Und die Rabattaktion zeigt Wirkung: Die Kunden schieben vollgepackte Einkaufswagen vor sich her und reihen sich in die Warteschlangen an den Kassen ein. Auf dem Gehsteig vor dem Geschäft preist ein Verkäufer laut rufend und klatschend die Angebote an. Die Szene erinnert an einen türkischen Basar.
Nebahat Özdemir steht vor ihrem Laden und sieht dem Trubel nebenan besorgt zu. Sie hat an diesem Tag nicht viel zu tun. Im Özde Süpermarket ist nichts los. Ihre Kunden kaufen heute woanders, bei Eurogida. So einen Supermarkt brauche der Wrangelkiez nicht, sagt Nebahat Özdemir. Türkische Lebensmittelläden gebe es schon zur Genüge.
Die Geschäftsfrau und ihr Mann befürchten nun Umsatzeinbußen und Dumpingpreise. Ein Kilo Tomaten kostete bei ihnen bislang 1,79 Euro. Sie kenne das schon von anderen Eurogida-Filialen, sagt Özdemir. „Überall, wo die aufgemacht wurden, mussten angestammte kleinere Läden schließen.“
Die Kunden des Özde Süpermarket sind zu 80 Prozent Deutsche. Gerade um diese Kundengruppe fürchtet die Unternehmerin nun. Im Wrangelkiez sei es durch die massiven Mietsteigerungen ohnehin schon schwer, sich über Wasser zu halten.
Dialog soll Lösung bringen
Nebahat Özdemir hat gemeinsam mit anderen Händlern eine Unterschriftenaktion gestartet. Auf Listen, die in den Geschäften ausliegen, können die Kunden mit ihrer Unterschrift ihre Solidarität für die kleinen Läden ausdrücken.
„Eine solche Aktion bringt politisch nichts“, meint Ralf Ruthsatz, der frühere Vorsitzende des ehemaligen Gewerbetreibende-Vereins im Wrangelkiez „WrangelVision e.V.“ Vor einem Jahr habe der Verein schließen müssen, gerade weil sich die türkischen Gewerbetreibenden nicht dafür interessiert hätten, gemeinsam etwas zu bewegen. Jeder habe nur an den Konkurrenzkampf gedacht. Doch gerade für diese Konfliktfälle sei WrangelVision ja dagewesen, so Ruthsatz.
Aktiv geworden sind in dem Konflikt nun andere. Während sich die „Wrangelkiez Initiative gegen Mietsteigerungen“ kämpferisch gibt und mit Flyern auf Deutsch und Türkisch zum Boykott von Eurogida aufruft, tritt das Projekt „Lokal.Leben“ als Streitschlichter auf.
Für nächsten Dienstag haben die Initiatoren ein Treffen zwischen beiden Parteien im Nachbarschaftshaus in der Cuvrystraße organisiert und moderieren den Dialog. Ziel ist es, eine Lösung zu finden, wie alle Gewerbetreibende nebeneinander im Kiez wirtschaften können. „Ich erhoffe mir aber nichts davon“, sagt Nebahat Özdemir resignierend.
Bei der Eurogida-Gruppe gibt man sich demonstrativ gelassen. „Ich finde die Unterschriftenaktion sogar toll“, sagt Önder Irgi, Geschäftsführer und Sohn des Besitzers der Eurogida-Gruppe. Es sei doch gut, wenn sich Menschen für ihren Kiez einsetzen. Er hoffe, auch bald dazu zu gehören.
Wettbewerb statt Preisdumping
Die Eurogida-Gruppe ist ein Familienunternehmen. Begonnen haben Irgis Eltern mit einem Markt in Rudow. Mittlerweile besitzt die Familie Filialen in Spandau, Wilmersdorf, Tiergarten, Wedding, Neukölln, Schöneberg und Steglitz. Der Supermarkt in der Kreuzberger Wrangelstraße ist die neunte. Der Vorteil von Eurogida sei vor allem die größere Vielfalt, ist Irgi überzeugt.
Neben türkischen Produkten werden bei Eurogida auch jugoslawische, bulgarische und deutsche Waren verkauft. Gegen den Vorwurf des Preisdumpings wehrt er sich allerdings entschieden. „Wir passen uns mit den Preisen immer den jeweiligen Bezirken an“, sagt er. Man wolle die anderen Geschäfte auf keinen Fall zerstören. Doch die angestammten Geschäfte müssten sich angesichts des erhöhten Wettbewerbs auch weiterentwickeln, sagt Irgi, das hätten sie lange Zeit versäumt.
Özgür Gökyesil betreibt einige hundert Meter von Eurogida entfernt seinen Obst- und Gemüseladen. „Das stört die Atmosphäre der Straße, wenn von draußen einer kommt, der nicht dazugehört“, sagt er. Existenzängste quälen ihn aber nicht. An der Initiative vom Kiez beteiligt er sich nicht. Es bringe nichts, sagt er.
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