Der zauberhafte Blick auf den Bosporus, unbesorgtes kollektives Tanzen zu Popmusik, Alkoholflaschen, für die man ein Monatsgehalt ausgeben soll… Der Klub Reina in Istanbul, der zum Schauplatz des Terroranschlags in der Silvesternacht wurde, stand mit seiner Extravaganz, seinen berühmten Gästen und seinem Hedonismus immer im Fokus der Medien. Ein Lieblingsort der reichen „weißen Türken“ und jener Touristen, die nach dem glamourösen Istanbul suchen. Und ein sehr symbolischer Ort, wenn man das Nachtleben einer Stadt dramatisch zerstören will.
Vor der blauen Moschee, im Flughafen Atatürk und jetzt im Reina: Die Anschläge in Istanbul finden oft da statt, wo das Leben besonders aufregend oder hektisch tickt. Das zeitigt Wirkung, die Menschen haben immer mehr Angst davor auszugehen. Nicht nur der Tourismus leidet darunter, auch die Kultur- und Unterhaltungsindustrie. Elif Cemal von der wichtigen Istanbuler Veranstaltungsagentur Pozitif sagt: „Die Leute verlieren ihr Sicherheitsgefühl, und natürlich kümmern sie sich nur um ihr Leben und das Leben ihrer Geliebten.“
Kulturelle Verödung
Die kulturelle Verödung, unter der Istanbul zunehmend leidet, ist vor allem im Stadtteil Beyoglu zu beobachten, dem multikulturellen Zentrum des Kultur- und Nachtlebens, wo im Mai 2013 die Gezi-Proteste stattgefunden haben. Wo sonst alle Schichten der Gesellschaft auf den Straßen aßen und tranken, wo die Subkulturen ein Stück Lebensraum fanden, herrscht jetzt eine angespannte Unsicherheit.
„Aber nicht nur der Terror bedroht das Nachtleben, den wichtigsten Aspekt der urbanen Kultur“, sagt die Kulturjournalistin Elif Türkölmez, „sondern vor allem auch die profitorientierte Politik der Regierung.“ Die Machthaber wollten nur noch nur Leute sehen, „die nach ihren Maßstäben sauber, passend und vernünftig sind.“
Viele der prägenden Institutionen des Stadtteils wie die Konzerthalle Babylon, das Restaurant Otto oder The House Cafe – beide auch für ihre DJ-Veranstaltungen bekannt –, wurden in den letzten zwei Jahren entweder geschlossen oder sind umgezogen. An ihrer Stelle findet man nun Einkaufszentren oder andere Etablissements, die sich mit der kitschigen Imitation islamisch-ottomanischer Ästhetik an die konservativen Bewohner Istanbuls und die Touristen aus dem Nahen Osten wenden – beides ökonomische Zielgruppen der regierenden AKP.
Das ist alles keine neue Entwicklung, schon seit den Gezi-Protesten hat das Istanbuler Kulturleben an Boden verloren. Elif Türkölmez sieht es auch so: „Die Gesellschaft hat sich seit Gezi polarisiert. Ladenbetreiber, die trinkende Menschen auf der Straße angreifen, Belästigungen, steigende Mieten – das alles hat dazu geführt, dass die Linken, die LGBT, die Arbeitslosen, die Musiker, die Dichter Beyoglu verlassen haben. Wenn sie nicht einfach vertrieben wurden.“
Unsicherheit und Einsamkeit
MiniMüzikhol in Beyoglu ist einer der wenigen Klubs in der Stadt mit einem breiten Spektrum an elektronischer Musik von House bis Dub. Mehmet Agaoglu arbeitet dort als Promoter und DJ; er sagt, dass man es als Klubbetreiber in Istanbul nie so schwer hatte wie jetzt: „Mit einer Regierung, die hohe Steuern auf Alkohol erhebt, um Geld zu beschaffen; mit der lächerlich betitelten Unterhaltungssteuer und dem Wertverlust der türkischen Lira gegenüber Euro und Dollar – mit alldem wird es immer schwieriger, Musiker zu buchen und Festivals zu machen. Und wegen der Anschläge, der Sicherheitsprobleme, der immer konservativer werdenden Stimmung gehen die Leute auch kaum noch aus.“
Diese Problematik zeigt sich nicht nur in Beyoglu. Göktan Budakoglu besizt in Kadiköy, dem kulturellen Zentrum auf der asiatischen Seite Istanbuls, einen der beliebtesten und traditionsreichsten Klubs, das Arkaoda. „Ich bin seit 20 Jahren in diesem Geschäft, und im letzten Jahrzehnt habe ich keine einzige positive politische Regelung erlebt,“ sagt er. „Die Regierung sieht alle, die nicht auf ihrer Seite sind, als ,die Anderen‘; die Dynamik des Kultur- und Nachtlebens findet sie grundsätzlich oppositionell. Nur die Reichen dürfen rausgehen und sich amüsieren. Der Rest soll zu Hause bleiben.“
Es gibt natürlich auch Veranstalter, die der AKP nahe stehen – und die sind mit der Regierung sehr zufrieden, da sie angeblich die Existenz der Mafia im Nachtleben beendet habe. Für Göktan Budakoglu ist die Botschaft der Regierung eindeutig: „Sei nicht oppositionell und halt still!“ Das Gefühl, das ihm und seinen Gleichgesinnten bleibt, ist: Unsicherheit und Einsamkeit.
Nun war die Türkei nie ein einfacher Ort für Veranstaltungen jenseits des Mainstreams: „Es war schon immer verrückt, eine Karriere mit nicht-angepasster Musik zu versuchen. In diesem Land kann man sich nur aus Leidenschaft für so etwas entscheiden,“ sagt die Veranstalterin Elif Cemal. „Wir hatten immer terroristische Attentate, einen schwierigen Markt für Künstler; wir standen, was internationale Stars angeht, immer abseits der üblichen Tournee-Routen.“
Trotzdem habe sich in den Nullerjahren viel zum Besseren gewendet: Istanbul stieg zu einer wichtigen Musikmetropole auf, von Pop über Jazz bis zur elektronischen Avantgarde. „Aber in den letzten drei oder vier Jahren schien es so, als ob die ganze Welt sich gegen uns verschworen habe, damit wir aufgeben und aufhören“, sagt Cemal. „Und internationale Musiker haben inzwischen Angst vor einem Türkei-Besuch, manche boykottieren die diskriminierende Politik der Regierung.“
Abgesagte Konzerte
In den letzten Monaten wurden viele große Konzerte abgesagt, etwa von Morrissey, Sia und Muse. Ist die Popkultur in der Türkei also am Ende? Eine Mehrheit der Türken würde das gleichwohl verneinen. Denn man muss auch wissen, dass unter dem Begriff der Popkultur dort – anders als in Westeuropa – eigentlich nur der Mainstream für die Massen firmiert. Darunter fallen gerade nicht das Klubleben oder die Rockmusik, sondern eher lokale Fernsehserien mit grotesken Familiengeschichten oder massenproduzierte Filme.
Zu dieser Polarisierung haben allerdings auch die Hochkultureliten der Kemalisten jahrelang beigetragen, indem sie alles ablehnten, was traditionell oder islamisch ist. Jetzt, wo die AKP die Macht und das Geld hat, setzt sie ihre eigene Popkultur überall durch und nimmt auf diesem Weg quasi Rache. Darunter leiden nun aber gerade diejenigen am meisten, die weder den Massen noch der Elite dienen und mit eigenen Mitteln ein neues, weltoffenes Kulturleben erschaffen möchten. Sie müssen sich heute, mehr denn je, als an den Rand gedrängte Minderheit fühlen.
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