BERLIN. "30 Fragen in Hessen, hundert Fragen in Baden-Württemberg - wer bietet mehr?" Der wiedergewählte Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, kritisierte nicht nur die Einbürgerungstests scharf. Auf dem Bundeskongress der Gemeinde in Berlin bezeichnete Kolat am Wochenende auch die Debatte um die Erhöhung des Nachzugalters von Ehepartnern und verschärfte Aufenthaltsgesetze als kontraproduktiv für die Integration von Zuwanderern. Stattdessen forderte er, Bildungspolitik zur Priorität zu machen. Die Gemeinde selbst startete eine Bildungsoffensive mit dem Motto "Zukunft unserer Kinder - Reichtum unseres Landes."Kolat warf Politikern vor, sich mit Sanktionsvorschlägen gegenüber Zuwanderern gegenseitig zu überbieten. Millionen Menschen würden so ausgegrenzt. Harte Vorwürfe kamen vom türkischen Botschafter, Mehmet Irtemcelik. Es sei "unmoralisch", sehr schädlich und unakzeptabel, "primitive Handlungen" wie den Ehrenmord an Hatun Sürücü beharrlich aufzubauschen. Dadurch würde die Gesellschaft gegen den Islam, die Türken und die Türkei eingestimmt und "wissentlich versucht", die Integration zu sabotieren. Es sollte nicht vergessen werden, dass in der Geschichte noch keine Gemeinschaft durch Kränkungen gewonnen worden sei.Unterstützung erhielt die Gemeinde von Grünen-Chefin Claudia Roth und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (PDS). Roth sprach von einem "Wettlauf populistischer Stimmungsmache". "Wo ist die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes, der Islam?", fragte Roth mit Blick auf das letzte Woche gestartete "Bündnis für Erziehung". Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte nur die christlichen Kirchen eingeladen. Pau verlangte, das Bündnis für die Türkische Gemeinde und weitere Organisationen zu öffnen. Roth sagte, dass nicht nur von christlicher Leitkultur gesprochen werden sollte. Es sei auch falsch, vorbildlich integrierte Kinder, "die unsere Kinder sind", auszuweisen. Gemeindechef Kolat nannte stolz die Erfolge der Integration. So sei die jüngste Professorin der Bundesrepublik türkischer Herkunft. Kolat kündigte aber an, dass seine Gemeinde stärker als bisher an türkische Eltern appellieren werde, sich aktiv um ihre Kinder in den Schulen zu kümmern. Die Migrationsforscherin Ingrid Haller schlug eine kostenlose Kinderbetreuung ab dem Säuglingsalter vor. Berlins Bildungssenator Klaus Böger (SPD) sagte: "Wer in diesem Land lebt, muss deutsch sprechen können."Die CDU hatte Innen-Staatssekretär Peter Altmeier zum Kongress geschickt. Von Altmeier hörte man ziemlich Erstaunliches: "Christentum und Islam sind im Kern friedlich und tolerant." Nur einzelne Menschen hätten immer wieder Religionen missbraucht. Und laut Altmeier hat Deutschland unendlich von den Philosophien und Religionen der Einwanderer profitiert. Grünen-Chefin Roth wollte von ihm die Rede schriftlich haben, um dessen Lobpreisungen zur Integration in der CDU verteilen zu können.------------------------------Foto: Wiedergewählt: Kenan Kolat, Türkische Gemeinde.------------------------------Foto: Türkische Mutter mit Kind in Berlin-Kreuzberg
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