das neue Wirtschaftsinstrument zu erhalten, hat die japanische Finanzaufsicht gerade die Kryptowährungs-Handelsplattform Coincheck in die Pflicht genommen. Nach dem Diebstahl von umgerechnet mehr als 300 Millionen Euro Digitalgeld durch Hacker will Coincheck die betroffenen 260.000 Nutzer nun entschädigen – in japanischen Yen.
Peter Glaser ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Bei Twitter: @peterglaser
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