Treuhandgesellschaft will die Trabrennbahn Karlshorst für eine Mark abgeben

Ein ruinöses Geschenk

Karl-Heinz Bergmann
5 Min

BERLIN, 19. September. Es ist dies ein neues Kapitel der unendlichen Geschichte einer vom Sterben bedrohten Sportstätte: Die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) will die Trabrennbahn Karlhorst für eine Mark abgeben. Doch derjenige, dem sie dieses so großzügig scheinende Angebot unterbreitet, weist dies als "höchst unsittlichen, unannehmbaren Antrag" zurück. "So wie sich das die TLG vorstellt, würde uns dieses Geschenk unweigerlich in den Ruin stürzen", kommentiert Hermann Gerbaulet, Präsident des Berliner Trabrennvereins, den jüngsten Vorstoß der Behörde, die für den Bundesfinanzminister als Eigentümer des Wuhlheider Areals fungiert. Denn vorgesehen war alles ganz anders. Als im Sommer 1999 der damalige Bahn-Pächter "Trabrennpark Karlshorst" nach finanziellem Missmanagement den Offenbarungseid leisten musste und ein Insolvenzverfahren eingeleitet wurde, konnte der Untergang nur durch eine konzertierte Aktion verhindert werden. Die TLG, das Bezirksamt Lichtenberg, Abgesandte des neu zu gründenden Berliner Rennvereins sowie Vertreter der Karlshorster Besitzervereinigung saßen an einem Tisch. Alle seien sich einig gewesen, sagt Gerbaulet, "dass die Rennbahn als ausgewiesenes Kulturdenkmal auf jeden Fall erhalten werden muss. In Karlshorst sollte eines der modernsten Trainingszentren Europas entstehen". Vier Millionen für neue StälleDie TLG wollte aus dem Verkauf von nichtsportgebundenen Randflächen einen "zweistelligen Millionen-Betrag" zur Verfügung stellen, allein für das Stallgelände waren vier Millionen im Gespräch. "Wir sahen zugleich die Möglichkeit, die alten Ställe in Mariendorf zu räumen und ein Teilstück des dortigen Areals zu verkaufen. Den Erlös wollten wir nutzen, um die Derbybahn zu einer der schönsten Eventbahnen Europas auszubauen."Schöne Träume von gestern. Der Spatenstich für die neuen Stallungen in Karlshorst war für Frühjahr 2001 vorgesehen. Getan hat sich nichts. Nach Ausscheiden der bisherigen Geschäftsführerin und wechselnden Gesprächspartnern stellte Gerbaulet bei der TLG "eine spürbare Zurückhaltung" fest, die schließlich in "eine neue Politik" umschlug: "Es geht der TLG jetzt nur noch darum, das Sportgelände Karlshorst so schnell wie möglich los zu werden. Sie wollen nicht mehr investieren, suchen aber einen Dummen, der das Risiko trägt und die hohen laufenden Kosten für die Unterhalt und Renndurchführung übernimmt. Wir können und werden uns darauf nicht einlassen." Mit Verwunderung nehmen auch die Verantwortlichen im Bezirksamt Lichtenberg das neue Kaufangebot zur Kenntnis. "Das wird so sicher nichts", erteilt Baustadtrat Andreas Geisel (SPD) - ohne Details zu wissen - den neuen TLG-Vorstellungen eine Absage. Das Bezirksamt habe sich intensiv für die Umwidmung der Randflächen in Bauland eingesetzt, aber es werde keinen Plänen zustimmen, bei denen der eine - sprich die TLG - den Gewinn einstreicht und die anderen das Risiko tragen. "Der Rennverein allein", so stimmt Geisel dem Traber-Präsidenten nachdrücklich bei, "ist ohne die versprochenen Investitionen nicht in der Lage, den Sport zu organisieren. Selbst bei größtem Engagement ist da ein Crash vorgezeichnet. Wir werden nicht zulassen, dass es so weit kommt. Die Rennbahn ist ein denkmalgeschütztes Kulturgut und ein Wahrzeichen unseres Bezirkes."Für den heutigen Donnerstag hat sich ein TLG-Vertreter bei Traberchef Gerbaulet zum "Arbeitsgespräch" angemeldet. Den drückt nun ein zusätzliches Problem. Denn Teil zwei seines Gesamtplanes zur Gesundung des Berliner Trabrennsports ist längst angelaufen. Das Teilgrundstück auf der Mariendorfer Bahn ist verkauft, mit dem Abriss der alten Ställe wurde Anfang September begonnen. Ein Teil der Trainer war mit ihren Pferden längst ins Umland gezogen, einige, wie Karlheinz Pompetzki, haben jetzt Zuflucht bei den Galoppern in Hoppegarten/Neuenhagen gefunden, andere suchen noch. Europameister Manfred Zwiener jedenfalls ist höchst verärgert: "Ich habe 40 Pferde auf der Mariendorfer Bahn und nun soll ich hier von einen Tag auf den anderen umziehen und mich verschlechtern." Zwiener hätte nichts dagegen, nach Karlshorst zu gehen, "doch die alten Ställe dort kann man niemandem zumuten und die neuen sind belegt."Umsatz und Preise steigenDie Zukunft des Berliner Trabrennsports ist mit einem Schlag wieder höchst ungewiss. Was vor allen Dingen die aufstrebende Karlshorster Bahn betrifft. Denn als eine der wenigen in Deutschland weist sie eine steigende Akzeptanz auf. Bis Ende August wurde ein Totoumsatz von 6,513 Millionen Mark registriert (Vergleichszeitraum 2000: 6,176). Und das bei zwei Renntagen weniger (32 statt 34). Auch die Rennpreise - wichtig für Pferdebesitzer und Trainer - sind gestiegen (von 751 000 auf 804 000 Mark).Geschäftsführer Uwe John flüchtet sich ob des neuen TLG-Vorstoßes in Sarkasmus: "Es gibt Geschenke, die können einem so ziemlich alle Hoffnung nehmen."Pferderennbahn seit 1894 // Eingeweiht wurde die Karlshorster Bahn am 9. Mai 1894. Bis zum zweiten Weltkrieg diente sie als Hindernisbahn. Erst seit 1. Juli 1945 wird hier getrabt. Derzeit stehen 300 Pferde, die von 20 Trainer betreut werden, in Karlshorst.Das TLG-Konzept sah ursprünglich vor, durch Verkauf von nicht unbedingt für den Sport nötigen Flächen Einnahmen von rund 80 Millionen Mark zu erzielen. 15 bis 20 Millionen sollten in den Ausbau der Rennbahn investiert werden.Im Sommer 2000 vereinbarte die TLG mit dem Berliner Trabrennverein einen langfristigen Pachtvertrag. Der Verein zahlt je Renntag 2 500 Mark. Die laufenden Kosten (wie Straßenreinigung) trägt die TLG. Der Vertrag läuft bis 2006.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Pferde gehören zu Karlshorst. 1894 wurden hier die ersten Hindernisrennen ausgetragen, seit 1945 wird getrabt.

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